Mobilfunk

SOS bei SMS wegen Smartphone-Boom

Neue Internetanwendungen machen Swisscom, Orange und Sunrise Geschäft streitig. Die grösste Konkurrenz droht den Mobilfunkbetreibern wohl von der Applikation WhatsApp.

Das SMS ist beliebt wie nie: 2010 haben die Schweizer über 6 Milliarden Kurzmitteilungen verschickt. Rein statistisch sind das 770 SMS pro Einwohner. Die Zahl der verschickten SMS hat 2011 weiter zugenommen.

Was eigentlich als Abfallprodukt der mobilen Kommunikation angedacht war – per SMS sollten die Handynutzer über Störungen im Netz informiert werden –, ist nicht mehr wegzudenken. Bei den Telekommunikationsunternehmen generieren die SMS einen geschätzten Umsatz von über 600 Millionen Franken und – da der technische Aufwand und die übertragenen Daten gering sind – fast ebenso viel an Gewinn.

Auslaufendes Geschäftsmodell

Und dennoch ist das SMS ein auslaufendes Geschäftsmodell. Längst sind die Umsätze, welche die Mobilfunker mit den 160 Zeichen langen Nachrichten erzielen, wegen des Preiswettbewerbs am Schrumpfen. Neben dem Preiszerfall bekommen es die traditionellen Anbieter mit neuer Konkurrenz zu tun: Der Vormarsch der Smartphones hat neue Dienstleistungen auf den Markt gebracht. Mit Anwendungen wie iMessenger, Blackberry Messenger oder WhatsApp findet eine Verlagerung der SMS von den Mobilfunkern zu neuen Internetunternehmen statt.

Denn alle diese Internetanwendungen haben ein Ziel: die Kommunikation an sich zu ziehen. Statt via Mobilfunknetz verschicken die neuen Anbieter die Textnachrichten als Datenpaket via Internet. Handynutzer mit einer Datenflatrate müssen deshalb für die Übermittlung im Vergleich zur herkömmlichen SMS keine zusätzlichen Gebühren bezahlen. Das Geschäftsmodell von Swisscom, Orange und Sunrise wird dadurch untergraben.

WhatsApp mit grösstem Potenzial

Die grösste Konkurrenz droht den Mobilfunkern wohl von der Applikation WhatsApp; sie ist für sämtliche Smartphone-Typen erhältlich und kommt einem Ersatz des SMS am nächsten. «Nehmen Sie WhatsApp und sagen Sie auf Wiedersehen zur SMS», wird die App im iTunes-Store vollmundig angepriesen. Mit Erfolg: WhatsApp ist die am meisten verkaufte App in der Schweiz.

2011 wurden hierzulande über 40 Millionen Nachrichten via WhatsApp verschickt; eine Milliarde waren es weltweit. Im Vergleich zum Gesamtmarkt noch wenig. Doch Roman Friedrich, Telekommunikationsberater bei Booz&Partners, schätzt, dass bis 2015 zwischen 20 und 40 Prozent aller SMS-Nachrichten durch solche Messaging-Dienste ersetzt werden.

Ähnlich funktioniert der iMessenger, allerdings nur von iPhone zu iPhone. Die Anwendung erkennt, ob das Empfangsgerät ein iPhone ist oder nicht. Ist es ein iPhone, erfolgt der Versand automatisch via Internet – also kostenlos –, ist es kein iPhone, wird eine normale SMS verschickt. Für den Kunden ein gutes Geschäft. Er bemerkt es nicht einmal. «Das ist supergut gemacht», attestierte selbst Swisscom-Chef Carsten Schloter im «Tages-Anzeiger». Genau gleich wie der iMessenger funktioniert der Blackberry-Messenger, aber ebenfalls nur zwischen Blackberry-Geräten.

Keine Panik bei Swisscom und Co.

Bei Swisscom verfällt man wegen dieser Entwicklung dennoch nicht in Panik. «Neue Anwendungen sind kein neues Phänomen», sagt Swisscom-Sprecher Olaf Schulze. Schon früher hätten E-Mail oder Chatfunktionen die Telefonie und SMS teilweise ersetzt. Grosse Effekte habe man nicht verspürt.

Swisscom beobachte die Entwicklung bei den neuen Internetanwendungen dennoch genau. In den vergangenen Jahren habe man keine grossen Änderungen bei den SMS-Zahlen festgestellt. «Es gab aber eine Verlangsamung des Wachstums», gibt Schulze zu. Gewisse Kunden hätten sicherlich weniger SMS und mehr Kurzmitteilungen via Whats-App oder ähnliche Dienste verschickt. Im ersten Halbjahr 2011 verzeichnete Swisscom immer noch ein SMS-Wachstum von rund 5 Prozent. Doch irgendwann würden die SMS-Zahlen nicht mehr steigen, das sei der Swisscom bewusst», so Schulze.

Normales SMS hat viele Vorteile

«Solange die neuen Dienste die Bequemlichkeit einschränken, werden sie kaum erfolgreich sein», sagt Jörg Halter vom auf Telekommunikation spezialisierten Beratungsunternehmen Ocha. Er glaubt nicht an einen durchschlagenden Erfolg der neuen Anwendungen. «WhatsApp oder iMessenger funktionieren ja nur, wenn auch der Empfänger die Anwendung installiert hat.» Er schätzt das Potenzial der neuen Dienstleistungen auf maximal 10 Prozent des Marktes. «Die Vorteile der traditionellen SMS sind zu gross.» Diese könne mit jedem Handy, überall auf der Welt verschickt und empfangen werden.

Halter geht aber davon aus, dass die Mobilfunkunternehmen auf die neuen Dienstleistungen reagieren werden. «Die Zukunft wird Datenabonnements bringen, die stärker aufgesplittet sind.» Genau dies hat die Swisscom vor: «Wir bieten unseren Kunden vermehrt Paketlösungen», sagt Mediensprecher Schulze. Das heisst: Abonnemente für Vielsurfer und Wenigsurfer. «Der Trend geht zu höheren Fixkosten und dafür tieferen variablen Kosten», so Schulze.

Auch Sunrise versucht die zukünftigen Bedürfnisse der Kunden bereits jetzt bei der Gestaltung neuer Produkte zu berücksichtigen. «Das Bedürfnis, ständig online zu sein und mittels Messaging-Diensten mit der Umwelt in stetigem Kontakt zu bleiben, steigert die Nachfrage nach alles umfassenden Tarifpaketen», sagt Sunrise-Sprecher Tobias Kistner. Auch Sunrise setzt deshalb auf Angebote mit inbegriffenem Datenvolumen. Fazit: Auch wenn die Telekommunikationsfirmen Umsätze und Erträge beim traditionellen SMS verlieren werden, so sichern sie sich ihre Einkünfte mit neuen Angeboten bei den Internetabonnements.

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