Nachhaltigkeit
Swiss Re verbannt als erste Versicherung "unmoralische" Aktien

Es ist ein Entscheid, der Signalwirkung haben könnte: Der milliardenschwere Rückversicherer Swiss Re will als erste Schweizer Versicherung nur noch Anlagen halten, die moralisch und ethisch bedenkenlos sind.

Daniel Zulauf
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Der Hauptsitz von Swiss Re in Zürich: Die Versicherung will nur noch soziale und ökologische Anlagen.

Der Hauptsitz von Swiss Re in Zürich: Die Versicherung will nur noch soziale und ökologische Anlagen.

Keystone

Kümmern sich Hedgefonds-Manager tatsächlich um Umweltschutzfragen oder soziale Standards? Ob diese und Themen wie etwa Menschenrechte oder die innerbetriebliche Lohngerechtigkeit auch den mächtigen US-Hedgefonds-Manager Nelson Peltz umtreiben, weiss nur er selber. Sicher ist, dass der Investor diese Anliegen nicht mehr ignorieren kann. Auf der Website von Peltz’ Anlagevehikel Trian Partners liest man seit dem vergangenen Juni Folgendes: «Trian glaubt, dass ESG-Themen einen Einfluss auf die Kultur und die langfristige Leistung einer Firma haben können.»

ESG steht für die drei Schlüsselbegriffe der nachhaltigen Kapitalanlage: Environment (Umwelt), Social (Gesellschaft) und Governance (Unternehmensführung). Firmen könnten geeignete ESG-Initiativen ergreifen, schreibt Trian weiter, um ihren Umsatz und Gewinn zu steigern. Das ESG-Modell bewertet Firmen, indem es analysiert, wie Unternehmen nachhaltige Geschäftspraktiken im ökologischen und sozialen Bereich sowie der guten Unternehmensführung umsetzen. Das Modell hat sich offensichtlich schon so weit durchgesetzt, dass selbst notorische Firmen- und Renditejäger wie Nelson Peltz es sich auf ihre Fahne schreiben.

Das ist kein Zufall: Peltz hat vor wenigen Tagen an der Generalversammlung des Konsumgüterherstellers Procter & Gamble (Pampers, Gillette, Ariel etc.) einen harten Richtungskampf mit dem Management ausgetragen. Peltz wusste, dass er sich in diesem Kampf nur mit Unterstützung der grössten institutionellen Anleger wie etwa Pensionskassen oder Anlagefonds Chancen ausrechnen konnte. Zu diesen gehören bei Procter & Gamble Investoren wie der weltgrösste Vermögenswalter Blackrock oder die US-Grossbank State Street. Diese Grossinvestoren haben die Gewissensprüfung anhand der ESG-Kriterien schon fest in ihren Anlageprozess eingebaut: «Es ist Zeit, dass ESG zum Mainstream wird», liess Blackrock unlängst über seine Investmentstrategin Isabelle Mateos y Lago verkünden. Auch bei der US-Bank State Street spielten die ESG-Kriterien in rund 80 Prozent aller Kundentransaktionen eine Rolle, sagt Guido Fürer, Investmentchef bei Swiss Re. Der Rückversicherer lud vergangene Woche die Medien zu einer Veranstaltung zum Thema ein.

Swiss Re schreitet voran

Im Fall der State-Street-Kunden seien die ESG-Kriterien erst in 30 Prozent der Fälle ein integraler Bestandteil des Investmentprozesses. Swiss Re hat diesen Schritt bereits vollzogen. Man sei der erste Versicherungskonzern, der sich auf diese Reise gemacht habe, erklärte Fürer mit Betonung auf «Reise». Es bestünden noch erhebliche Lücken, zum Beispiel in der Berichterstattung der Unternehmen. Deshalb sei es verfrüht, dem ESG-Modell bereits den Sieg zuzusprechen.

Dennoch bestehen kaum Zweifel, dass der Ansatz weiter Verbreitung gewinnen wird. Einer Befragung von AXA-Investment-Managern zufolge berücksichtigt schon mehr als ein Drittel der Versicherer in Frankreich, Deutschland und Grossbritannien die ESG-Kriterien bei Anlageentscheidungen.

Der nächste logische Schritt ist ein systematischer Einbau von ESG-tauglichen Referenzindizes in den Anlageprozess und in die Performancemessung nach dem Muster von Swiss Re. Der Rückversicherer stützt sich auf ESG-konforme Aktien- und Anleihenindizes des Indexanbieters MSCI. Diesen liegen weltweit bereits Anlagen im Wert von 11 Billionen Dollar zugrunde. In den Depots der Unternehmensanleihen von Swiss Re, die rund einen Drittel aller Kapitalanlagen von über 130 Milliarden Dollar auf sich vereinen, sind Investitionen im unteren Drittel der ESG-Ratingskala von MSCI ausgeschlossen.

Als Folge dieser Massnahme, die auf eine Verschärfung der Anlagepolitik anhand des ESG-Index abzielt, schrumpft das Anlageuniversum von Swiss Re von 973 auf nur noch 725 Emittenten. Das ist eine Einschränkung, die sich Swiss Re erlauben kann, ohne wesentliche Abstriche bei der Performance machen zu müssen. Für Versicherungsfirmen ist die systematische Gewissensprüfung im Anlageprozess eigentlich eine strategische Pflichtübung.

So bietet Swiss Re etwa Versicherungsdeckungen gegen Naturkatastrophen an. Weil gewisse Risiken nicht mehr versicherbar sind, wenn sie zur Norm werden, lobbyieren die Versicherer an vorderster Front für die Einhaltung der Pariser Klimaziele. Firmen mit guten ESG-Noten sind allerdings nicht zwingend sauber, sozial und geschäftspolitisch vorbildlich. Der Ermessensspielraum ist beträchtlich und zudem sind die Bewertungen relativ.

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