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Spitzenmanager sind im Prüfungsstress – wegen aufmüpfigen Aktionären

Im Streit mit Aktionären spielen die Halbjahreszahlen eine wichtige Rolle.

Daniel Zulauf
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Ulf Mark Schneider (Nestlé), Ulrich Spiesshofer (ABB) und Hariolf Kottmann (Clariant).

Ulf Mark Schneider (Nestlé), Ulrich Spiesshofer (ABB) und Hariolf Kottmann (Clariant).

Keystone

Erfolg ist nicht selten Glückssache. Diese Erfahrung macht derzeit auch Novartis-Chef Joseph Jimenez. Soeben bescheinigte die amerikanische Medikamentenzulassungsbehörde FDA einer neuartigen Leu-kämietherapie des Pharmakonzerns den klinischen Durchbruch. Die Nachricht bescherte den Baslern einen unverhofften Applaus aus dem Finanzmarkt – und das nur wenige Tage, bevor Jimenez seinen Aktionären Rechenschaft über den Geschäftsverlauf im ersten Halbjahr ablegen muss. Einen besseren Zeitpunkt für die News hätte sich der Manager nicht wünschen können. Denn was die nackten Zahlen anbelangt, werden sich die Anleger am kommenden Dienstag einmal mehr mit einer mageren Kost begnügen müssen.

Gewiss, Novartis verdient nach wie vor einen Haufen Geld; doch die Entwicklung des Unternehmens wird den hohen Erwartungen der Investoren nicht gerecht. Der Umsatz stagniert, der Gewinn ist sogar leicht rückläufig. Nach Jimenez’ eigenen Prognosen wird sich das auch im laufenden Jahr nicht ändern. Noch ist kein grosser Investor ins Rampenlicht getreten, um die Novartis-Führung offen herauszufordern. Doch im Verborgenen nimmt der Druck unverkennbar zu. Im November kündigte Novartis die Prüfung aller «strategischen Optionen» für den Augenheilmittelhersteller Alcon an.

Die wachstums- und ertragsschwache Tochtergesellschaft muss dringend bessere Zahlen präsentieren – ganz egal ob das Ergebnis der Evaluation am Jahresende deren Verkauf oder den Verbleib im Novartis-Verbund bedeutet. Das am Dienstag zu veröffentlichende Halbjahresergebnis wird für Jimenez deshalb zu einer Art persönlichen Prüfung. Der Check könnte bestimmend für den Fortgang der langen Karriere des US-Managers werden. Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt sagte vergangene Woche im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» auf die Frage, ob er mit Jimenez und seinem Team zufrieden sei: «Ich bin zufrieden mit der aktuellen Situation, aber es gibt immer etwas zu tun.» Ungefähr so könnte in der Chefetage ein Ultimatum tönen.

Gedämpfte Erwartungen

Auch für ABB-Chef Ulrich Spiesshofer steht viel auf dem Spiel, wenn er am Donnerstag die Semesterzahlen vorlegt. Seit der letzten Generalversammlung im April sitzt mit Lars Förberg ein Vertreter des kritischen schwedischen ABB-Grossaktionärs Cevian im Verwaltungsrat des Industriekonzerns. Als die Skandinavier vor zwei Jahren ihre erste Beteiligung erwarben, notierten die ABB-Aktien bei 21 Franken. Jetzt kosten die Titel 24 Franken oder 14 Prozent mehr als damals. Für Cevian ist dieser Kursfortschritt bei weitem nicht gut genug.

Förberg behauptet, eine ABB-Aktie könnte 35 Franken wert sein, wenn sich das Unternehmen von der grossen Stromnetzsparte verabschieden und sich auf die verbleibenden drei Divisionen konzentrieren würde. Doch Spiesshofer hat diesem Vorschlag eine klare Absage erteilt. Entsprechend gedämpft sind die Erwartungen im Finanzmarkt. Von 36 Finanzanalysten empfiehlt nur jeder dritte, jetzt ABB-Aktien zu kaufen, wie die Statistik der Nachrichtenagentur Bloomberg zeigt. Das ist ein ungewöhnlich tiefer Wert. Im ersten Quartal hatte ABB einen enttäuschenden Auftragseingang (–3 Prozent) ausgewiesen und keine Verbesserung der Gewinnmargen erreicht. Wenn Spiesshofer jetzt keine Leistungssteigerung vorweisen kann, wird dies die Position des CEO schwächen und jene Förbergs stärken.

Eine Woche später legen mit Clariant und Nestlé gleich drei Firmen ihre Semesterzahlen vor, die dringend auf gute Ergebnisse angewiesen sind. Der Spezialchemiehersteller Clariant ist mitten in den Vorbereitungen auf die Fusion mit dem amerikanischen Mitbewerber Huntsman auf den Widerstand von zwei Investoren gestossen. Diese hoffen, mit ihrer offensiven Kommunikation genügend Aktionäre mobilisieren zu können, um den Firmenzusammenschluss kurz vor der Ziellinie doch noch zu stoppen. Für den Clariant-Chef und designierten Verwaltungsratspräsidenten des Fusionskonzerns Hariolf Kottmann wird es vor allem darum gehen, anhand der Halbjahreszahlen zu belegen, dass der Schulterschluss mehr als nur eine Abwehrmassnahme ist.

Genau diese Kritik erheben die oppositionellen Aktionäre: Sie behaupten, Kottmann wolle nur fusionieren, um eine unerwünschte Übernahme von Clariant durch einen potenteren Konkurrenten zu verhindern – was natürlich auch seine persönlichen Jobaussichten kompromittieren würde. Ein glaubwürdiges Argument zum Beweis des Gegenteils wären gute Zahlen. Die Basler streben im laufenden und im nächsten Jahr eine kräftige Gewinnsteigerung an, die auch deutlicher höher ausfallen sollte als die geplante Umsatzexpansion. Wenn diese Margensteigerung gelingt, könnte Kottmann behaupten, Clariant hätte auch im Alleingang eine gute Zukunft. Je besser die Perspektiven für das Unternehmen, desto mehr müsste eine Drittpartei für die Übernahme zahlen. Wenn der Aktienkurs auf dieser Grundlage steigt, könnte der Widerstand der Aktionäre schnell verstummen.

Versprechungen reichen nicht

Auch der neue Nestlé-Chef Mark Schneider braucht gute Ergebnisse, um den um Einfluss ringenden US-Hedge-Fonds-Manager Daniel Loeb zurückbinden zu können. Loeb behauptet, Nestlé könnte in einigen Jahren mit ein paar geschickten Portfolio-Umschichtungen und ein bisschen Finanz-Engineering die Gewinnmarge auf 18 bis 20 Prozent hochtreiben. 2016 belief sie sich auf 15,3 Prozent, was auch dem Nestlé-Management selber zu wenig ist. Schneider wird seine Aktionäre nicht nur mit Versprechungen zufriedenstellen können. Er wird auch zeigen müssen, dass der Konzern den richtigen Weg längst eingeschlagen hat.

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