Der Ratschlag war zwar gut gemeint. Er wirkte jedoch eher hilflos. Die Investoren sollten sich von den wilden Kapriolen der Börse nicht ablenken lassen, sagte US-Finanzminister Steven Mnuchin am Dienstag. Er habe keine Zweifel, dass die US-Wirtschaft stark und das Finanzsystem stabil sei. Investoren seien deshalb gut beraten, einen langen Atem zu beweisen und sich auf die längerfristigen Kursgewinne zu konzentrieren.

Als Mnuchin dies sagte, befand sich der Leitindex Dow Jones an der New Yorker Börse erneut tief in den roten Zahlen. Kurz nach der Eröffnung startete er mit einem Minus von gegen 570 Punkten. In der Folge erholte sich der Dow Jones und stieg um fast 1000 Punkte, bevor sich der Index nahe der Marke von 24 300 Punkten einpendelte. Bis zum Redaktionsschluss legte er nochmals 500 Punkte zu. Damit war der Index leicht über jenem Wert, auf dem der Dow Jones am Montag einen äusserst turbulenten Handelstag beendet hatte.

Als Erklärungsversuche für den massiven Taucher am Montag werden aktuelle Daten der US-Wirtschaft sowie der Führungswechsel an der Spitze der US-Notenbank Fed herangezogen. Am vergangenen Freitag gab das Arbeitsministerium in Washington bekannt, dass Amerikas Arbeitgeber im Januar unter dem Strich 200 000 neue Stellen geschaffen hätten – und dass die Arbeitslosenrate weiterhin bei 4,1 Prozent liege. Damit herrscht in den USA praktisch Vollbeschäftigung.

Die eigentliche Überraschung war allerdings im Kleingedruckten der monatlichen Aussendung versteckt. Demnach sei der Durchschnittslohn für einen Angestellten im Privatsektor in den vergangenen zwölf Monaten um 2,9 Prozent (auf 26 Dollar und 74 Cents pro Stunde) gestiegen. Dies entspricht dem grössten Zuwachs seit dem Ende der Finanzkrise.

Steigende Löhne verunsichern

Dieses Lohnwachstum sorgte an den Finanzmärkten umgehend für Verunsicherung, auch weil es die Angst vor einer Überhitzung der amerikanischen Volkswirtschaft weckte. In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf die Steuerreform verwiesen, die das republikanisch dominierte Parlament in Washington im Dezember verabschiedete. Ökonomen gehen davon aus, dass die fiskalpolitischen Zugeständnisse an die Wirtschaftswelt sich zumindest kurzfristig positiv auf die Konjunk- tur oder zumindest auf das Kon- sumverhalten der Amerikaner auswirken werden.

Spekulationen nehmen zu

Der neue Fed-Chef Jerome «Jay» Powell, der sein Amt am Montag offiziell antrat, könnte sich deshalb versucht sehen, diese Party vorzeitig zu beenden. Bereits im vergangenen Jahr waren Beobachter davon ausgegangen, dass die US-Notenbank im laufenden Jahr dreimal an der Zinsschraube drehen werde. Damit wolle die Notenbank auch verhindern, dass die Kapitalmärkte allzu heftig auf das Ende des geldpolitischen Experiments reagieren. Mit diesem hat die Fed nach der Finanzkrise die am Boden liegende US-Konjunktur wieder angekurbelt. Nun gibt es plötzlich Stimmen, die von der Notwendigkeit von vier Zinserhöhungen sprechen.

Powell, der als Fed-Gouverneur seit 2012 bereits unter seiner Vorgängerin Janet Yellen eine wichtige Rolle in der US-Währungspolitik spielte, wird sich erstmals am 21. März der Presse stellen müssen. Bis zu diesem Zeitpunkt lässt sich trefflich über den Kurs des neuen Währungshüters spekulieren.