Noch letzten Frühling hat Sunrise eisern auf einen Alleingang geschworen. «Wir sind überzeugt von unserer Stand-alone-Strategie», gab sich CEO Olaf Swantee überzeugt. Man brauche keine Fusion, hatte er erklärt, allenfalls in «ferner Zukunft» sei dies nicht ausgeschlossen.

Diese ferne Zukunft ist keine zwölf Monate später offenbar schon angebrochen. Der Telekomkonzern bestätigte am Mittwoch, man befinde sich in Gesprächen mit Liberty Global. Der britische Mediengigant könnte interessiert sein, sein Tochterunternehmen UPC Schweiz zu verkaufen.

Der Meinungsumschwung erklärt sich wohl mit einer Einsicht, die sich europaweit durchgesetzt hat: Die Telekomkonzerne glauben, nicht genügend Geld zu verdienen. Ihre Einnahmen sind in den letzten Jahren tatsächlich eingebrochen. Die Folge eines Preiskrieges, der seit zehn Jahren in der Branche tobt. Der Gesamtwert der Unternehmen an der Börse war 2018 nur noch halb so hoch wie 2012.

Der «Kabel-Cowboy»

Auf diesen Trend glaubte John Malone, eine Antwort parat zu haben. Der amerikanische Milliardär kontrolliert Liberty Global und somit indirekt UPC Schweiz. Weltweit wollte Malone Konkurrenten aufkaufen und so mehr Spielraum für Preissteigerungen herausholen. Eine Branche zu «konsolidieren», wird dieses Vorgehen an der Börse genannt. Gar einen Spitznamen erhielt Malone für seine Konsolidierungs-Strategie, so die britische «Financial Times»: «Kabel-Cowboy».

Kabel-Cowboy unterlag jedoch grauen Bürokraten. Die europäischen Wettbewerbsbehörden fürchteten wohl genau das, was Malone beabsichtigt hatte: dass in den «konsolidierten» nationalen Märkten die Konsumenten mehr würden zahlen müssen als zuvor. Ein frustrierter – und zudem stark verschuldeter – Malone trat daraufhin seinen Rückzug aus Europa an. In Österreich verkaufte Liberty Global sein Tochterunternehmen an die Deutsche Telekom. Und in einem Mega-Deal über 18 Milliarden Euro gingen die Geschäfte in Deutschland und Osteuropa allesamt an Vodafone, ein britisches Telekom-Konglomerat.

In diesem europaweiten Herumgeschiebe könnte die Reihe nun an UPC Schweiz sein. Das ist der Hintergrund für die Gespräche zwischen Sunrise und Liberty Global. Und auch aufseiten von UPC Schweiz ist die ferne Zukunft sehr schnell angebrochen. Noch im Mai 2018 hatte ein Sprecher versichert, der Deal von Liberty Global mit Vodafone habe «keine Auswirkungen auf das Schweizer Geschäft, die Mitarbeiter und die Kunden».

Die Erfahrungen der Konsumenten

Das letzte Wort über eine allfällige Übernahme von UPC Schweiz durch Sunrise hätten die Wettbewerbshüter. Die schweizerische Wettbewerbskommission Weko hat damit viel Einfluss darauf, wie sich eine Fusion auf die Konsumenten auswirkt. An sich wären höhere Preise zu erwarten. «Die Erfahrungen in Europa zeigen, dass mit dem Ausscheiden von Konkurrenten meist die Preise steigen», sagt der Telekom-Experte Ralf Beyeler vom Beratungsdienst Moneyland.

Höhere Preise wären nach Ansicht von Beyeler beim Festnetz-Internet wahrscheinlich, wo UPC auf einen Anteil von rund 20 Prozent kommt. Swisscom hatte Ende 2016 etwa 53 Prozent aller Breitband-Abonnenten. Sunrise hielt rund 10 Prozent. «Nach einer Fusion würden also in diesem Teilmarkt bloss zwei Unternehmen rund 80 Prozent unter sich ausmachen. Das kann der Weko nicht gefallen», sagt Beyeler. Im Mobilfunk spielt UPC hingegen kaum eine Rolle. Das Unternehmen bietet zwar entsprechende Abonnemente, nutzt dafür aber das Netz von Branchenprimus Swisscom.

Die Weko hat indessen mehr Optionen als bloss die Bewilligung zu verweigern. Sie könnte die Fusion gutheissen, aber gleichzeitig Auflagen machen und auf diesem Weg den Wettbewerb fördern. «Vom Prinzip her müsste es darum gehen, den Zugang zu den Netzen für neue Konkurrenten zu erleichtern», so Beyeler. Schon als 2010 die Fusionspläne von Sunrise und Orange (heute Salt) an der Weko scheiterten, habe die Behörde wohl nicht bloss «Njet» gesagt, sagt Beyeler. «In der Branche geht man davon aus, dass die Weko damals Auflagen für den Netzzugang machen wollte.» Den Telekomfirmen seien diese Bedingungen wohl zu weit gegangen, sie gaben den Merger auf.

Über mögliche Übernahmen durch Sunrise wird seit Jahren spekuliert. Nicht zuletzt, weil Verwaltungsratspräsident Peter Kurer als Spezialist für Fusionen gilt. Unter anderem hatte der Jurist die Finger im Spiel, als ABB und Novartis aus Fusionen entstanden. Dennoch kann ein Deal von Sunrise mit UPC noch an vielen Hürden scheitern. Nicht zuletzt am Preis. Laut «Financial Times» müsste Sunrise rund 5 Milliarden Franken ausgeben – und allenfalls Schulden von UPC auf die Bücher nehmen. Vorbeugend verkündete Sunrise schon einmal, man werde eine «vorsichtige Kapitalstruktur» behalten. Allzu viel zahlen will man also nicht. Und Sunrise stellte klar: Es gebe «keine Sicherheit», dass es zu einem Merger komme.