Wettbewerb

Steuerreform bringt Multis ins Grübeln

Donald Trumps Steuerreform könnte dazu führen, dass Apple Milliardenvermögen zurück in die USA zurückholt.

Donald Trumps Steuerreform könnte dazu führen, dass Apple Milliardenvermögen zurück in die USA zurückholt.

US-Firmen sind bislang die grössten ausländischen Investoren und die zweitgrössten Arbeitgeber in der Schweiz – und beschäftigen sich intensiv mit der Steuerreform.

Donald Trumps Steuerreform wird die Finanzdirektoren in den Kantonen noch mächtig ins Schwitzen bringen. Zwar sind die Auswirkungen der Reform noch nicht abschliessend auszumachen, dennoch lässt sich schon heute zuverlässig voraussagen: Das Szenario, dass Unternehmen Teile ihrer gewinnträchtigsten Geschäfte von der Schweiz in die USA verschieben, ist nicht nur ein Hirngespinst jener Lobbyisten, die eine schnelle Umsetzung der neuen Steuerreform vorantreiben wollen.

Fakt ist: US-Firmen sind bislang die grössten ausländischen Investoren in der Schweiz. Das zeigt die aktuelle Statistik der Schweizerischen Nationalbank über ausländische Direktinvestitionen. Diese nimmt eine Annäherung an die tatsächlichen Verhältnisse vor. Laut den Zahlen kontrollierten amerikanische Unternehmen im Jahr 2016 nicht weniger als 43 Prozent des gesamten ausländischen Kapitalbestandes von 965 Milliarden Franken. Alle Länder der Europäischen Union zusammen kommen im Vergleich auf lediglich 37 Prozent.

Zwar konzentriert sich der ausländische Kapitalbestand in der Schweiz mehrheitlich auf Finanz- und Holdinggesellschaften, die nicht den Ruf haben, besonders beschäftigungswirksam zu sein. Doch neue Daten des Bundesamtes für Statistik machen deutlich, dass die ausländischen Multis auch im Schweizer Arbeitsmarkt einen wichtigen Faktor darstellen.

So beschäftigten im Jahr 2015 Schweizer Tochterfirmen ausländischer Konzerne rund 470 000 Personen im Land. Mit knapp 100 000 Personen sind US-Firmen die zweitgrössten ausländischen Arbeitgeber in der Schweiz hinter jenen aus Deutschland. Länder wie Frankreich oder Grossbritannien folgen erst mit grossem Abstand. «Die amerikanischen Firmen bei uns beschäftigen sich intensiv mit der Steuerreform», sagt Martin Hess, Steuerexperte bei Swissholdings, dem Verband für internationale Konzerne. «Viele überlegen sich jetzt, welche Funktionen zurück in die USA verlegt werden könnten. In den nächsten ein bis zwei Jahren werden zahlreiche Entscheidungen gefällt werden. Die Auswirkungen werden vielfach erst in vier oder fünf Jahren sichtbar.»

Milliarden in der Schweiz

Attraktiv als Firmenstandort waren die USA bislang primär aufgrund der Grösse ihres Marktes und des Angebots an hoch qualifiziertem Personal etwa im Forschungsbereich. «Nun könnte es sich lohnen, vermehrt auch Verwaltungs- und Managementfunktionen zurückzuverschieben, zumal es für viele US-Firmen kaum Sinn mehr machen dürfte, ihre Gewinne wie bisher im Ausland zu horten», sagt Hess.

Johnson & Johnson, der grösste amerikanische Arbeitgeber in der Schweiz mit rund 7000 Angestellten hat kürzlich eine Rückstellung von über 13 Milliarden Dollar gebildet. Mit dieser will der Konzern die aufgelaufenen Steuern auf den bisher steuerfrei im Ausland gebunkerten Gewinnen bezahlen. Ein grosser Teil dieser Gelder dürfte zurzeit noch in der Schweiz liegen. Vor einem Jahr kaufte das US-Unternehmen die Baselbieter Biotechfirma Actelion für 30 Milliarden Franken. Die Transaktion wurde vollumfänglich aus der Schweiz heraus finanziert.

Andere Länder schliessen auf

Martin Naville, Geschäftsführer der schweizerisch-amerikanischen Handelskammer, rechnet zwar ebenfalls mit einem Abfluss von Steuersubstrat aus der Schweiz. Die Auswirkungen davon seien aber «nicht dramatisch», sagte er in der «NZZ». Diese Prognose wird sich erst noch bewahrheiten müssen. Zweifel sind angebracht, zumal Trumps Reform den ohnehin schon harten internationalen Steuerwettbewerb weiter intensivieren wird.

Im Jahr 2000 belegten die Kantone Zug, Zürich, Waadt, Basel-Stadt und Genf bei den Gewinnsteuern die vordersten Plätze im internationalen Vergleich (siehe Grafik). Der Bund erhält drei Viertel der Gewinnsteuern von internationalen Firmen aus diesen fünf Kantonen. Nach den diversen Steuersenkungsrunden in den letzten 17 Jahren ist nur Zug in einer Spitzenposition anzutreffen. Inzwischen wurden die Zentralschweizer jedoch von Irland überholt. Neben den USA haben verschiedene Länder wie Grossbritannien, die Niederlande, Luxemburg, Belgien und sogar Italien und Frankreich weitere Steuersenkungen angekündigt.

Damit schrumpft der Vorteil der Schweiz weiter. «Die Entwicklung verlangt nach einer Reaktion der Schweiz», meint Christian Frey von Economiesuisse. Jedoch betont er auch: «Eine Steuerreform, die auf einem gesellschaftlichen Konsens beruht, gibt den Unternehmen mehr Rechtssicherheit.» Diese Sicherheit könne die extrem teure und schuldenfinanzierte US-Reform nicht bieten. Immerhin ist sie aber offensichtlich schon solid genug, um Firmen wie Johnson & Johnson oder Apple dazu zu bewegen, ihre Milliardenvermögen zurückzuholen.

Bundesrat soll sich wehren

Die Auswirkungen der US-Steuerreform für Schweizer Unternehmen zeichnen sich mit der Bekanntgabe der ersten Geschäftszahlen für das vergangene Jahr bereits deutlich ab. Industriefirmen wie Landis + Gyr, die über eine grosse industrielle Basis in den USA verfügen, dürften die klaren Gewinner sein. Unternehmen wie Novartis, die aufgrund ihres Geschäftsmodells bereits in der Vergangenheit eine effiziente Steuerplanung durchführen konnten, ziehen kaum Nutzen daraus.

Doch die Reform enthält auch allerlei Tücken, die darauf abzielen, die US-Firmen im Wettbewerb zu bevorteilen. Darum sagt Günter Schäuble, Steuerexperte von Schindler: «Der Bundesrat sollte die Interessen der Schweiz im Steuerwettbewerb aktiver vertreten und den Mut aufbringen, sich gegen neue potenziell unfaire Praktiken von anderen Ländern zu wehren.»

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