Digitalisierung
Swisscom baut ein schweizweites Netz für das Internet der Dinge

Die Swisscom macht Ernst bei der Digitalisierung und dem Internet der Dinge: Ein neues Netz, das langsam und stromsparend ist, soll gezielt die Kommunikation zwischen Maschinen, Strassenlampen, Regenschirmen – kurz: Dingen – ermöglichen.

Fabian Hock
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Im neuen Swisscom-Netz funken Geräte mit sehr wenig Energieaufwand.

Im neuen Swisscom-Netz funken Geräte mit sehr wenig Energieaufwand.

Thinkstock

Wenn im April die ersten Besucher nach der Winterpause mit ihren Autos auf das Schloss Lenzburg zurollen, wird es eines wohl nicht geben: Verkehrschaos.

Eine neue Anzeigetafel soll dieses verhindern. Sie zeigt den Heranbrausenden an, ob sie bis zum Schlossparkplatz vorfahren oder doch lieber ein Plätzchen im angrenzenden Parkhaus suchen sollten.

In die einzelnen Parkplätze sind Sensoren eingepflanzt, die erkennen, ob ein Auto draufsteht oder nicht. «Das System läuft seit ein paar Monaten», sagt Christian Brenner, Abteilungsleiter Tiefbau im Lenzburger Stadtbauamt. «Wie gut es funktioniert, wissen wir aber erst, wenn die Besuchersaison startet.»

Für eine Stadt wie Lenzburg ist ein solches System eigentlich zu teuer. Ein Pilotprojekt der Swisscom machte die intelligente Verteilung der Autos auf leerstehende Parkplätze jedoch möglich. Die Aargauer Gemeinde zählt zu den Auserwählten, die ein völlig neues Netz ausprobieren durften.

Das Internet der Dinge ist da

Vor wenigen Wochen stöhnte Swisscom-Chef Urs Schäppi noch über die Vielzahl an Netzen, die sein Unternehmen unterhalten muss. Die Mobilfunkstandards 2 bis 4G, 5G ab dem Jahr 2020, Festnetz sowieso. All das koste Geld, klagte er damals. Doch anstatt auszudünnen, baut die Swisscom jetzt noch eines dazu. Das Besondere an diesem neuen Netz: Es ist langsamer und transportiert wesentlich weniger Daten als die bestehenden.

Was nach fürchterlicher Fehlplanung klingt, ist in Wahrheit wohldurchdacht. Denn das neue Netz soll gezielt die Kommunikation von Maschinen, Strassenlampen, Regenschirmen – kurz: Dingen – ermöglichen. Da etwa ein Müllcontainer keine Filme auf Youtube schaut und auch keine Musik aus dem Netz herunterlädt, sondern lediglich ab und zu mal ein klitzekleines Signal über seinen Füllzustand verschicken muss, braucht er keine grossen Bandbreiten. In Echtzeit muss das auch nicht unbedingt passieren.

Jahrelanger unabhängiger Betrieb

Christian Petit, Leiter Swisscom Enterprise Customers, sagt: «In vielen Fällen genügt es, wenn Geräte sporadisch kleinste Informationen übermitteln können.» Genau dafür baue Swisscom dieses Netz. Es biete eine schmale Bandbreite, dafür reiche es weit, übermittle energiesparend und senke die Vernetzungskosten. «Je nach Anwendung können Sensoren batteriebetrieben jahrelang unabhängig vom Stromnetz Informationen übermitteln.»

Wenn grössere Datenpakete verschickt werden müssen, etwa bei Autos, Fernwartung oder Echtzeit-Kontrollsystemen, komme auch künftig das Mobilfunknetz zum Zuge, sagt Petit. Der Nutzen ergebe sich durch die Kombination der verschiedenen Netze mit ihren jeweiligen Eigenschaften.

Schier unglaubliches Potenzial

Kleiner Energieverbrauch, grosse Reichweite: Bei der Wirtschaft trifft das einen Nerv. Das neue Netz wird denn auch mit einiger Wahrscheinlichkeit ein enormer Treiber für viele Schweizer Unternehmen werden. Laut Swisscom-Mann Petit bringt die Digitalisierung und das damit verbundene Internet der Dinge (IoT, kurz für: Internet of Things) ein grösseres Einsparpotenzial mit sich als Produktionsverlagerungen ins Ausland.

Beziffert hat das Potenzial der vernetzten Maschinen kürzlich das McKinsey Global Institute — die Forschungseinrichtung der Managementberatung McKinsey. In einer Studie legen die Autoren dieses auf einen weltweiten wirtschaftlichen Mehrwert von bis zu 11 Billionen Dollar im Jahr 2025 fest.

Davon wird freilich nur ein bescheidener Teil auf die Schweiz abfallen – doch auch der dürfte es in sich haben. Das Interesse speziell am neuen Swisscom-Netz sei hoch, sagt Jürg Künzi vom Solothurner Unternehmen Emcosys. Die Firma hilft als Engineering-Spezialist anderen Unternehmen bei der Produktentwicklung.

Künzi und sein Team bringen zum Beispiel Funktechnologie für den neuen «LoRa-Standard» – der für «Long Range» steht, also «grosse Reichweite», und auf dem das Swisscom-Netz basiert – in Objekte wie Strassenlaternen. In der Nähe von Genf läuft bereits ein solches Projekt. Und das ist längst nicht das einzige: «Es gibt sehr viele Anfragen», sagt Künzi. Jetzt, da Swisscom das eigene Netz für IoT-Anwendungen vorantreibt, werde die Entwicklung «relativ schnell gehen», meint Künzi.

Noch in diesem Jahr

In der Tat geht alles jetzt ganz schnell. «Der Ausbau der Basisversorgung ist bis Ende 2016 geplant, teilweise über die bestehenden Sendestandorte von Swisscom Broadcast», heisst es seitens der Swisscom. Ende 2016 sollen 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung im Freien versorgt sein. In zehn Städten sei zudem eine leichte Innenraumversorgung vorgeplant.

In Lenzburg plant man derweil auch schon weiter. Möglich seien Sensoren in den örtlichen Glassammelstellen, die melden, wenn der Container voll ist – und die Entsorgung so nicht vorher umsonst ausrücken muss.

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