Zum Interview fahren wir nach Wetzikon im Zürcher Oberland. Hier in den Minergie-Räumlichkeiten des Kabelherstellers Reichle & De-Massari waltet Hans Hess als Verwaltungsratspräsident. Das Familienunternehmen, das im vergangenen Jahr den fünfzigsten Geburtstag feierte, entliess kürzlich wegen der Frankenstärke 50 Mitarbeiter und transferierte die Arbeitsplätze nach Rumänien.

Herr Hess, treffen Sie uns hier, um zu beweisen, wie schlimm die Lage ist?

Hans Hess: Nein, nein, ich habe heute verschiedene Sitzungen hier und Sie kommen freundlicherweise zu mir. Und doch ist Reichle & De-Massari typisch für die heutige Situation, in der viele Betriebe stecken.

Wieso?

Wir haben volle Auftragsbücher, 2014 hatten wir gar einen Rekordumsatz erzielt. Doch unsere Produkte sind nach dem Wegfall des Euro-Mindestkurses im Ausland schlagartig 15 Prozent teurer geworden. Das stellt uns vor neue Probleme, obwohl wir in den letzten Jahren unsere Hausaufgaben gemacht haben und ausschliesslich auf Produkte setzen, die hoch spezialisiert sind.

Und doch müssen Sie 50 Stellen verlagern.

Betroffen sind vor allem Mitarbeitende mit geringer Berufsausbildung, die in der Produktion manuell Stecker montieren. Diese Arbeit ist in der Schweiz ganz einfach zu teuer geworden. Ich bin überzeugt, dass die Betroffenen eine neue Stelle finden hier in der Region,. Wir helfen Ihnen dabei. Aber glauben Sie mir, als Unternehmer stellt man lieber Menschen ein, als sie zu entlassen.

Nationalbankpräsident ThomasJordan hat gesagt, die Export-Wirtschaft werde das schon überstehen - sie hatten ja drei Jahre Zeit. Hat Sie das geärgert?

Allerdings! Ich habe Herrn Jordan geantwortet, offenbar sei sich die Nationalbank nicht bewusst, was die Industrie in den letzten drei Jahren geleistet hat, um wieder konkurrenzfähig zu werden. Die Wirkung dieser Anstrengungen verpuffte mit dem SNB-Entscheid von einer Minute auf die andere. Durch die damit ausgelöste massive Überbewertung des Frankens büssen fast zwei Drittel der Industrieunternehmen bei der Marge mindestens vier Prozentpunkte ein. Das führt dazu, dass rund ein Drittel der Industrie-Unternehmen für 2015 mit einem Verlust rechnen.

Schaut man jedoch die Wirtschaftszahlen an, so sieht es nicht so schlecht aus - immer mehr Menschen finden Arbeit in der Schweiz. Wo ist die Krise?

Für die Gesamtwirtschaft mag dies zurzeit noch stimmen, obwohl das Bruttoinlandprodukt – also die Wirtschaftsleistung – nun nach 13 Quartalen zum ersten Mal gesunken ist. Die Situation in der Exportwirtschaft ist sehr angespannt. Die Umsätze in unserer Industrie sanken im ersten Quartal 2015 im Vergleich zur Vorjahresperiode um 8,1 Prozent. Die Auslastung im ersten Quartal war zwar noch gut. Aber die Anzahl Beschäftigten ist gemäss den neuesten Zahlen des Bundes in der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie gegenüber dem Vorjahresquartal bereits um 0,9 Prozent gesunken. Wir machen uns primär Sorgen über die künftige Entwicklung. Einige Unternehmen haben zwar - wie wir bei Reichle & De-Massari - einen Stellenabbau angekündigt. Das ist aber in den Statistiken erst ab Herbst 2015 erkennbar.

Wie viele Stellen werden verloren gehen?

Das weiss ich nicht. Klar ist: Das Fett ist in den letzten drei Jahren abgeschwitzt worden. Jetzt geht der Schnitt in die Muskeln.

Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann warnt vor einer Deindustrialisierung. Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn die Schweiz zum reinen Dienstleistungsland würde?

Das wäre eine Katastrophe! Dann hätten wir eine Situation wie in Frankreich und in England, wo die Industrie weitgehend verschwunden ist - mit der Folge, dass ein grosser Teil der Wirtschaftsleistung wegfällt. Der industrielle Export hat unserem Land in den letzten 150 Jahren viel Wohlstand gebracht. Das dürfen wir nicht leichtfertig aufgeben. Sonst gibt es nur noch inländischen Konsum und Staatswesen. Wachstum aber erzielen Sie in der Schweiz nur mit Export - und dazu braucht es die Industrie.

Oder gute Dienstleiter, Forscher, Banken.

Und was passiert, wenn es den Banken und Dienstleistern schlecht läuft? Auch dort finden gewaltige Veränderungen statt. Nehmen Sie Irland, das ganz auf den Finanzsektor gesetzt hat und 2009 massiv in die Krise kam. Eine Volkswirtschaft sollte möglichst breit aufgestellt werden, damit nicht alles zusammenkracht, wenn eine Branche in der Krise steckt. Gerade mit den Banken haben wir das ja erlebt.

Wird sich denn die Industrie halten können?

Davon bin ich überzeugt. Aber der Strukturwandel wird durch die massive Überbewertung des Frankens stark beschleunigt. Dem Werkplatz Schweiz gehen heute Firmen und Arbeitsplätze verloren, die unter normalen Umständen nicht gefährdet wären.

Viele Ökonomen loben den starken Franken: Das sei ein Zeichen der Stärke eines Landes. Und die Importeure profitieren.

Natürlich ist es schön, wenn Schweizer Konsumenten im Ausland günstig Ferien machen können. Bloss besteht die Gefahr, dass es für die Mitarbeitenden einzelner Branchen plötzlich ganz lange Ferien werden – ohne Arbeitsplatz. Die Arbeitslosigkeit wird durch den starken Franken zunehmen.

Wie hoch wird sie?

Ich mache keine Prognosen. Was ich weiss: Die Exportindustrie ist unverschuldet in diese schwierige Lage geraten. Sie braucht wieder gleich lange Spiesse wie die ausländische Konkurrenz, um erfolgreich zu bleiben. Dies wäre bei der Kaufkraft-Parität der Fall und diese liegt bei einem Frankenkurs von mindestens 1.20 zum Euro.

Das ist derzeit ein frommer Wunsch. Seit Januar wurden Löhne gekürzt und Arbeitszeiten verlängert. Wird es härter?

Solche Massnahmen wurden in den Medien viel diskutiert. Tatsache ist jedoch, dass Lohnkürzungen nur in sehr wenigen Fällen erfolgt sind. Ich gehe nicht davon aus, dass die Löhne verbreitet angetastet werden. Nur schon deshalb, weil immer noch Fachkräftemangel herrscht. Gute Leute können auswählen, wo sie arbeiten wollen. Das wird sich wegen der demografischen Entwicklung sogar noch verstärken. Zudem gehen derzeit vor allem Arbeitsplätze mit geringer Qualifikation verloren.

Das wird sich mit der digitalen Revolution akzentuieren. Wie gut gerüstet ist die Schweizer Industrie? Werden die Googles dieser Welt alles überrollen?

Das sehe ich nicht so pessimistisch. Die digitale Revolution bringt auch die Industrie vorwärts. Die Schweiz ist hier gut aufgestellt, um eine Vorreiterrolle zu spielen. Unsere Industrie wird diesen Weg gehen und die Wettbewerbsvorteile durch intelligente Produktion auszuschöpfen wissen. Wir lancieren aus diesem Grund morgen Dienstag zusammen mit anderen Organisationen eine Plattform unter dem Titel «Industrie 2025». Rund 200 Unternehmer sind an dieser Veranstaltung anwesend. Wir packen die Chancen und Herausforderungen also aktiv an.

Wird weiter automatisiert?

Ja, und das ist ein Muss! Manuelle Tätigkeiten, die sich nicht automatisieren lassen, haben aus Kostengründen in der Schweiz keine Zukunft. Automatisierung ist weiterhin ein erfolgversprechender Weg, um die Produktivität so zu steigern, damit die Herstellung industrieller Güter in der Schweiz international konkurrenzfähig bleibt.

Dann braucht es mehr Fachleute und einfache Jobs fallen weg. Wie aber wollen Sie aus einem Hilfsarbeiter einen Informatiker machen?

Das ist natürlich nicht möglich. Was aber wichtig ist: Wir brauchen eine Ausbildungsoffensive. Die Jungen müssen noch besser ausgebildet werden. Wer eine abgeschlossene Lehre hat, der kommt damit durchs Leben. Schwierig haben werden es in Zukunft die Ungelernten.

Was erwartet die Industrie von der Politik?

Sicher keine Staatshilfe oder Direktzahlungen. Wir wollen aus eigener Kraft international konkurrenzfähig bleiben. Deshalb ist es nicht zu viel verlangt, wenn wir fordern, dass die Politik endlich wieder daran denkt, die Rahmenbedingungen für die Exportbranchen zu verbessern. Hoffentlich geht jetzt ein Ruck durch die Politik, um unsere Firmen zu entlasten, statt dauernd mehr zu belasten!

Das sind doch immer die gleichen Forderungen.

Weil eben nichts geht! Politik und Verwaltung haben in den letzten Jahren nichts getan, um die Belastungen und Einschränkungen für die Unternehmen zu reduzieren. Im Gegenteil: Ständig werden neue beschlossen. Ich greife nur zwei Beispiele heraus: Die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) hat sich verdoppelt, jetzt soll sie nochmals verdoppelt werden. Ähnliches geschah mit der CO2-Abgabe. Die Bürokratie wächst ebenfalls ständig, etwa bei der Umsetzung der Swissness-Initiative oder der grünen Wirtschaft mit all den geforderten Nachweisen. Ich sage hier nur: Schreddern! Jede einzelne Massnahme für sich ist nicht schlimm, in der Summe aber eine grosse Belastung.

Am 14. Juni kommt die nationale Erbschaftssteuer an die Urne. Warum warnen Sie davor?

Die Erbschaftssteuerinitiative ist brandgefährlich. Rund 98 Prozent der Industrie besteht aus KMU. Viele davon sind Familienbetriebe, wie Reichle & De-Massari, wo wir uns gerade befinden. Die Erbschaftssteuer ist nicht nur vom System her falsch, weil sie in die Hoheit der Kantone eingreift und weil sie im Widerspruch zur Vermögenssteuer steht. Sie ist auch volkswirtschaftlich schädlich: Sie würde Familienunternehmen Mittel entziehen, die Nachfolgeregelungen erschweren und damit die Wettbewerbsfähigkeit gefährden.

Aber wären Familienunternehmen wirklich gefährdet - oder ist das einfach Propaganda, die gut tönt?

Nehmen wir einen Familienbetrieb, der rund 50 Millionen Franken Wert ist. Gehen wir davon aus, dass nur eines von drei Kindern die Firma weiterführen möchte. Also muss es dem Vater die Firma abkaufen und sich dafür hoch verschulden – wer hat schon einfach so 50 Millionen? Kommt eine Erbschaftssteuer von 20 Prozent – also weitere 10 Millionen - hinzu, wird die Verschuldung noch viel höher. Die Meisten können das nicht bezahlen. Also muss die Firma geschlossen, verkauft oder an die Börse gebracht werden.

Die Befürworter sagen: Erben ist keine unternehmerische Leistung.

Das Erben selber nicht. Aber meistens sind diese Erben schon jahrelang im Unternehmen tätig und haben ihren Beitrag zum Erfolg geleistet . Zudem muss man diesem Argument den Schaden gegenüberstellen, den die Erbschaftssteuer anrichten würde. Ich bleibe dabei: Sie ist das falsche Rezept, sie ist eine Neid-Initiative.

Das andere grosse Thema für die Wirtschaft ist unser Verhältnis zu Europa. Wie soll die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt werden?

Das oberste Ziel muss der Erhalt des bilateralen Weges sein, der uns die Verhältnisse mit dem grössten Handelspartner klar regelt. Aber genau das gefährden der Initiativtext der SVP und der Gesetzesvorschlag des Bundesrates, da sie mit der Personenfreizügigkeit und damit sämtlichen anderen Verträgen nicht zu vereinbaren sind. Deshalb haben wir eine Schutzklausel vorgeschlagen. Das wäre ein Kompromiss: Die Personenfreizügigkeit würde erhalten bleiben, die Schweiz könnte aber die Notbremse ziehen, wenn zu viele Menschen in unser Land kommen. Ich könnte mir vorstellen, dass die EU dies einem Kleinstaat einräumen würde.

Ihr Vorschlag fand aber nirgends recht Anklang.

Der Bundesrat und die SVP scheinen heute noch eine sture Umsetzung der Initiative zu verfolgen, der den bilateralen Weg aufs Spiel setzt. Die anderen Parteien sind schon sehr viel offener für diese Idee. Früher oder später wird das Volk wieder über das Verhältnis zur EU abstimmen. Eine Abstimmung mit der simplen Frage «Wollt ihr die bilateralen Verträge oder selber über die Zuwanderung bestimmen?» könnte ein Schuss in den Ofen sein. Man muss die Sorgen der Bevölkerung wegen der Zuwanderung ernst nehmen. Aber man darf das Kind auch nicht mit dem Bade ausschütten.

Warum steigt dann die Zuwanderung seit dem Ja weiter an, warum bevorzugt die Wirtschaft nicht freiwillig Schweizer?

Das hat nur sehr wenig mit der Industrie zu tun. Von den 80›000 Einwanderern pro Jahr kommen nur gerade 5 Prozent wegen einer Stelle in der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie. Der grösste Teil der neuen Einwanderer hat einen Job beim Staat – etwa im Gesundheitswesen oder in anderen Branchen. Auch hier hat die Politik in den letzten Monat geschlafen. Hier müsste man freiwillig eine Grenze setzen. Aber die Wirtschaft ist schon auch gefordert, das inländische Potenzial bestmöglich auszuschöpfen. Das tun wir mit unserer breit angelegten Fachkräftestrategie.