Italien

«Supermarkt-König» hinterlässt seiner Sekretärin 75 Millionen Euro

© Bloomberg via Getty Images

Esselunga Bernardo Caprotti gründete in unserem südlichen Nachbarlandeinst die ersten Discounter. Doch nun macht der «Supermarkt-König»über seinen Tod hinaus Schlagzeilen: Der ehemalige Chef hinterlässt seiner langjährigen Sekretärin ein äusserst grosszügiges Abschiesdgeschenk

Die Kunde von der üppigen Erbschaft erreichte Germana Chiodi an ihrem Schreibtisch am Esselunga-Hauptsitz im Mailänder Vorort Pioltello. Wo denn sonst: Die Sekretärin, die mit ihren inzwischen 68 Jahren längst in Rente hätte gehen können, hat in der Teppichetage der Supermarkt-Kette mehr als zwei Drittel ihres Lebens verbracht. Sie war auch geblieben, als ihr Chef Bernardo Caprotti, der Patron von Esselunga, Ende September im Alter von 90 Jahren das Zeitliche segnete.

Über vierzig Jahre hatte Chiodi für und mit Caprotti gearbeitet – zuerst als einfache Sekretärin, dann als Assistentin und als persönliche Beraterin, die vom Chef nicht selten auch bei wichtigen Personalentscheidungen konsultiert wurde. Sie und der «Dottore» hätten sich bis zum Schluss immer gesiezt, betont die Chefsekretärin. Für ihren jahrzehntelangen Einsatz ist Chiodi nun fürstlich belohnt worden: In seinem Testament hat Caprotti seiner treuen Mitarbeiterin 75 Millionen Euro vermacht – die Hälfte seines Barvermögens.

«Immense Dankbarkeit»

Die andere Hälfte geht an zwei Neffen und an drei Enkel, die je 15 Millionen Euro erhalten. «Germana Chiodi drücke ich meine immense Dankbarkeit für ihre aussergewöhnliche Hilfe aus», schrieb Bernardo Caprotti in seinem letzten Willen.

Natürlich sind auch die eigentlichen Familienangehörigen im Testament nicht leer ausgegangen: Caprottis Witwe Giuliana Albera und Tochter Marina Sylvia erhalten 70 Prozent der «Supermarkets Italiani S.p.a.», in welcher die verschiedenen Unternehmensteile von Esselunga zusammengefasst sind; mit je 15 Prozent erben die beiden anderen Kinder Giuseppe und Violetta, mit denen der «Supermarkt-König» jahrelang ein angespanntes Verhältnis hatte, abgespiesen. Daneben gibt es eine grosse Anzahl wertvoller Immobilien zu verteilen, unter anderem ein Schloss am Genfersee und ein ganzes Jagdrevier, und auch eine beträchtliche Kunstsammlung gehört zum Nachlass, den sich die Angehörigen aufteilen können.

Ami-Kultur fürs Belpaese

Der Name Esselunga hat in Italien einen besonderen Klang. Der erste Laden wurde 1957 in Mailand eröffnet – von Nelson Rockefeller, einem Spross der schwerreichen US-Unternehmer- und Politikerdynastie. Rockefeller hatte zuvor mit den Caprotti-Brüdern Bernardo, Guido und Claudio die Firma «Supermarkets Italiani» gegründet, mit dem Ziel, die amerikanische Supermarkt-Kultur ins Belpaese zu exportieren. Die neuen Geschäfte hiessen zunächst einfach «Supermarket» – mit einem oben verlängerten, roten Anfangs-S, das über den ganzen Schriftzug reichte. Das lange S – italienisch ausgesprochen «esse lunga» – sollte der Kette ihren späteren, bis heute verwendeten Namen geben.

1961 kauften die Gebrüder Caprotti Rockefeller dessen Anteile ab; seither befindet sich Esselunga vollständig in Familienbesitz. Im gleichen Jahr expandierte das Unternehmen in die benachbarte Toskana, wo im Februar der erste Supermarkt eröffnet wurde. Esselunga begann – ähnlich wie die Migros in der Schweiz – eigene Produkte herzustellen und schuf eigene Markennamen. Das Sortiment und das Einzugsgebiet von Esselunga wuchsen rasant, und auch die Läden selber wurden immer grösser. Esselunga war in Italien nicht nur die erste Supermarkt-Kette, sondern jahrzehntelang auch die grösste. Mit knapp 8 Milliarden Euro Umsatz, 152 Filialen und 22 000 Beschäftigten hält sich der Grossverteiler auch heute noch unter den zwanzig grössten Unternehmen Italiens.

Amerikanisch waren bei Esselunga nicht nur die Wurzeln – auch die Intrigen und Zwiste der Gründerfamilie Caprotti erinnerten zuweilen an US-TV-Serien wie Dallas oder Denver Clan. Zunächst prozessierten Bernardo Caprottis Brüder Guido und Claudio gegen den zum Alleinherrscher aufgestiegenen Bernardo, weil dieser sie angeblich unrechtmässig aus der Firma verdrängt habe; später erhoben Bernardos Sprösslinge Giuseppe und Violetta die gleichen Vorwürfe und gingen gegen ihren Vater ebenfalls vor Gericht. Giuseppe war für kurze Zeit Esselunga-Geschäftsführer gewesen, bis er von seinem Vater öffentlich des Miss-Managements bezichtigt und geschasst wurde. Immer wieder gab es auch echte oder vorgetäuschte Versöhnungsszenen in dieser lombardischen «Dynasty».

«Eine grosse Leere»

Beträchtliches Aufsehen und eine Prozesswelle hat der streitbare Bernardo Caprotti auch mit seinem millionenfach verkauften Buch «Falce e Carello» («Sichel und Einkaufswagen») erregt. Der Buchtitel ist eine witzige Anspielung auf die kommunistische Symbolkombination von Sichel und Hammer (falce e martello). In dem 2007 erschienenen Pamphlet legte sich Caprotti mit der von linken Genossenschaften beherrschten Konkurrenz der Coop-Läden an, die sich besonders in der «roten» Toskana mit unlauteren Mitteln gegen die Expansion der Esselunga-Märkte gewehrt haben sollen. Tatsächlich genossen die Coop-Läden jahrzehntelang politisch motivierte wettbewerbsverzerrende Steuererleichterungen.

Bei all diesen epischen Kämpfen – auch bei den familiären – war Sekretärin Germana Chiodi dem Patron immer unerschütterlich zur Seite gestanden. «Jetzt, nach seinem Tod, fühlt man in der Firma eine grosse Leere», erklärte Germana Chiodi gegenüber der «Repubblica». Sie wisse nun nicht, was sie tun werde – sie werde nur dann noch eine Weile im Unternehmen bleiben, wenn dies die Familie wünsche. Nun ja: Für einen zumindest ökonomisch sorgenfreien Ruhestand wäre jetzt jedenfalls gesorgt.

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