Therapie

Spiegeltherapie und Spezialprothesen helfen gegen Phantomschmerzen

Heather Mills, Ex-Model und Exfrau von Paul McCartney, wurde 1993 von einem Polizeimotorrad angefahren und verlor ihren Unterschenkel.Bullspress

Heather Mills, Ex-Model und Exfrau von Paul McCartney, wurde 1993 von einem Polizeimotorrad angefahren und verlor ihren Unterschenkel.Bullspress

Lord Nelson siegte bei Trafalgar über Napoleon. Doch er litt Höllenqualen, weil sich seine Finger beim Ballen der rechten Faust in den Handballen eingruben – und dabei hatte er rechts gar keinen Arm mehr.

Der Phantomschmerz kann eben überaus real und quälend sein, und er ist heute noch so aktuell wie damals.

Denn die Amputation ist ein ärztlicher Routineeingriff, der allein in der Schweiz mehr als 1500 Mal pro Jahr stattfindet. Meistens trifft es die unteren Extremitäten, doch es können auch Arme, Hände und – infolge eines Tumors – die Brüste betroffen sein. Trotz allen Fortschritts hinterlassen diese Eingriffe nach wie vor ihre Spuren. Und oft verbleibt sogar das komplette Organ – zwar nur in der Einbildung, aber die kann genauso intensiv und schmerzhaft sein wie die Realität.

So berichten Ärzte von Patienten, die – in der festen Überzeugung, auf ihrem fehlenden Bein zu stehen – einfach umgekippt sind. Aber auch amputierte Därme, Harnblasen und Augen können zum Phantomdasein erwachen, und einige Männer spüren nach der Entfernung des Penis sogar noch eine Erektion. Insgesamt spüren drei von vier Amputationspatienten einen Phantomschmerz, der in zwei Dritteln der Fälle so heftig wird, dass es zu Schlafstörungen kommt.

Fehlgeschaltete Nerven

Bleibt die Frage, wodurch diese Qualen überhaupt ausgelöst werden. Als gesichert gilt, dass die gestutzten Nervenenden an den Amputationsstümpfen vernarben und zu Neuromen auswuchern, die sich gegenseitig reizen. Als weiterer Auslöser gilt mittlerweile aber auch die so genannte «Kreuzverkabelung», mit der die einzelnen Wahrnehmungsareale im Gehirn miteinander verschaltet sind. Dort liegen beispielsweise die sensorischen Zonen für Hand, Unterarm und Oberarm nebeneinander, und wenn nun aufgrund einer Handamputation das entsprechende Areal arbeitslos wird, übernehmen kurzerhand seine Nachbarn dessen Job – und signalisieren dann die Anwesenheit einer Hand, die es gar nicht mehr gibt.

Was aber noch schlimmer ist: Weil die Signale keinen konkret-realen Background haben, werden sie zum Schmerz aufgebauscht, um ihnen mehr Nachdruck zu verleihen. So wie uns jemand immer lauter anspricht, wenn wir auf seine ersten Ansprechversuche nicht reagieren. Der Phantomschmerz ist also, wie Christoph Maier vom Berufsgenossenschaftlichen Uniklinikum Bergmannsheil in Bochum erklärt, der Versuch eines übereifrigen Hirns, «die fehlenden Signale eines amputierten Körperteils durch Schmerz
zu ersetzen».

Einem übereifrigen Hirn freilich sind nur schwer Grenzen zu setzen, weswegen der Phantomschmerz nach wie vor schwer zu therapieren ist. Ihm durch eine vorbeugende Schmerzmittelgabe, also noch vor dem operativen Eingriff, zu begegnen, diese Hoffnung hat eine britische Studie jetzt als wissenschaftlich unhaltbar entlarvt. Hilfreicher sind da schon spezielle Handprothesen, die an der Universität Jena entwickelt wurden. Über Drucksensoren geben sie dem Gehirn eine Rückmeldung, als wenn sie vom fehlenden Körperteil stammen würde. Dadurch wird die Nachbarschaftshilfe unter den Wahrnehmungsarealen überflüssig – und am Ende verschwindet auch der Schmerz. Noch ist allerdings nicht sicher, ob dieses Modell auch für andere Prothesen geeignet ist, ob also beispielsweise Beinamputierte davon profitieren können.

Vorgespiegelte Arme und Beine

Diesen Nachweis hat die «Spiegel-Methode» des amerikanischen Neurologen Vilayanur Ramachandran bereits hinter sich, doch dafür fordert sie auch die aktive Mitarbeit des Patienten. Er wird dabei so vor einem Spiegel platziert, dass ihm der visuelle Eindruck vermittelt wird, die Spiegelung des gesunden Beins oder Arms sei das amputierte Körperglied. Die Folge: Das Gehirn erinnert sich an die fehlende Extremität.

«Der Input über die Augen ersetzt dann zum Teil die fehlenden Eingangssignale aus dem amputierten Arm oder Bein, der Schmerz als Ersatzinformation wird dadurch überflüssig», erklärt Maier, der schon seit einigen Jahren erfolgreich mit die-
ser Methode arbeitet. Wobei dieser Effekt noch stärker ausfällt, wenn der Patient sein gespiegeltes Körperteil in Kontakt mit einem Igelball bringt oder Geschicklichkeitsübungen durchführen lässt. Denn wie in der Pädagogik gilt auch hier: Das Gehirn lernt am besten, wenn möglichst viele Reizkanäle im Spiel sind.

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