Das neue Swiss-Made-Gesetz führt zu mehr in der Schweiz erbrachter Wertschöpfung und stärkt den Werkplatz Schweiz. Warum wehren Sie sich dagegen?

Ronnie Bernheim: Ein grosser Teil der Wertschöpfung, die in der Schweiz durch Funktionen wie Marketing, Verkauf, Administration, Büro- und Zinsaufwand erzielt wird, wird im Gesetz gar nicht mitgerechnet. Wenn in Zukunft billigere, das heisst schlechtere Bestandteile im Ausland eingekauft werden müssen, um so den Schweizer Anteil zu erhöhen, dann schafft das keine zusätzliche Wertschöpfung in der Schweiz. Es benachteiligt bloss die Konsumenten und schädigt den Ruf der Schweizer Uhren.

Die Alternative ist, dass die Uhrenhersteller eben mehr Teile in der Schweiz einkaufen ...

... und die Uhrenpreise erhöhen, ohne Mehrwert für die Konsumenten. Auch dies ist für die Konsumenten schlecht. Beides führt zum Rückgang von Wettbewerbsfähigkeit und Umsatz, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen gehen verloren. Und neue Fabriken werden hochroboterisiert sein müssen, wie entstehen so Arbeitsplätze? Das Gesetz wurde in der Hochkonjunktur geschaffen, nun hat die Schweizer Wirtschaft wegen des starken Frankens schwer zu kämpfen. Nicht nur die IG Swiss Made ist gegen die jetzige Form von Gesetz und Verordnung, auch der Schweizerische Gewerbeverband warnt in aller Deutlichkeit. Und in der Uhrenindustrie ist eine noch viel schärfere Verordnung vorgesehen.

Strengere Regeln stärken doch das Label Swiss Made. Die Mehrheit der Uhrenindustrie kritisiert, dass mit der heutigen Regelung Uhren unter Swiss Made verkauft werden, obwohl diese hauptsächlich in Asien produziert werden. Es heisst Etikettenschwindel.

Das ist Unsinn. Da reden einige grosse Hersteller die bisherige Regelung schlecht, obwohl sie bis vor kurzem selber im grossen Stil in Billiglohnländern wie China einkauften und jetzt unliebsame Konkurrenten via Gesetz aus dem Markt drängen wollen. Wenn es anders wäre, hätten die Schweizer Uhren – auch die der KMU – nicht den hervorragenden Ruf und wären nicht so begehrt, wie sie es sind. Das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb schützt schon heute vor «Bschiss», Etikettenschwindel ist wenn schon die Begründung zu diesem Behinderungsgesetz. Natürlich wollen auch wir eine starke Marke Schweiz – aber so, dass sich auch mittlere und kleine Hersteller dies leisten können und nicht nur Marken der Konzerne und Luxusuhren überleben können.

Mehrere Zulieferer der Uhrenindustrie melden sich zu Wort. Es sei möglich, ein allfälliges zusätzliches Auftragsvolumen wegen der verschärften Swissness abzudecken. Wie sehen Sie das?

Innert zwanzig Jahren sind die meisten unabhängigen Zulieferanten im Bereich der unteren und mittleren Preislagen verschwunden oder durch Grosskonzerne aufgekauft worden und heute preislich im oberen Niveau angesiedelt. Fabriken in den unteren und mittleren Preislagen finden heute praktisch keine wettbewerbsfähigen Lieferanten mit Kapazität in der Schweiz. Komponentenhersteller mit Kapazität sind im Massengeschäft nicht konkurrenzfähig.

Das Gesetz tritt aber erst 2017 in Kraft mit einer Übergangsfrist von 2 Jahren.

Diese Woche ist das Gesetz beschlossen worden, die Uhrenverordnung ist noch unklar. Doch in einem Jahr nach Beschluss muss die verschwundene Zulieferindustrie wieder geschaffen sein? Und wer bei den Grossen einkaufen muss, sofern er überhaupt beliefert wird, der ist ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Mit verheerenden Folgen, wie sich bei den mechanischen Werken zeigt: Sie sind kaum erhältlich und werden dauernd teurer. Deshalb schweigen viele Uhrenfabrikanten: Sie haben Angst.

Eine Umfrage des Forschungsinstituts GfS Bern zeigt, dass 78 Prozent der Bevölkerung für schärferen Swiss-Made-Auflagen sind und 70 Prozent möchten, dass die Vorlage auf Anfang 2017 umgesetzt wird. Kann die IG Swiss Made diese Ergebnisse negieren?

Der wichtigste Teil zur Abwägung dieser Frage wurde den Konsumenten vorenthalten: Wären Sie bereit, deutlich mehr für die Produkte zu bezahlen, einen höheren Monopolisierungsgrad und Arbeitsplatzverluste in Kauf zu nehmen zur Steigerung des Schweizer Anteils? Die Komplexität und administrativen Folgen des Gesetzes ist ebenso wenig erklärt worden wie die einseitige Bevorzugung der grossen Hersteller und dass den vielen Kleinen das Messer an den Hals gesetzt wird.