Das WEF 2018 ging am Freitag mit dem Auftritt von Donald Trump zu Ende. Schon während der ganzen Woche drängten Politiker aus aller Welt auf die Davoser Bühne, um für ihre Staaten und Überzeugungen zu werben. Noch nie waren so viele hochkarätige Regierungschefs nach Davos gereist. Dabei ging fast vergessen, dass das WEF eigentlich ein Wirtschaftsevent ist, bei dem es im Kern um die Anbahnung von Geschäften und ums Networking geht.

Oder um den Puls der Weltwirtschaft zu fühlen. Für Jes Staley, den CEO der Grossbank Barclays, fühlt es sich jedenfalls «ein bisschen wie 2006» an. Damals waren Boomzeiten. Die Wirtschaft lief auf zwölf Zylindern; man glaubte, die Rätsel von Wirtschaftskrisen gelöst zu haben. In Davos wurden groteske Partys gefeiert. Google schenkte im Kirchner-Museum Weine für über 1000 Franken aus. Der damalige UBS-Chef Marcel Ospel fantasierte davon, die weltweite Nummer eins im Investmentbanking zu werden. Die US-Bank Lehman Brothers beanspruchte im Hotel Seehof ein ganzes Stockwerk für sich. Gut zwei Jahre später war die Bank pleite und riss damit die gesamte Finanzwelt in den Abgrund.

Dieses Jahr wird wieder geklotzt. Die Geschäfte an der Promenade, der wichtigsten Strasse in Davos, wurden nahezu ausnahmslos an internationale Grosskonzerne und Länderpromotoren vermietet. Facebook liess für mehrere Millionen einen Holzpalast errichten. Milliardenschwere Silicon-Valley-Firmen wie Palantir oder Salesforce protzten mit imposanten Auftritten. Unzählige Limousinen verstopften in Davos die Strassen, sodass die Polizei einschreiten musste.

Zehn Jahre nach der letzten Finanzkrise haben sich die letzten Ausläufer des Sturmtiefs verzogen. Die Weltwirtschaft nimmt deutlich an Fahrt auf. Der Internationale Währungsfonds (IWF) gab am Montag seinen Ausblick bekannt und korrigierte die Prognosen für das globale Wirtschaftswachstum von 3,7 auf 3,9 Prozent. Die Weltwirtschaft befinde sich in einer ausgezeichneten Verfassung, sagte IWF-Chefin Christine Lagarde. Zur Trendwende kam es vor wenigen Monaten, als der IWF das erste Mal nach 27 Monaten seinen Ausblick heraufstufte. Das Wachstum sei breit abgestützt und finde in fast allen Regionen der Welt statt. In 120 Volkswirtschaften, die drei Viertel des weltweiten BIP abbilden, hat sich das Wachstum 2017 beschleunigt.

Ökonomen stören Festlaune

Doch es gab auch Stimmen, die die Festlaune störten. Die angereiste Gilde der Starökonomen sandte unüberhörbar Warnsignale aus. Pessimistisch sieht es Harvard-Professor Kenneth Rogoff. Auf einem Podium meinte der Ökonom, der ein Standardwerk zur letzten Finanzkrise geschrieben hat, dass «wir nicht mal einen Plan A haben, wenn es zu einer neuen Finanzkrise kommt». Der Grund: Die Zinsen sind bereits sehr tief oder wie in der Schweiz negativ, die Notenbanken fluten die Märkte mit Geld und viele Staaten sind hoch verschuldet. Es ist fraglich, ob sie überhaupt noch in der Lage wären, trudelnden Banken unter die Arme zu greifen und Konjunkturpakete zu schnüren. Die Staaten gleichen Marathonläufern, die schon vor dem Start ausgepowert im Sauerstoffzelt liegen.

Professor Rogoff würde viel darauf wetten, dass die nächste Finanzkrise von China ausgelöst wird. Die Wirtschaft des Landes sei fragil und viel zu stark auf Investitionen und Exporte ausgerichtet. Die Kombination von hohen Schulden und enorm tiefen Zinsen sei gefährlich. Denn die Zinsen könnten gar nicht steigen, ohne dass es zu Problemen kommt. Dies könnte das Land in eine politische Krise stürzen, meinte Rogoff.

Der US-Professor und Nobelpreisträger Robert Shiller sieht es weniger dramatisch. Im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» sagte er zwar, die Aktienmärkte seien zuletzt enorm stark gestiegen, was die Gefahr eines «heftigen Crashs» erhöhe. Wann es aber zur nächsten Krise kommt, könne er nicht sagen. Er kenne niemanden, der im gegenwärtigen Umfeld verlässliche Aussagen machen könne. Shiller wählt seine Worte nicht ohne Grund mit Bedacht. Er war einer der wenigen, die die letzte Finanzkrise korrekt vorausgesagt hatten. Der Yale-Professor analysiert seit vielen Jahren akribisch Marktdaten. Unter anderem untersucht er den Immobilienmarkt in den USA. Aufgrund der Entwicklung der Preise und anderer Faktoren kam er zum Schluss, dass die Immobilienblase in den USA platzen würde. Und so kam es.

Teuerster Aktienmarkt

Droht nun ein Zusammenbruch der Börse? «Die USA sind derzeit der teuerste Aktienmarkt der Welt», sagt Shiller. Die sogenannte Cape-Ratio, eine von ihm entwickelte Formel, welche das Preisniveau von Aktien ausdrückt, steigt seit 2009 ohne Unterbruch. Die Aktienmärkte befinden sich damit in einer der längsten Boomphasen überhaupt. «Die Cape-Ratio kann noch weiter steigen», ist Shiller überzeugt. Heute liegt die Marke bei 33, ein Rekord sei das nicht. Im Jahr 2000 lag die Quote bei 45.

Dass Aktienkurse nun schon seit neun Jahren steigen, sei ebenfalls kein Rekord. Ab 1982 verteuerten sich die Aktien sogar während 18 Jahren, wenn auch unterbrochen von einer heftigen Korrektur. Die Hausse könne also noch einige Zeit andauern. Und noch einen Indikator hat Shiller zur Hand. Seit den 1980er-Jahren befragt er Marktteilnehmer nach der Wahrscheinlichkeit eines Aktiencrashs in den nächsten sechs Monaten. Das Resultat: «Die Leute sind sehr optimistisch. Man erwartet keinen Crash.»

Investor David Rubinstein, Chef des Private-Equity-Riesen Carlyle Group, meinte, dass genau diese Haltung das Problem sei: «Immer wenn die Leute denken, dass nichts Schlimmes passieren kann, geschieht genau das.»