Wirtschaft

Stadler wollte in den USA durchstarten – doch Corona und Trump bremsen den Thurgauer Bahnbauer

Seit 2017 ist Stadler in Salt Lake City präsent.

Seit 2017 ist Stadler in Salt Lake City präsent.

Die Regierung von Präsident Donald Trump hat die amerikanischen Grenzen zugemacht. Dies hat auch Folgen für Schweizer Investoren.

Eigentlich kann sich Martin Ritter nicht beklagen. Der Geschäftsführer von Stadler US, dem amerikanischen Ableger des Ostschweizer Schienenfahrzeugherstellers, sagt, die Produktion in Salt Lake City (Utah) laufe auf Hochtouren und die Auftragsbücher seien dank Bestellungen aus Kalifornien, Texas und Georgia gut gefüllt – Corona-Pandemie hin oder her. «Wir sind ein essenzieller Betrieb», sagt Ritter; abgesehen von einigen Anpassungen in der Werkhalle und im Büro habe sich der Arbeitsalltag der 350 Angestellten in den vergangenen turbulenten Wochen nicht stark verändert.

Von einer Folge der Corona-Krise allerdings sind Ritter und sein Team direkt betroffen: von der Auflage, die derzeit Geschäftsreisen über den Atlantik verunmöglicht. Ritter weist darauf hin, dass Stadler erst seit 2017 in Amerika präsent sei. Und die neue Produktionsstätte, in unmittelbarer Nähe des internationalen Flughafens erstellt, wurde erst im vorigen Frühjahr offiziell eröffnet. Der neue Betrieb ist deshalb noch auf Hilfe vom Mutterhaus angewiesen, wie Ritter sagt. «Der Know-How-Transfer» zwischen dem Hauptquartier in Bussnang und dem Tochterunternehmen in Salt Lake City sei auf Hochtouren gelaufen, als im März in Amerika und Europa die Grenzen dichtgemacht wurden. Die jetzige Situation erschwere den Austausch.

Stadler-Angestellter sitzt fest

Konkret betroffen sind fünf Spezialisten, die das Team in Utah beim Bau von Schienenfahrzeugen wesentlich unterstützt hätten, nun aber nicht mehr nach Amerika einreisen dürfen, sagt Ritter. Auch sitze ein Stadler-Angestellter in der Schweiz fest, der zu Beginn der Krise aus Utah in die Heimat zurückgekehrt sei und nun temporär nicht in Amerika einreisen dürfe.

Die Regierung von Präsident Donald Trump hat die Schengen-Zone unter Quarantäne gesetzt und das Weisse Haus macht keine Anstalten, diese Einschränkungen aufzuheben. «Zuerst müssen wir sicherstellen, dass es uns gut geht» und dass es Europa gut gehe, sagte Trump vor einigen Tagen im Weissen Haus. Auch Reisen von und nach Kanada, Mexiko, Grossbritannien, Irland, China, Iran und neuerdings Brasilien sind derzeit nur in Ausnahmefällen erlaubt. Einzig amerikanische Staatsbürger und Inhaber einer «Green Card», einer amerikanischen Aufenthaltsbewilligung, können derzeit problemlos in die USA einreisen.

Wollen USA weniger Ausländer im Land?

«Vorderhand» schaffe diese neue Ausgangslage keine unlösbaren Probleme, sagt Ritter – obwohl natürlich die Zeitdifferenz von 8 Stunden zwischen Tochter- und Mutterbetrieb logistische Schwierigkeiten beim Terminieren einer Videokonferenz bereiten könne. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass die Regierung Trump die Krise dazu nutzen will, die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte in Amerika zu verringern. So stellt die Bundesregierung derzeit keine neuen «Green Cards» mehr aus; auch gibt es einflussreiche Berater des Präsidenten, die künftig weniger Visa für Fachkräfte und Gastarbeiter, die normalerweise 3 Jahre lang gültig sind, verteilen wollen.

Aus offiziellen Statistiken lässt sich bereits ablesen, dass es sich dabei nicht nur um Gedankenspiele handelt. So stellte das Aussenministeriums im April 2020 weltweit 48'855 Visa aus, die den temporären Aufenthalt in Amerika erlauben. Zum Vergleich: Im April 2019 waren weltweit noch 808'839 Visa bewilligt worden. Diese massive Kurskorrektur ist ganz nach dem Geschmack rechter Einwanderungsgegner. Angesichts von Arbeitslosenzahlen in doppelter Millionen-Höhe sei es angebracht, keine neuen ausländischen Gastarbeiter mehr ins Land zu lassen, sagte kürzlich Roy Beck, der Präsident des Interessenverbandes NumbersUSA, der sich für eine Reduktion der Zahl der Migranten in Amerika einsetzt.

Firmen könnten abgeschreckt werden

Auch Martin Ritter besitzt ein «Non-Immigrant Visa», wie diese Aufenthaltsbewilligungen im Washingtoner Sprachgebrauch heissen, und früher oder später stellt sich die Frage einer Verlängerung. Eine Handvoll der Stadler-Angestellten in Utah sehen sich mit demselben Problem konfrontiert, sagt Ritter. Er weist zudem darauf hin, dass eine restriktivere Einwanderungspolitik Auswirkungen auf potenzielle Investoren haben könnte, auf Firmen, die den Sprung nach Amerika wagen wollen.

So stehe Stadler im Kontakt mit seinen Zulieferbetrieben, die es sich nun zweimal überlegten, eine Zweigstelle in Amerika aufzubauen, sagt Ritter. Eine restriktive Einwanderungspolitik könnte sich also negativ auf ausländische Direktinvestitionen auswirken, ausgerechnet in einer Zeit, in der die grösste Volkswirtschaft auf innovative Unternehmer angewiesen ist. An die Adresse der Einwanderungs-Hardliner im Weissen Haus sagt der Schweizer Geschäftsmann deshalb: «Sie müssen es sich schon gut überlegen, wie fest sie diese Schleuse zumachen wollen.»

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