Im Poker um die Rentenreform will sich niemand in die Karten blicken lassen. So geht es im Prinzip auch der Versicherungswirtschaft, die in der laufenden Parlamentsdebatte zwar nur Zaungast ist, aber als gewichtige Spielerin im Vorsorgegeschäft natürlich auch in der Politik viel Einfluss hat. Patrick Frost, Chef des Branchenprimus Swiss Life, lässt durchblicken, dass er sich sieben Jahre nach dem wuchtigen Nein zur Senkung des Umwandlungssatzes in der zweiten Säule nun vor allem einen Fortschritt in der längst überfälligen Rentenreform wünscht. «Unser Anliegen ist, dass ein Kompromiss erzielt wird, der im September auch vor dem Volk Bestand haben kann», sagt der Manager im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende».

Der ständerätliche Vorschlag einer generellen Erhöhung der AHV-Renten um 70 Franken pro Monat hat sich in der Parlamentsdebatte als eigentliche Knacknuss entpuppt. «Die hinter diesem Vorschlag stehende Philosophie ist nicht die meine, sagt Frost. «Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass mir die Variante des Nationalrates viel näher liegt.» Dennoch will sich Frost nicht auf eine rote Line bei der Erhöhung der AHV festlegen lassen. «Ich hoffe immer noch sehr darauf, dass ein Kompromiss noch möglich sein wird», sagt der Konzernchef.

Eine Kompensation ist zwingend

Der Ständerat will mit der AHV-Erhöhung eine Reduktion der Renten in der zweiten Säule kompensieren. Im Grundsatz sind sich die Räte einig, dass der Umwandlungssatz im obligatorischen Teil der zweiten Säule von 6,8 Prozent auf 6 Prozent gesenkt werden muss. Das hätte eine deutliche Reduktion der Renten zu Folge. Einig ist man sich seit dem denkwürdigen Urnengang im Jahr 2010 auch darüber, dass eine solche Rentenreduktion nicht ohne Kompensation geschehen kann. Im Unterschied zum Ständerat sucht der Nationalrat den Ausgleich aber innerhalb der zweiten Säule. Er will, dass die Sozialpartner mehr Geld in die Pensionskassen einzahlen.

«Wir wünschen uns eine Altersvorsorge, die nachhaltig und den jungen Generationen gegenüber fairer finanziert ist», sagt Frost. Das wäre gerechtfertigt, denn der überhöhte Umwandlungssatz führt dazu, dass die heutigen Arbeitnehmer mit zu hohen Beiträgen die laufenden Renten der älteren Generation finanzieren müssen. Das kann weder den Berufstätigen gefallen, noch entspricht es dem Sinn des Kapitaldeckungsverfahrens der Pensionskassen, in denen jeder die Rente bekommen soll, für die er selber gespart hat.

Das Problem ist, dass dieses Kapitaldeckungsverfahren immer weiter in Schieflage gerät. Zahlreiche Pensionskassen haben den Umwandlungssatz im überobligatorischen Teil in der jüngeren Vergangenheit bereits unter 5 Prozent gesenkt und damit eine symbolische Grenze unterschritten. Pensionskassenexperte Werner Hug sagte gestern im Interview mit dem «Tages-Anzeiger», das Vorgehen der Kassen untergrabe das Vertrauen in die zweite Säule. Diese Entwicklung könnte die Erfolgschancen des nationalrätlichen Ansatzes bei einer Volksabstimmung erst recht kompromittieren: «Das ist ein fairer Punkt», räumt Frost ein. «Die Gefahr besteht umso mehr, als die älteren Generationen fleissiger an die Urne gehen als die jüngeren . Aber das ganze ist auch eine komplexe Vorlage mit vielen Elementen, und Abstimmungsprognosen sind naturgemäss schwierig.»