Ein süsser Streit, der in der Romandie entbrannt ist, erfasst die Schweiz. Im Visier sind die Hersteller zuckerhaltiger Lebensmittel. In fast allen Westschweizer Kantonen und im Tessin gibt es zurzeit Vorstösse für eine obligatorische Zahnpflegeversicherung. Im Kanton Waadt hat Gesundheitsminister Pierre-Yves Maillard (SP) ein Gesetz über eine entsprechende Finanzierung entworfen. Es sieht einerseits einen Lohnabzug von maximal 0,006 Prozent vor. Andererseits eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke wie Ice Tea, Coca-Cola oder Apfelsaft von maximal 30 Rappen pro Liter. In den kommenden Wochen soll die Steuer im Parlament behandelt werden.

Das haben die beiden Detailhandelsriesen Migros und Coop mitbekommen. Bei ihnen steigt die Nervosität. Ihre Befürchtung: Kommt der Vorschlag im Kanton Waadt durch, könnte das Modell Nachahmer finden. Der Kanton Neuenberg brachte sogar eine Standesinitiative auf Bundesebene zustande für eine Steuer auf alle zuckerhaltigen Lebensmittel. Das Geld käme der Prävention von Diabetes und Übergewicht zugute.

Die Migros hat ihr Lobbying bereits hochgefahren. In einem Rundschreiben, das sie an rund 300 Politiker und Medienvertreter verschickt hat, kritisiert sie die Steuerpläne. «Eine künstliche Verteuerung von zuckerhaltigen Lebensmitteln kann dazu führen, dass solche Produkte vermehrt im Ausland eingekauft werden», heisst es im Schreiben. Die Migros könne im Falle einer Annahme in der Waadt die Steuer nicht auf die Verkaufspreise überwälzen, da man in der ganzen Schweiz die gleichen Preise anbiete. «Die präventive Wirkung würde damit entfallen.»

Die «Schweiz am Wochenende» weiss: Das Thema Zuckersteuer ist an der kommenden Sitzung der Interessensgemeinschaft Detailhandel Schweiz im Mai traktandiert. Nebst Migros-Chef Herbert Bolliger ist darin Coop-Chef Joos Sutter sowie die Leiter von Manor und Denner vertreten. Bei Coop teilt man die Bedenken, bestätigt Sprecherin Andrea Bergmann.

Der Verband Schweizerischer Mineralquellen und Soft-Drink-Produzenten (SMS) ist ebenfalls alarmiert und spricht von einer «willkürlichen Diskriminierung». Zu den Mitgliedern zählen Firmen wie Coca-Cola, Feldschlösschen und Rivella. Statistiken würden zeigen, dass Europäer im Schnitt lediglich drei Prozent ihrer täglichen Kalorienzufuhr durch Erfrischungsgetränke decken, lässt der Verband verlauten. Eine einseitige Besteuerung sei daher ungerechtfertigt und unverhältnismässig. Zudem sei der schweizerische Pro-Kopf-Konsum seit Jahren rückläufig (siehe Grafik).

Im Ausland sind Zucker- und Fettsteuern jedoch in breiter Front auf dem Vormarsch, zum Beispiel in Belgien, Ungarn, Estland, Finnland und Frankreich. Heinrich von Grünigen, Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung, begrüsst die Entwicklung, allerdings geht sie ihm zu wenig weit. «Eine Steuer auf Softgetränke ist gut und recht, aber es sollten alle zuckerhaltigen Lebensmittel besteuert werden.» Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt eine Zuckereinnahme von 50 Gramm pro Tag für Erwachsene. «In der Schweiz beträgt der Wert mehr als das Doppelte», sagt von Grünigen. In der Schweiz gelten 41 Prozent der Menschen als übergewichtig, 10 Prozent gar als adipös. «Der Wert dürfte in Tat und Wahrheit noch höher liegen, da die Statistik auf Selbstdeklarationen beruht.»

Von Grünigen plädiert für einen etwas anderen Ansatz als der Kanton Waadt, nämlich jenen, den England vorsieht. «Dort soll nicht das gezuckerte Produkt, sondern der Zuckerverbrauch in den Fabriken besteuert werden.» Das motiviere die Hersteller, ihre Rezepturen anzupassen, sagt er.

Gesundheitsminister Alain Berset (SP) hat sich das Politikum Zuckerreduktion ebenfalls auf die Fahne geschrieben. Wie Recherchen ergeben, lädt er Anfang September Industrievertreter zum runden Tisch. Das Thema: Die Zuckerreduktion in Joghurts und Frühstücks-Cerealien.

Im August 2015 hatten Unternehmen wie Coop, Migros, Nestlé und Emmi die «Erklärung von Mailand» unterschrieben, sie erklärten darin sich bereit, mit zuckerärmerer Produktion einen Beitrag zur ausgewogenen Ernährung zu leisten. Nun soll Bilanz gezogen werden.

Beim Departement des Innern von Bundesrat Berset heisst es, eine Zuckersteuer auf nationaler Ebene sei «im Moment» kein Thema. Ein derartiger Schritt käme erst infrage, wenn andere Massnahmen nicht greifen würden.