Arbeitsmarkt

Stellenabbau bei Roche oder GE: Was steckt hinter den Kahlschlägen?

Stellenabbau bei Roche, Rockwell Automation oder GE: Der Arbeitsmarkt in der Schweiz wird gerade heftig durchgeschüttelt. Was steckt dahinter?

Nächsten Montag präsentiert der US-Industriekonzern General Electric (GE) seine Sparpläne. Für die Beschäftigten in der Schweiz steht viel auf dem Spiel. Es ist noch keine zwei Jahre her, seit GE die Energiesparte von Alstom übernommen hat und 900 Arbeitsplätze abgebaut hat. Nun rechnet man an den Betroffenen Standorten im Kanton Aargau, dass weitere 1300 Stellen in Gefahr sind.

Es geht um einen Industriezweig mit Tradition. Die von Charles Brown und Walter Boveri gegründete Badener Firma BBC – die heutige ABB – begann 1892 mit dem Bau von Kraftwerken. Ob GE, zu der die Kraftwerkssparte heute gehört, direkt nach Ankündigung der konzernweiten Pläne in der Schweiz informiert wird, ist noch unklar.

Abbauwelle erfasst die Schweiz

Zwei Jahre nach der Aufhebung des Mindestkurses zum Euro, 10 Jahre nach Beginn der weltweiten Finanzkrise, wird der Industrie- und Produktionsstandort Schweiz immer noch kräftig durchgeschüttelt. In den vergangenen Wochen häuften sich die Meldungen von Stellenabbau in der Region Nordwestschweiz. Am Montag etwa wurde bekannt, dass der Pharmakonzern Roche in Kaiseraugst 235 Stellen streichen wird. Teile der Verpackungseinheit – wo es um grosse Volumen geht – sollen an andere Standorte verlegt werden.

Ende September wurde bekannt, dass der US-Industrie- Konzern Rockwell Automation seine Produktion in Aarau komplett einstellen will. Total 250 der insgesamt 500 Arbeitsplätze werden bis 2021 wegfallen. Und im Mai war Novartis an der Reihe: 500 Stellen in der Medikamenten-Produktion und in der Datenverarbeitung waren betroffen. Ein Teil dieser Stellen wurde nach Indien verlagert. Auch andere Regionen werden nicht verschont bleiben: Letzte Woche kündigte der Solarkonzern Meyer Burger an, dass er seine Produktion nach China verschieben möchte. Am Hauptsitz kommt es zu einer Massenentlassung. 180 Stellen fallen weg. Nicht nur die grossen Unternehmen bauen Stellen ab.

Die Prognosen sind gut

Angesichts dieser Nachrichten reiben sich viele die Augen. Hat sich der Frankenkurs nicht eben noch erholt? Haben sich nicht die Prognoseinstitute mit guten Aussichten überschlagen? Ist nicht die Beschäftigungslage hervorragend? Nun, zunächst ist das alles für viele vom Stellenabbau Betroffene nur ein schwacher Trost. Es geht aber um weit mehr. Zeitgleich mit der Aufhebung des Mindestkurses fand eine Automatisierungswelle statt, und zwar weltweit. Die Digitalisierung ermöglicht heute ganz neue Geschäftsmodelle und Produktionsformen. Und das hat Folgen für den Arbeitsmark: Es geht dabei in erster Line um Kosten.

«Die Gefahr ist real»

«Die Gefahr ist real»

Der Aargauer Wirtschaftsminister Urs Hofmann zum befürchteten Stellenabbau von General Electric. (24.10.2017)

Längst sind nicht nur grosse Konzerne daran, jeden einzelnen Standort zu durchleuchten und nach Sparmöglichkeiten abzuklopfen. Die Manager wissen: Nur mit stetiger Optimierung der Prozesse lässt sich heute konkurrenzfähig produzieren. Dabei zählen Geschwindigkeit und Rendite. Besonders in einem Hochlohn-Land wie der Schweiz sind diese Ziele nur mit einer Konzentration zu erreichen auf Bereiche, die eine hohe Marge versprechen. Dazu gehört heute das simple Verpacken von Medikamenten offenbar nicht mehr.

Der Franken ist es nicht immer

Kahlschlag hier, Umbau dort. Eine Untersuchung des Forschungsinstituts BAK Economics (BAK) hat gezeigt, dass die Schweizer Wirtschaft in den letzten Jahren mit den aussergewöhnlich herausfordernden globalen Rahmenbedingungen sehr gut umgegangen ist. Als besonders widerstandsfähig haben sich die Güterexporte erwiesen. Die offene Schweizer Wirtschaft hat also dazu geführt, dass nicht nur die Einbrüche stark waren, sondern die Erholung auch wieder schnell erfolgte. Insbesondere der Pharmasektor erwies sich als besonders erfolgreich. Diese Erkenntnis macht für spätere Entwicklungen Hoffnung.

Kahlschlag bei Rockwell

Kahlschlag bei Rockwell (19. September 2017)

Bis zu 250 Arbeitsplätze der Firma Rockwell gehen verloren. Grund dafür ist die gestaffelte Verlagerung der Aarauer Produktion auf andere Standorte.

Doch sicher ist: Die einmal verlorenen Arbeitsplätze kommen nicht zurück. Eine Analyse der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH zeigt, dass seit der Aufhebung des Mindestkurses in den Industrieunternehmen die Zahl der Beschäftigten um 4,6 Prozent reduziert wurde. Die Gesamtbeschäftigung des Sektors «Verarbeitendes Gewerbe / Herstellung von Waren» ging um 2,5 Prozent zurück. Doch es ist wohl nicht nur der erstarkte Franken, der zum Abbau geführt hat. Die Globalisierung, der Aufstieg von China zur Industrienation, aber auch der technische Fortschritt und die damit zusammenhängende Automatisierung von Produktionsprozessen sind für den Abbau verantwortlich. Mit anderen Worten: Der Umbau des Arbeitsmarkts hat erst begonnen.

Ein Markt implodiert

Leicht anders ist die Situation bei der Kraftwerksparte bei GE: Hier sind ganz einfach die Bestellungen von Gas- und Dampfturbinen für Kraftwerke dramatisch eingebrochen. Auch der deutsche Konkurrent Siemens wird in den nächsten Tagen massive Einschnitte bekannt geben. Das deutsche «Manager Magazin» hatte bereits vor Wochen berichtet, dass in Deutschland bis zu 4000 Arbeitsplätze in Gefahr sind, darunter auch ganze Standorte. Derzeit wird offenbar verhandelt, ob das Management zu Abstrichen bei der Rendite bereit ist. Die Schweiz ist von dieser Abbauwelle nicht betroffen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1