Steuerparadiese
Die Mär der schrumpfenden Offshore-Gelder – und weshalb die Schweiz gegenüber den USA das Nachsehen hat

Wie viel Geld verstecken reiche Personen und Firmen nach wie vor im Ausland? Dazu gibt es unterschiedliche Angaben. Zeit für eine kritische Einschätzung zur so genannten Offshore-Strategie und zur amerikanischen Doppelmoral.

Daniel Zulauf
Daniel Zulauf
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Unter der Ägide und auf Druck von Ex-US-Präsident Barack Obama wurde das Schweizer Bankgeheimnis abgeschafft – mit positiven Folgen für die Vereinigten Staaten, die bis heute nachwirken.

Unter der Ägide und auf Druck von Ex-US-Präsident Barack Obama wurde das Schweizer Bankgeheimnis abgeschafft – mit positiven Folgen für die Vereinigten Staaten, die bis heute nachwirken.

Pablo Martinez Monsivais / AP

Eine wirkungsvolle Bekämpfung sogenannt «schädlicher Steuerpraktiken» kann es nur geben, wenn das Ziel auf globaler Ebene mehrheitsfähig ist. Erfüllt ist diese Bedingung erst seit der Finanzkrise. Die Steuermilliarden, welche die Regierungen der meisten Industrieländer zur Rettung privater Banken und zur Stützung des ganzen Finanzsystems einsetzen mussten, haben die Finanzparadiese in aller Welt in ihrem Fundament erschüttert. Ein staatlich subventionierter Bankdatenklau ist seither politisch ebenso akzeptiert wie die privaten Ermittlungen, die zur Enthüllung vertraulicher Informationen über mutmasslich dubiose, moralisch verwerfliche oder gar offenkundig kriminelle Usanzen im Geschäftsalltag in Steueroasen führen.

CH-Media-Wirtschaftsredaktor Daniel Zulauf

CH-Media-Wirtschaftsredaktor Daniel Zulauf

Lz

Die «Pandora Papers» sind nur das jüngste Ergebnis des weit verzweigten Netzwerk-Systems von Journalisten und Rechercheuren aus Nichtregierungsorganisationen, welches die verschlungenen Wege offenlegt, auf denen hochrangige Politiker und Vertreter der gesellschaftlichen Elite nicht nur aus autokratischen Ländern ihre Finanzflüsse verschleiern. Obschon die globale Treibjagd nach Steuerflüchtlingen und Geldwäschern erst vor etwa einem Jahrzehnt eröffnet wurde, scheint sie doch schon beträchtliche Erfolge gebracht zu haben.

Neue Statistik lässt aufhorchen

Eine vergangene Woche vom Beratungsunternehmen Deloitte Schweiz veröffentlichte Studie behauptet jedenfalls, dass der sogenannte Offshore-Markt für private Finanzvermögen, die ausserhalb des Domizillandes ihrer Eigentümer verwaltet werden, im Lauf der vergangen zehn Jahre stark an Bedeutung verloren habe. Gemäss der Studie werden derzeit noch gut elf Billionen Dollar oder etwa fünf Prozent des globalen privaten Finanzvermögens Offshore gehalten und betreut. Vor zehn Jahren seien es noch neun Prozent gewesen. Wer annimmt, dass schmutzige oder unversteuerte Gelder in der Regel ins Ausland geschafft werden, um ihren Ursprung zu verschleiern hat allen Grund diese Statistik positiv zu werten.

Doch solche Zahlen sind mit Bedacht zu geniessen. Steueroasen, Finanzparadiese oder auch prima vista weniger verdächtige Zentren, in denen Vermögensverwaltung für eine internationale Kundschaft angeboten wird, sind naturgemäss weniger transparent als lokale Finanzplätze.

Sind die USA gar inzwischen die Nummer 1?

Ein gesundes Mass an Skepsis drängt sich deshalb auch gegenüber der Deloitte-Statistik auf. Diese zeigt die USA mit einem verwalteten Vermögen von zwei Billionen Dollar als drittgrössten Offshore-Finanzplatz der Welt. An der Spitze steht seit vielen Jahren die Schweiz mit über 2,5 Billionen und dahinter Grossbritannien mit 2,1 Billionen Dollar.

Am Paradeplatz und bei den Schweizer Grossbanken herrscht Konsternation in Bezug auf die US-Offshore-Strategie.

Am Paradeplatz und bei den Schweizer Grossbanken herrscht Konsternation in Bezug auf die US-Offshore-Strategie.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Viele Beobachter und Marktkenner vermuten allerdings, dass sich die USA im vergangenen Jahrzehnt still und leise an die Spitze dieser Rangliste geschoben haben. Zuverlässig belegbar ist allerdings auch diese Behauptung nicht. Plausibel erscheint die Vermutung aber insofern, als ein Grossteil ausländischer Vermögen in den USA auf Rechtsträger wie Trusts oder andere Gesellschaftsformen lautet. Diese fliessen als inländische Vermögen beziehungsweise als Onshore-Gelder in die Statistik ein.

Wut und Verbitterung bei Schweizer Bankern

Eindeutig belegt wird durch die Deloitte-Statistik aber immerhin die Tatsache, dass der amerikanische Offshore-Markt seit einigen Jahren das weltweit mit Abstand höchste Vermögenswachstum aufweist. Der US-Markt wächst mit 8,6 Prozent pro Jahr fast doppelt so schnell wie der globale Markt. Gerade in der Schweiz, wo das Offshore-Geschäft zwar immer noch respektable Wachstumsraten aufweist, inzwischen aber deutlich weniger prosperiert als in den USA, herrscht in der Finanzbranche allenthalben Wut und Verbitterung über diesen Erfolg Amerikas.

Während die Eidgenossen seit 2017 den von der OECD im Auftrag der G-20-Staaten Automatischen Informationsaustausch in Steuersachen mit über 100 Ländern praktizieren und ihr Bankgeheimnis aufgeben mussten, verweigern die USA die Gegenseitigkeit des Informationsaustausches. Der Schweizer Finanzplatz, der vielen Steuerflüchtlingen aus aller Welt und damit auch aus Amerika Unterschlupf gewährte, hatte die amerikanische Keule nach der Finanzkrise mit aller Härte zu spüren bekommen. Viele Banker und andere Finanzplatzakteure in der Schweiz sehen sich inzwischen gern als Opfer einer «absolut schamlosen, frechen und imperialistischen amerikanischen Doppelmoral».

Diese Sicht ist insofern grob verzerrt, als sie das eigene und langjährige Fehlverhalten der Schweizer Finanzbranche ausblendet. Umgekehrt ist aber auch der Gedanke ernüchternd, dass der Kampf gegen Steueroasen und obskure Finanzparadiese nur vordergründig erfolgreich war. Geldwäscher und Steuerbetrüger haben wenig zu befürchten, solange sie im mächtigsten Land der Welt willkommen sind.

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