Es wäre ein beschaulicher Flecken der oberrheinischen Tiefebene, ein Veloparadies mit wogenden Feldern und schmucken Dörfern voller «Winstuben» und bunten Hausfassaden, wie es hier im Elsass Brauch ist. Und doch taucht Fessenheim in den wenigsten Fremdenführern auf. Der Grund ist das lokale AKW. Dabei wird es nicht einmal durch Kühltürme verunstaltet: Das Fliesswasser des Rheinseitenkanals kühlt die Reaktoren zur Genüge.

Dies bringt allerdings auch ein Problem mit sich. «Die Meiler liegen neun Meter unterhalb des Kanals», meint der bekannteste Fessenheim-Gegner, der Atomphysiker Jean-Marie Brom, durch seinen weissen Vollbart. «Wenn die Deiche brechen, könnte es zu einer ähnlichen Überschwemmung wie in Fukushima kommen.»

Meiler in der Erdbebenzone

Damit ist ein weiteres Problem angesprochen: Fessenheim liegt in einer Erdbebenzone, die sich durch den Rheingraben zieht. Nicht gerade der beste Standort für ein AKW. 1977, als der Doppelreaktor von Fessenheim eröffnet wurde, als erster des 58-köpfigen AKW-Parks in Frankreich, sah man geflissentlich darüber hinweg. Im Dorf tut man das noch heute. «Das AKW wurde nachgerüstet, es würde sogar ein Erdbeben von 6,5 auf der Richterskala aushalten, wie es 1356 die Stadt Basel in Trümmer legte», weiss der Bürgermeister von Fessenheim, Claude Brender.

Immerhin verlangen die Regierungen Deutschlands und der Schweiz seit Jahren und mit Nachdruck die Stilllegung von Fessenheim. Die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks erinnert aber auch daran, dass der Südwestwind die radioaktiven Wolken nach einem Unglück direkt nach Stuttgart tragen würden, wo Hunderttausende von Menschen leben.

Im Dreiländereck wird seit Jahren gegen Fessenheim mobilisiert. 2014 drangen 56 Greenpeace-Aktivisten in das AKW-Gelände ein, um vor den Risiken der ältesten «centrale nucléaire» Frankreichs zu warnen. Eine laufende, von 28 000 Personen unterzeichnete Petition – eine von vielen – rechnet vor, dass bei einem «Fukushima-Szenario» eine Million Menschen unter anderem aus Mulhouse, Colmar, Freiburg oder Basel evakuiert werden müssten.

2012 hatte der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande dem Drängen der grünen Koalitionspartner nachgegeben und in Punkt 41 seiner Wahlversprechen schwarz auf weiss festgehalten: «Ich werde das AKW Fessenheim abschalten.» Einmal im Élysée, nannte er als Schliessungstermin des dienstältesten und umstrittenen Meilers «Ende 2016».

Im Dorf und im AKW Fessenheim hat Hollande deshalb nicht mehr viele Freunde. Vor dem hübsch begrünten Rathaus hängt ein Transparent über die Strasse: «AKW geschlossen, Einwohner und öffentliche Dienste geopfert.» Gegenüber meint die Bäckerin, im Fall einer Werksschliessung würden nicht nur Hunderte von EDF-Angestellten das Dorf verlassen, sondern auch die Boulangerie oder die Kleinläden dichtmachen. Und was sie nicht sagt: Electricité de France (EDF), der mächtige staatliche Energiekonzern, würde dann kaum mehr 70 Prozent des Gemeindebudgets tragen.

Zuerst ein Energiewendegesetz

Die Stilllegung von Fessenheim war für Hollande Teil eines umfassenden Energiekonzeptes, das den Atomanteil an der nationalen Stromproduktion von heute 75 Prozent bis 2015 auf 50 Prozent senken will. Ein gigantisches Unterfangen. Ein «Energiewendegesetz» machte 2015 den Beginn. Als Mittel zur CO2-Reduktion wird die Wind- und Sonnenenergie genannt. Und die Atomkraft. Deren Nennleistung wird in dem Gesetz plafoniert – allerdings auf 62,3 Gigawatt im Jahr, gleich viel wie heute. «Damit könnten alle 58 Atomreaktoren am Netz bleiben», erboste sich Greenpeace und rechnete vor, dass Frankreich nicht nur Fessenheim schliessen wüsste, sondern 15 weitere Meiler, wenn es die Atomstromproduktion wirklich auf 50 Prozent herunterfahren möchte. Fessenheim könne erst abgestellt werden, wenn in Flamanville (Normandie) der neuartige Druckwasserreaktor EPR fertig gebaut sei, meinte die Umweltministerin Ségolène Royal.

Das wird frühestens 2018 der Fall sein – wenn Hollandes Amtszeit abgelaufen ist. Dass der unpopuläre Präsident wiedergewählt wird, ist unwahrscheinlich. Und die konservativen Präsidentschaftsfavoriten erklären, sie würden das AKW Fessenheim nicht stilllegen. Favorit Alain Juppé hat dies sogar in einem Brief an Parteifreund Brender im Rathaus von Fessenheim schriftlich festgehalten.

Hollandes Versuch, sowohl die nationale Nuklearindustrie wie auch die Umweltschützer zufriedenzustellen, wird für alle Seiten zum Desaster. Die grüne Partei EELV ist vor zwei Jahren wütend aus der Regierung ausgetreten, und die verunsicherten Atomkonzerne EDF und Areva sind in eine schwere Krise geschlittert.

Mit den nahenden Präsidentschaftswahlen (Mai 2017) will Hollande wenigstens noch einen formellen Schliessungsentscheid durchdrücken. Im August drängte er die EDF – an der die französische Regierung mit 85 Prozent der Anteile das Sagen hat – zu einem Abfindungsvertrag von vorerst 400 Millionen Euro für die Fessenheim-Abschaltung. Mitte September soll die AKW-Belegschaft über das Stilllegungsdekret informiert werden. Gewerkschaften und EDF-Chef Jean-Bernard Lévy setzen aber alles daran, die Termine hinauszuzögern. Und selbst wenn es Hollande gelingen sollte, das Fessenheim-Dekret noch vor Mai 2016 zu unterzeichnen, sind die Folgen umstritten: Juristen sind sich uneins, ob ein neuer Präsident das Dekret einfach aufheben könnte – oder das Genehmigungsverfahren neu beginnen müsste.

Absurde Lage

Auch im Elsass ist niemand glücklich über die ungeklärte Situation, klagt Aline Baumann vom Verein «Stop Fessenheim» über das «politische Rumgedruckse», das die jahrelang erkämpfte und endlich nahe geglaubte Stilllegung plötzlich wieder in weite Ferne rücke. «Während Italien, Österreich, die Schweiz oder Deutschland ihre Energiepolitik mutig revidiert haben», meint die Vereinspräsidentin, «ist Frankreich schlicht unfähig, aus der Atomkraft auszusteigen.»