Nutzen ohne Last. So liesse sich das Konsumverhalten beschreiben, das auch ein Lebensgefühl ist: Teilen. Sharing-Dienste schiessen wie Pilze aus dem Boden. Dabei bieten Private auf Internetplattformen Dienste an, indem sie etwas teilen – das Auto, die Wohnung, die Couch usw.

Der Trend zur Nutzung ohne die Verpflichtung von Eigentum macht etwa Autobauern Sorgen. Immer weniger Junge erwerben ein Auto, es reicht ihnen, eins nutzen zu können, ohne sich um Versicherungspolicen oder einen fixen Parkplatz zu kümmern. Das hat Konsequenzen: Mieter in den Städten sind nicht mehr unbedingt bereit, für einen Parkplatz zur Wohnung zu zahlen, gab jüngst ein grosser Zürcher Immobilienentwickler zu bedenken.

Die totale Teilbarkeit

Das Gesetz der Teilbarkeit unterwirft Branche um Branche. Die Taxifahrer protestieren schon lange gegen den Mitfahrdienst Uber, aber auch Banken erhalten Konkurrenz durch Finanzierungsplattformen auf Gegenseitigkeit wie Crowdinvest. Peer-to-Peer-Kredite und Crowdfunding (vgl. Glossar unten) machen zwar derzeit noch eins bis zwei Prozent des Kreditvolumens aus, aber sie wachsen in den USA und in Europa mit Jahresraten von 30 Prozent. Damit könnten sie bis 2025 einen Marktanteil von 25 Prozent erreichen, wie die Credit Suisse (CS) in einem Artikel vorrechnet. Auch die Beratungsindustrie bekommt Konkurrenz, nämlich durch die Bewegung von Open Innovation (Atizo), und Plattformen wie Gengo machen klassischen Übersetzungsbüros die Kunden streitig – und zwar global. Es lassen sich mittlerweile sogar «teilbare» Grafik- und Designanwendungen (99designs) oder Filmschneideservices finden. Die Musikverleihindustrie ächzt unter Streamingdiensten wie Spotify.

Auch der Arbeitsplatz wird neu definiert: Coworking heisst hier das Schlagwort. Angesichts der steigenden Zahl von Freiberuflern dürften Plattformen, die sie mit Auftraggebern zusammenbringen, sowie Anbieter gemeinschaftlich genutzter Arbeitsräume ebenfalls rapide wachsen, schreibt die CS weiter. Die Anzahl der Co-Working-Büros in den USA habe sich in den letzten fünf Jahren jährlich verdoppelt. Damit dürften Freelancing-Plattformen traditionellen Personaldienstleistern früher oder später Marktanteile und Gewinne abjagen.

Auf den Weg gebracht wurden viele dieser Dienste oft von Tüftlern, die ein privates Problem für sich lösen wollten – so zumindest gehen die Gründungslegenden. So soll Garrett Camp und Travis Kalanick die Idee für Uber auf einer Reise in Paris gekommen sein, als sie bemerkten, wie schwierig es ist, ein Taxi zu kriegen. Da gründeten sie kurzerhand Uber. Se non è vero è ben trovato – wenn es nicht stimmt, ist es zumindest gut erfunden.

So oder so: Sharing ist unterdessen eine Industrie, die bestehende Geschäftsmodelle über Nacht infrage stellen kann. Die Sharing Economy etabliert sich etwa in Form von Airbnb oder Coworking Spaces vermehrt auch im Immobilienmarkt. Dies belegen neuste Zahlen, die heute Abend im Immo-Monitoring von Wüest & Partner veröffentlicht werden.

Alle Macht den Konsumenten

Airbnb wurde 2013 gegründet und gilt als die erste Plattform, auf der Leute in der ganzen Welt ihre Wohnung für ein kleines Entgelt als Unterkunft für Reisende anbieten. Vom WG-Charme mit Internationalitätsbonus, der darüber hinaus vom unsympathischen Touristenstatus befreit, hat sich Airbnb zum Anbieter ganzer Häuser in typischen Tourismus-Metropolen wie Rom und New York gemausert. Hotels können dabei immer weniger mithalten. Kritiker der Sharing Economy monieren nämlich, die Plattformen würden Dumping betreiben und davon leben, dass sie keine Auflagen erfüllen müssen. So bestehe bei Uber keine Garantie für die Ausbildung der Chauffeure, Airbnb zahle keine Beherbergungsabgaben oder Steuern.

Tatsache ist, dass sich für den Konsumenten eine Welt neuer Möglichkeiten öffnet – auf eigene Gefahr zwar, aber sicher zu einem günstigen Preis. Dass die Qualität dabei auf der Strecke bleiben muss, dürfte zu einem gewissen Teil auch Wunschdenken etablierter Unternehmen sein, die die neue Konkurrenz fürchten. Aufzuhalten ist der neue Wirtschaftszweig ohnehin nicht, sollte er sich als nachhaltig nützlich erweisen.

Bekanntlich gibt es nichts Mächtigeres als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. So ganz neu ist das Teilen zwar nicht. So wurde in der Schweiz das Carsharing durch Mobility 1997 gegründet. In Deutschland sind Fahrgemeinschaften seit je populär und Autostopp war in den 1960er-Jahren geradezu ein Volkssport, mit dem man unter Umständen weit reisen konnte. Aber gerade das Beispiel der Fahrgemeinschaften zeigt, wie wichtig die neuen Technologien als Erfolgsfaktor sind. Sie lassen sich heute per Mausklick bilden. Es sind denn auch die Möglichkeiten des Internets, die die Zeit der Sharing-Idee endgültig haben kommen lassen. Es ist diese neue Dimension, die aus einem Hype unter Hipstern einen Konsumtrend gemacht hat, der dem Sharing sein disruptives Potenzial gibt.