Fachkräfte

Statt Ausländer sollen vermehrt Mütter und Senioren, ran an die Arbeit

Das Angebot an Fachkräften in der Schweiz ist ausgetrocknet. Bislang hatten Unternehmen die Durststrecke mit Arbeitskräften aus dem Ausland bewältigt. Wie lange noch? Getty Images

Das Angebot an Fachkräften in der Schweiz ist ausgetrocknet. Bislang hatten Unternehmen die Durststrecke mit Arbeitskräften aus dem Ausland bewältigt. Wie lange noch? Getty Images

Um den Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt zu lindern, will der Bund das Potenzial im Inland ausschöpfen. Auf ausländisches Personal soll verzichtet werden.

Das Wort «Fachkräfte» hat das Potenzial zum Wort des Jahres 2014 in der Schweiz. Seit das Stimmvolk am 9. Februar für eine Beschränkung der Zuwanderung votierte und der Personenfreizügigkeit mit der EU eine Absage erteilte, sind die Fachkräfte respektive ihr Mangel in aller Munde. Denn seit dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative gibt es unter den Parteien nur einen Konsens: Die Schweiz muss das Potenzial an inländischen Arbeitskräften besser ausschöpfen.

Wo das Problem liegt

Der Fachkräftemangel ist kein neues Phänomen. Doch mit dem Volksentscheid hat sich das Problem verschärft: Unter dem Regime der Personenfreizügigkeit war und ist es für die hiesigen Unternehmen ein Einfaches, fehlende Fachkräfte im Ausland zu rekrutieren. Diese Option hat das Volk nun aber stark infrage gestellt.

Die Ursachen für den Fachkräftemangel sind vielfältig. So verändert sich die demografische Zusammensetzung der Schweizer Bevölkerung. Seit 2008 wächst der Anteil der erwerbstätigen Personen weniger stark als die Gesamtbevölkerung. Das Bundesamt für Statistik rechnet gar damit, dass ab 2020 der Anteil der Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 64 Jahren schrumpfen wird. Auch wenn diese Prognosen mit Vorsicht zu geniessen sind: Die Schweizer Volkswirtschaft muss sich darauf einstellen, dass die arbeitende Bevölkerung nicht mehr wächst, sondern stagniert oder möglicherweise schrumpft. Das Problem der alternden Gesellschaft kennen auch andere westliche Länder. Dies ist ebenfalls mit ein Grund, weshalb sich die Schweiz nicht (allein) auf die Zuwanderung verlassen kann. Andere Länder haben Massnahmen ergriffen, um ihre Fachkräfte im Land zu halten oder gar zurückzuholen. So hat das Bundesland Bayern die Initiative «Return to Bavaria» ins Leben gerufen: Ausgewanderte deutsche Fach- und Führungskräfte sollen motiviert werden, nach Bayern zurückzukehren – damit das Bundesland mit «klugen Köpfen» seinen Spitzenplatz beim Wirtschaftswachstum halten kann.

Fachkräfte Grafik 1

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Gut ausgebildete Arbeitskräfte sind weltweit gesucht. Ein Grund dafür ist auch der technologische Wandel. Einfache Tätigkeiten wurden längst ins Ausland verlagert oder automatisiert. So hat die Schweizer Industrie nichts mehr mit grossen Fabrikhallen und Montagestrassen zu tun. Im Zentrum stehen Forschung und Entwicklung, Marketing, Logistik oder Serviceleistungen. Und wo in der Schweiz neue Produktionsstätten gebaut werden, wie zum Beispiel für Nespresso-Kapseln in Romont, wird voll automatisiert. Mit anderen Worten: Mit dem technologischen Wandel steigen die Anforderungen an die Mitarbeiter.

Wo die Leute fehlen

Dass die Schweiz kräftig nach Fachkräften sucht, hat natürlich auch mit der positiven wirtschaftlichen Entwicklung zu tun. Konjunkturbedingte Knappheit ist denn auch nicht per se aussergewöhnlich. Doch es kann auch sein, dass in gewissen Bereichen schlicht zu wenig Leute ausgebildet wurden, Arbeitskräfte ihren Beruf gewechselt haben oder gar nicht mehr erwerbstätig sind.

Der Mangel an Fachkräften betrifft verschiedene Bereiche. Schon länger erkannt wurde der Bedarf an Fachkräften im Mint-Bereich – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Ein Dauerbrenner sind zudem fehlende Ärzte und Pflegepersonal und jeweils zum Schulbeginn schwappen die Diskussionen um den Lehrermangel hoch. Indes: Der Schweiz fehlt es auch an Treuhändern, Tourismus- und Marketingfachleuten oder Managern, wie eine Studie im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) festhält.

Die Studie ortet in denjenigen Berufen einen Fachkräftemangel, wo sich nicht alle Stellen durch entsprechend ausgebildete Personen decken lassen, wo die Zuwanderung überdurchschnittlich, die Arbeitslosenquote unterdurschnittlich und die Quote der offenen Stellen überdurchschnittlich ist. Was die Studie nicht liefert, sind konkrete Zahlen, wie viele Fachkräfte in der Schweiz effektiv fehlen. Sie bezeichnet aber Berufsgruppen, wo der Mangel besonders ausgeprägt ist.

Wo der Bund Potenzial sieht

Die Schweiz hat schon heute eine hohe Erwerbsquote: 79 Prozent der 15 bis 62-jährigen Bevölkerung arbeiten – das ist ein europäischer Spitzenwert. Und selbst bei den älteren Arbeitnehmern (55- bis 64-jährig) wird die Schweiz nur von Schweden und Norwegen getoppt. Wo sieht der Bundesrat im Inland also Potenzial an Arbeitskräften? Er hat diese Frage bereits 2011 in einem Grundlagenbericht zum Fachkräftemangel beantwortet: bei nichterwerbstätigen und erwerbslosen Jugendlichen, bei nichterwerbstätigen Erwachsenen ohne Berufsbildung, bei Eltern mit Erziehungsaufgaben und Wiedereinsteigern sowie bei älteren Arbeitnehmenden. Der Bund hat für das Jahr 2009 errechnet, dass, wenn nur 20 Prozent dieses Potenzials ausgeschöpft worden wären, der Schweizer Wirtschaft 312 000 Vollzeitarbeitskräfte mehr zur Verfügung gestanden hätten. Zum Vergleich: Im selben Jahr betrug die Netto-Zuwanderung 74 600.

Diese Berechnungen sind theoretischer Natur. Das Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) hütet sich davor, die Zahlen zu aktualisieren, um keine zu hohen Erwartungen zu wecken. Fakt ist aber, dass das grösste Potenzial bei den Frauen geortet wird. Denn in der Schweiz stehen zwar viele Frauen im Arbeitsleben, doch sie arbeiten sehr häufig nur Teilzeit.

Um das Potenzial tatsächlich auszuschöpfen, muss nicht nur der Wille der inländischen Fachkräfte vorhanden sein. Gerade Unternehmen sind angehalten, neue Arbeitsmodelle und flexible Arbeitszeiten anzubieten. Doch der Bund kann den Unternehmen die Rekrutierung nicht vorschreiben. Vielmehr versucht er als Vorbild zu agieren, indem er seinen Mitarbeitern familienfreundliche und altersgerechte Arbeitsbedingungen anbieten will. Anreize zur Frühpension ab 60 Jahren sollen gestrichen werden. Überhaupt sollen ältere Arbeitnehmer der Wirtschaft länger erhalten bleiben. Mütter und Väter sollen Beruf und Familie besser vereinbaren können. Schliesslich zielen die Massnahmen auch auf die Bildung ab: Die Kantone, Bund und Sozialpartner haben sich zum Ziel gesetzt, dass künftig 95 Prozent aller Schulabgänger wenigstens ein Diplom einer Berufslehre oder eine Maturität in der Tasche haben.

Wo der Knackpunkt liegt

Der Knackpunkt dieser Pläne liegt in der Umsetzung. Um das Potenzial wunschgemäss zu nutzen, muss an vielen Schrauben gedreht werden. Wo angesetzt werden muss, wird in den kommenden Tagen veranschaulicht. Was auffällt: Weder Bund noch Kanton haben viele Möglichkeiten, die Massnahmen durchzusetzen. Im Vordergrund stehen Informations- und Sensibilisierungskampagnen, die sich an Firmen, Arbeitnehmende und Sozialpartner richten.

Das bedeutet nicht, dass sich die Arbeitswelt seit dem Grundlagenbericht nicht weitergedreht hat. So haben Private und Schulen Projekte gestartet, um Schüler für Mangelberufe zu motivieren – etwa in Technik oder Informatik. 2011 rechnete der Bund aber noch fest mit der Zuwanderung. Ausländische Arbeitskräfte hätten die Lücken schliessen sollen, welche sich nicht durch Inländer füllen lassen. Laut Seco-Sprecherin Isabel Herkommer prüft das WBF im Nachgang zur Zuwanderungsinitiative, «ob die vorgesehenen Massnahmen des Bundes zu beschleunigen und ob zusätzliche Massnahmen notwendig sind.»

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