Nach jahrelangem politischem Hin und Her gibt es nun kein Zurück mehr: Am 1. Januar 2017 tritt das Swissness-Gesetz in Kraft. Es soll sicherstellen, dass Produkte nicht zu Unrecht mit dem Schweizer Kreuz beworben werden. Vereinfacht gesagt: Nur was mindestens 80 Prozent Schweizer Rohstoffe enthält, soll das Kreuz tragen dürfen.

Im Vorfeld hatten mehrere Markenhersteller, von Toblerone (Mondelez) bis Knorr (Unilever) gewarnt, das Gesetz sei kontraproduktiv und man werde in Zukunft auf das Schweizer Kreuz verzichten müssen, obwohl man hierzulande produziere. Eine Umfrage bei den Herstellern zeigt nun: Das waren keine leeren Drohungen.

Konsequenzen hat das Mammut-Gesetz beispielsweise für die Aargauer Getränkefirma Rivella: «Wir werden das Schweizer Kreuz auf den Etiketten unserer Michel-Fruchtsäfte zurückstufen müssen», sagt Sprecherin Monika Christener. Die Orangen- und Multivitamin-Säfte werden zum Teil aus ausländischen Fruchtkonzentraten hergestellt, aber in Rothrist AG abgefüllt. Die Getränkefirma Ramseier, die zum Bauern-Genossenschaftsriesen Fenaco gehört, prüft ebenfalls Anpassungen bei seinen Fruchtsäften.

Nestlé ändert Verpackungen

Auch der Grosskonzern Nestlé, der Traditionsmarken wie Thomy-Mayonnaise, Leisi-Teig oder Cailler-Schokolade produziert, muss zurückkrebsen. «Bei einigen Produkten liessen sich die Swissness-Auflagen nur mit umfangreicheren Änderungen einhalten», sagt Sprecher Philippe Oertle. «Wir beabsichtigen, bei diesen Produkten die schweizerische Herkunftsbezeichnung zu entfernen.» Man sei zurzeit daran, die Verpackungen umzugestalten.

In vielen Unternehmen herrscht zudem grosse Unklarheit. Erst kürzlich hat die Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien (Fial) ein Rundschreiben an seine Mitglieder verschickt. Zu ihnen gehören über 200 Produktionsbetriebe von Firmen wie Migros, Coop, Emmi, Hero, Kambly, Nestlé oder Unilever. Im Schreiben, das der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, werden 30 Zutaten aufgelistet, zu denen die Mitglieder Ausnahmebewilligungen vom Bund verlangen, wie zum Beispiel bei Käsepulver, Weizenstärke oder Himbeerkonzentrat. Fial-Chef Urs Furrer bestätigt die aufgelisteten Problemfälle: «Am Schluss dürften es sogar 40 sein. Viele dieser Zutaten sind in der Schweiz nicht in der nötigen Qualität oder Menge erhältlich.»

Bis Ende Monat muss die Fial alle Produzentenorganisationen konsultieren und dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) die Begehren einreichen. «Einen Entscheid erhalten wir aber erst im November», sagt Furrer. «Dies hat zur Folge, dass die Mitglieder Entscheide im Blindflug fällen müssen.» Denn je nachdem, ob die Anträge gutgeheissen werden oder nicht, muss die Verpackung per 2017 angepasst werden. Doch das benötigt Vorlaufzeit. «Wir müssen schon jetzt neue Verpackungsdesigns ohne Swissness-Deklaration in Auftrag geben, weil wir nicht wissen, wie das BLW entscheiden wird», sagt der Chef einer bekannten Schokoladenfirma. Zusatzkosten sind unausweichlich. «Unsere Mitglieder sind verunsichert, es ist eine Zitterpartie», sagt Fial-Chef Urs Furrer. «Das Gesetz hat hehre Absichten, aber es ist völlig falsch rausgekommen. Und nun ist auch die Umsetzung ein Debakel.»

Der Marmeladen-Minister

Patrik Aebi vom BLW spielt den Ball zurück: «Bis heute haben wir von der Nahrungsmittelindustrie erst acht Begehren für Ausnahmebewilligungen erhalten.» Wenn weitere Anträge eingereicht würden, sei man aber vorbereitet. «Alle werden rasch bearbeitet.» Jedes Begehren muss bürokratische Hürden überwinden. Das BLW hört zuerst eine Koordinationsgruppe an, bestehend aus Fial-Chef Urs Furrer, Daniel Imhof von Nestlé, Martin Rufer vom Bauernverband, Pierre-Yves Perrin vom Getreideproduzentenverband und den Konsumentenschützerinnen Josianne Walpen und Barbara Pfenninger.

«Danach bereiten wir einen Antrag an das Wirtschaftsdepartement vor», sagt Aebi. Der Departementschef, Bundespräsident Johann Schneider-Ammann, fällt dann den Entscheid, ob der Antrag gutgeheissen wird. «Sollte zum Beispiel die Zwetschgenernte in der Schweiz verhagelt werden, könnten Hersteller von Zwetschgen-Konfitüre nach einer Ausnahmebewilligung verlangen, um dennoch mit dem Schweizer Kreuz werben zu dürfen», sagt Aebi. Sofern denn Schneider-Ammann als Marmeladen-Minister sein Okay gibt.