Altersreform 2020

Soziologe Höpflinger über Kielholz-Idee: «Arbeitnehmer sollte Anrecht auf Pensionierung haben»

Soziologe Walter Kielholz äussert sich zum Vorschlag von Walter Kielholz.

Soziologe Walter Kielholz äussert sich zum Vorschlag von Walter Kielholz.

Walter Kielholz, Verwaltungsratspräsident der Swiss-Re, will die Pensionierung abschaffen. Das sei grundsätzlich eine gute Idee, findet Soziologe und Altersforscher François Höpflinger. Allerdings sei die Umsetzung mit einigen Schwierigkeiten verbunden.

Der Vorschlag ist brisant: Walter Kielholz, Verwaltungsratspräsident der Swiss-Re, fordert im Interview mit der «Schweiz am Wochenende», dass das festgeschriebene Rentenalter abgeschafft werden soll. Der Arbeitsvertrag würde einfach weiterlaufen, es sei denn, dass ihn der Arbeitnehmer kündigt oder dass der Arbeitgeber findet, jetzt kann oder will der Arbeitnehmer die Leistung nicht mehr erbringen. Kielholz: «Man muss also mit dem einzelnen Mitarbeiter die Situation besprechen. Das ist natürlich anstrengender als eine automatische Pensionierung.»

Viel Aufwand für Unternehmen

Genau hier sieht  Soziologe und Altersforscher François Höpflinger auch das grösste Problem: «Der Vorschlag ist prinzipiell gut, aber für Unternehmen wird das sehr kompliziert.» In England gäbe es bereits ein System dieser Art. Der Hemmschuh für die Wirtschaft: «Die Firmen können das Alter nicht als Kündigungsgrund angeben, sie müssen andere Gründe geltend machen. Der Mitarbeiter hat dann auch die Möglichkeit, diese vor Gericht anzufechten», so Höpflinger.

Zudem gibt Höpflinger zu bedenken, dass die Anpassung auch Auswirkungen auf die Sozialversicherung und die Unfallversicherung hat: Wenn die Leute länger arbeiten, entstehen für diese höhere Kosten. Das kontrastiert mit den enormen Anstrengungen der letzten Jahre, die IV-Kosten zu senken.

Höpflinger: «In der Praxis würde der Vorschlag von Walter Kielholz zu Schwierigkeiten führen. Richtig finde ich aber die Aufhebung der oberen Altersgrenze. Der Arbeitnehmer sollte ein Anrecht auf Pensionierung in einem gewissen Alter haben. Wer länger arbeiten möchte, sollte aber auch dazu die Möglichkeit haben.» In manchen Kantonen sei es heute nicht möglich, länger als bis zum 65. Lebensjahr zu arbeiten. Auch in manchen Gesamtarbeitsverträgen bestünden solche Regelungen, zum Beispiel bei der Post. 

Branchen-Lösungen werden wichtiger

Obwohl Höpflinger findet, das Arbeiten sollte nach 65 noch möglich sein, stuft er auch die Möglichkeit der Frühpensionierung als wichtig ein. Und: «Der Wiedereinstieg ins Berufsleben muss möglich sein. Oft lassen sich die Leute pensionieren, würden aber nach ein bis zwei Jahren gerne wieder einer Beschäftigung nachgehen, zumindest in einem reduzierten Pensum.»

Und wo sieht Höpflinger die grösste Herausforderung für den Arbeitsmarkt der Zukunft? «Regulierungen, die für alle gelten, funktionieren je länger je weniger. Es braucht für die verschiedenen Berufsgruppen individuelle Lösungen.» So seien auch die Herausforderungen völlig andere: «In manchen Branchen geht es um die Akzeptanz verschiedener Generationen, in anderen steht die Weiterbildung im Zentrum, oder die Gesundheitsvorsorge.»

Meistgesehen

Artboard 1