Die EU-Kommission genehmigte gestern die Übernahme der Energiesparten des französischen Industriekonzerns Alstom durch den US-Konkurrenten General Electric. Davon sind 6000 der im Kanton Aargau tätigen Alstom-Mitarbeiter betroffen.

Heute gab der Industriekonzern ABB bekannt, die Personalkosten um eine Milliarde Dollar kürzen zu wollen. Abgebaut soll insbesondere in der Konzernzentrale in Zürich.

Die „Nordwestschweiz“ hat dazu Peter Dietrich, den Direktor von Swissmem befragt, den Verband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, kurz MEM-Industrie genannt. Das Interview wurde schriftlich geführt.

Herr Dietrich, die grossen Industriekonzerne, von GE über Alstom hin zu Siemens und ABB bauen um. Die Herausforderungen sind neben den sinkenden Rohstoffpreisen auch technologischer Natur, Stichwort Industrie 2.0. Was findet hier statt?

Peter Dietrich: Die Konzepte rundum das Thema «Industrie 4.0» sind für Swissmem und die MEM-Industrie von grosser Bedeutung. Die Digitalisierung und Vernetzung der Wertschöpfungsketten bergen grosse Potenziale für Effizienzsteigerungen, neue Dienstleistungen sowie neue Geschäftsmodelle – und damit auch für neue Stellen. Um die damit zusammenhängenden Potenziale in der Schweizer Industrie bekannt zu machen, haben die vier Industrieverbände Swissmem, asut, Electrosuisse und SwissT.net in diesem Frühjahr die nationale Initiative «Industrie 2025» lanciert.

Was heisst das für die Schweiz?

Schweizer Industrieunternehmen sind einem intensiven globalen Wettbewerb ausgesetzt. Hohe Produktionskosten am Standort Schweiz sowie ein starker Franken zwingen zur permanenten Optimierung der Geschäftsprozesse, sowie zur Innovation. Die Digitalisierungs- und Vernetzungsansätze von «Industrie 4.0» bieten Unternehmen neue Möglichkeiten, um sich ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Darin liegen Chancen, um den Produktionsstandort Schweiz zu sichern und darüber hinaus neue Stellen zu schaffen.

Wie sicher sind die Industriellen Arbeitsplätze?

Aufgrund der Überbewertung des Schweizer Frankens sind die Unternehmen der MEM-Industrie unter grossem Druck. Das wird Spuren hinterlassen. Wir gehen davon aus, dass sich die Kurzarbeit erhöhen und dass es zu Stellenabbau kommen wird. In welchem Ausmass dies erfolgen wird, können wir derzeit nicht beziffern. Wir sind aber zuversichtlich, dass die meisten Schweizer MEM-Betriebe mittelfristig ihre internationale Konkurrenzfähigkeit zurückgewinnen und sich neu bietende Chance packen werden. Die MEM-Industrie in der Schweiz wird nicht untergehen.  

Viele Konzerne sind politisiert: Wenn in Frankreich Alstom verkauft wird, mischt sich die Regierung ein. Ist das auch für die Schweiz nötig?

Nein. Die Schweiz war bezüglich einer Industriepolitik in der Vergangenheit immer sehr zurückhaltend. Damit ist sie gut gefahren.

Wenn in der Schweiz bei den Grosskonzernen abgebaut wird, leiden auch die Zulieferer. Befürchten Sie einen solchen Effekt?   

Falls Grosskonzerne ihre Aktivitäten in der Schweiz tatsächlich abbauen, werden dies die Zulieferer zu spüren bekommen.

Ist die Schweiz mit dem liberalen Arbeitsmarkt von den Entscheiden der Konzernmütter abhängig? Wird einfach dort abgebaut, wo es am einfachsten ist?

Das können wir so nicht bestätigen. Der liberale Arbeitsmarkt ist eine der grossen Stärken der Schweiz. Dieser Umstand hat in der Vergangenheit immer wieder dazu geführt, dass internationale Konzerne gerade deswegen am Standort Schweiz festgehalten haben. Wohl ist es in der Schweiz einfacher, in schwierigen Situationen Stellen abzubauen. Im Gegensatz dazu ist in Zeiten des Aufschwungs in der Schweiz die Bereitschaft gross, schnell wieder Stellen aufzubauen.    

Stichwort Starker Franken: Hat sich die Situation beruhigt oder stehen wir vor einer neuen Abbauwelle? Wird die noch bestärkt durch die Abbaupläne der grossen Konzerne?

Wir gehen davon aus, dass sich die Kurzarbeit erhöhen und dass es zu Stellenabbau kommen wird. In welchem Ausmass dies erfolgen wird, können wir derzeit nicht beziffern. Aufgrund unserer zahlreichen Kundenkontakte gehen wir aber nicht von einer eigentlichen Welle aus. 

Alstom darf verkaufen.

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Interview mit Urs Hofmann zum Alstom-Verkauf

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