Sechs Thesen

Strandferien in Griechenland – Berge statt Städte – massenhaft Sonderangebote: So wird der Coronasommer

Mehr Schweizerinnen und Schweizer als noch vor einigen Wochen wollen ihre Sommerferien im Ausland verbringen – viele zieht es nach Griechenland, Zypern oder auf die Kanaren.

Mehr Schweizerinnen und Schweizer als noch vor einigen Wochen wollen ihre Sommerferien im Ausland verbringen – viele zieht es nach Griechenland, Zypern oder auf die Kanaren.

Die grossen Sommerferien sind da. Doch wegen Corona wird alles ziemlich anders. Sechs Ferienthesen zum Coronasommer.

Für die meisten Kinder und Jugendlichen in der Schweiz hat die Schulglocke gestern für mehrere Wochen zum letzten Mal geläutet. Auch zahlreiche Erwachsene – ob mit oder ohne Kindern – haben gestern wohl noch hastig Übergabemails verschickt und dann beschwingt die übliche Abwesenheitsmeldung eingerichtet. Es ist Anfang Juli. Es ist Sommerferienzeit.

Doch dieses Jahr ist alles ziemlich anders. Slogans wie «Entdecken Sie die schönsten Reiseziele weltweit» sind wegen der Coronapandemie plötzlich nicht mehr angebracht. Statt über abenteuerliche Touren in den Anden informieren sich Schweizerinnen und Schweizer jetzt über Einreisebeschränkungen und Quarantänemassnahmen in Europa, statt mit Sonnencreme und Sandalen decken sie sich mit Masken und Desinfektionsmittel ein.

Dank der aktuell relativ tiefen Fallzahlen sind Ferien im Ausland allmählich wieder möglich. In manchen Ländern sogar gut möglich. Wagen sich viele Schweizerinnen und Schweizer also in die Fremde? Oder folgen sie dem Appell von Bundesrat Ueli Maurer, das Geld in der Schweiz auszugeben, und bleiben die meisten hier? Und welche Tourismusregionen im In- und Ausland sind am beliebtesten? Wir haben bei den vier grössten Reiseveranstaltern Hotelplan, Tui, Kuoni und Knecht Reisen sowie bei Verbänden und Umfrageinstituten nach den Trends gefragt. Das sind die sechs Erkenntnisse für den Coronasommer:

1. Mehr Leute wollen verreisen

Über mehrere Monate wurden Reisen nur storniert und keine neuen gebucht. Jetzt zeigt sich, dass wieder mehr Leute Ferien planen. Eine Studie der Hochschule Luzern besagt, dass während des Lockdowns 54 Prozent keine Ferien für das laufende Jahr geplant respektive ihre Reise storniert hatten, gegen Ende Juni waren es nur noch 31 Prozent. Zu einem ähnlichen Schluss kommt das Umfrageinstitut Link. Demnach wollten gegen Ende Juni bereits 54 Prozent der Befragten bis Ende Jahr verreisen. In den Wochen und Monaten zuvor waren es noch deutlich weniger.

Auch Reiseveranstalter spüren, dass es allmählich wieder anzieht. «Die Buchungen nehmen von Tag zu Tag zu, befinden sich verglichen zum Vorjahr jedoch noch auf tiefem Niveau», fasst Hotelplan-Chef Thomas Stirnimann die Lage zusammen. Lange voraus planen Schweizerinnen und Schweizer allerdings nicht. Sie sind noch vorsichtig, die letzten Monate haben mehrmals vor Augen geführt, dass sich die Situation schlagartig ändern kann. «Wir sehen eine klare Zunahme von kurzfristigen Buchungen in den letzten Tagen, aktuell buchen unsere Kunden ihre Ferien für den Juli, also knapp einige Tage vor Abreise», sagt Philipp von Czapiewski, Chef von Tui Suisse. Die Reiseveranstalter sind überzeugt, dass die Coronapandemie die Reiselust der Leute nicht gebrochen hat. «Sie wollen in diesen Sommerferien eine Reise unternehmen, gerade weil ihnen dies im Frühling verwehrt geblieben ist», sagt Dieter Zümpel, Chef von Der Touristik Schweiz, zu der auch Kuoni gehört.

2. Schweiz und Mittelmeerregion sind besonders gefragt

Profitieren werden von der Reiselust in erster Linie die Schweiz und das europäische Ausland. Die Umfrageergebnisse der Hochschule Luzern deuten darauf hin, dass vor allem Schweizer Destinationen hoch im Kurs sind. Bei der Umfrage konnten mehrere Antworten angekreuzt werden: Demnach planen 59 Prozent der Befragten eine Reise in der Schweiz, 42 Prozent im europäischen Ausland und nur 10 Prozent eine Fernreise ausserhalb Europas.

Umgekehrt ist es bei der Link-Umfrage: Von denjenigen, die eine Reise planen, wollen 51 Prozent ins europäische Ausland, 37 Prozent in die Schweiz und 10 Prozent ins Ausland ausserhalb Europas. Insgesamt zeigen aber beide Umfragen, dass besonders die Schweiz und Europa gefragt sind, Amerika, Asien und Afrika aber noch weniger. Wie viele mit einem Roadtrip nach Italien, Frankreich oder in Richtung Norden liebäugeln, lässt sich anhand der Ergebnisse nicht sagen. Diejenigen, die über Reiseveranstalter buchen, zieht es aber klar in die Mittelmeerregion.

«Besonders beliebt sind derzeit Badeferien am Mittelmeer, zum Beispiel auf den griechischen Inseln, Zypern, Mallorca oder auch auf den Kanaren», heisst es bei Hotelplan. Und ebenso bei Tui: «Gefragt sind Ferien am Meer und im Paket einer Pauschalreise, vor allem nach Kreta, Rhodos, Zypern und Mallorca.» Roger Geissberger, CEO von Knecht Reisen, nennt neben Griechenland noch die Türkei. Und Der Touristik Schweiz beobachtet, dass mehr Leute im angrenzenden Ausland – sowie in der Schweiz – bleiben werden. Sie hätten darauf mit dem Ausbau ihrer Produktpalette für die Schweiz, Deutschland und Österreich reagiert.

3. Schweizer Welle überschwappt den inländischen Tourismus

Genau vermessen wird der Coronasommer erst in einigen Monaten. Man muss warten bis das Bundesamt für Statistik die Logiernächtezahlen vorlegt. Doch erste Anzeichen gibt es heute schon. Diese vorlaufenden Indikatoren deuten darauf hin, dass in diesem Coronasommer genug Einheimische in der Schweiz bleiben, dass eine einheimische Gästewelle über den inländischen Tourismus schwappen wird.

Ein Indikator sind die Buchungstrends auf der Plattform «Triptease». Demnach wurden dieses Jahr bisher von Einheimischen um 46 Prozent mehr Übernachtungen in der Schweiz gebucht als im Vorjahr. Dazu kommen noch die Parahotellerie mit auch allen möglichen Arten von Camping, sagt die Vermarktungsorganisation Schweiz Tourismus. Zählt man diese Übernachtungen dazu, dürfte es zum Vorjahr ein Plus von 50 Prozent sein.

Es gibt weitere Anzeichen. Auf der Webseite von Schweiz Tourismus werden 48,5 Prozent mehr Besuche verzeichnet als im Vorjahr. Dazu kommen noch Rückmeldungen aus der Branche, die ein ähnliches Bild ergeben. Martin Nydegger, Direktor von Schweiz Tourismus, sagt: «Damit stehen die Vorzeichen gut, dass wir diesen Sommer besonders im Berggebiet tatsächlich so viele einheimische Gäste wie noch nie erleben werden.» In Hotels und Restaurants werden einheimische Gäste diesen Sommer vermehrt andere einheimische Gäste antreffen.

4. Das Ferienglück wird mehr fern von den Städten gesucht

Die Coronaferien werden eher alpin und ländlich als städtisch. Dieser Trend zeigt sich beispielsweise in einer neuen Umfragen von Hotelleriesuisse. Hotels in ländlichen oder alpinen Regionen sind demnach deutlich besser ausgelastet als ihre Konkurrenten in den Städten. Gefragt sind Natur und Berge. Gemäss den Informationen von Schweiz Tourismus suchen die Reiselustigen vor allem ein «Schweiz-Erlebnis». Beispielsweise wollen welsche Gäste nun die Deutschschweiz erleben. In einige Destinationen im Berner Oberland hat man den Eindruck, noch nie so viele französischsprachige Gäste gehabt zu haben.

Und dieser Sommer bringt eine Rückkehr zum klassischen Ferientourismus. Man verbringt öfter ein paar Tage im Tessin oder in Graubünden. Es ist, als ob es den Aufstieg der Billigfluglinien nie gegeben hätte. Man jettet nicht für Strandferien nach Thailand und hängt einen Städteurlaub in Stockholm dran. Der Tourismus wird in die Vergangenheit zurückgeworfen.

5. Im Coronasommer sind die Preise unter Druck

Die Schweizer-Welle wird nicht ausreichen. Ohne ausländische Gäste sind Betten, Tische und Flugzeuge nicht ausreichend gefüllt. Zum Vorjahr wird die Nachfrage fallen. Dagegen gibt es noch etwa gleich viele Hotels und Restaurants, Reisebüros und Fluglinien. Also müssen die Preise runter. So will es das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Und so zeichnet es sich bereits ab in Statistiken und Umfragen. Der Coronasommer wird geprägt sein von sinkenden Preisen. Hotelübernachtungen sind günstiger. Laut Landesindex für Konsumentenpreise gab es im Juni schweizweit einen Abschlag von 6,5 Prozent zum Vorjahr. Auf Pauschalreisen ist die Vergünstigung grösser: fast 13 Prozent. Badeferien auf Kreta, Zypern oder Mallorca im 4- oder 5-Sterne-Hotel kosten weniger.

Unter den Schweizer Hotels sind Preissenkungen am häufigsten in den Städten zu finden. 47 Prozent planen ihre Preise tiefer anzusetzen als im Vorjahr. Auf dem Land sind es 22 Prozent. Das zeigt eine Umfrage von Hotelleriesuisse von Ende Juni. Die Differenz erklärt sich mit dem Trend zum Sommer auf dem Land. Dort sind die Hotels besser gefüllt sein als in den Städten.

6. Der Tourismus lockt mit Paketangeboten und Sonderaktionen

Die Branche will Preissenkungen nach Kräften beschränken. Sie könne diese schlicht nicht verkraften, zumal mit den Schutzmassnahmen die Kosten steigen, sagen Branchenvertreter. So häufen sich Sonderaktionen. Services werden in Pakete gepackt. Auf die Übernachtung das Ticket zur Bergbahn drauf. Oder man darf gratis ins Strandbad, den öffentlichen Verkehr oder ein Höhle besichtigen. Oder mit dem Ticket für die Bergbahn wird das Mittagessen mitbezahlt. Sonderaktionen gibt es diesen Sommer beispielsweise von den Detailhändlern Migros, Coop oder Spar. Oft geschieht dies in der Hoffnung, dass die Kunden längere Ferien buchen.

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