Die Schweiz ist von Deutschland in ihrer einstigen Vorzeige-Statistik längst überholt worden: die Arbeitslosenquote ist im nördlichen Nachbarland bereits seit 2016 deutlich tiefer. Deutschland legt auch beim Lohnwachstum zu: Die dortigen Arbeitnehmer haben seit 2015 markant mehr Lohnzugewinne verbuchen können als ihre Schweizer Kollegen. Das zeigt eine neue Auswertung des Schweizer Gewerkschaftsbundes (SGB).

Deutschland ist indessen selbst kein Überflieger. Zwar produzierte das Exportwunderland bis zuletzt eindrückliche Zahlen, was das Wirtschaftswachstum anbelangt. Deutschland boomte lange, auch wenn sich nun eine Abkühlung andeutet. Doch gemessen daran ist das Lohnwachstum moderat. Vom Länderverein OECD wird es als «schwach» bezeichnet und «sehr mittelmässig».

«Schwach» und «sehr mittelmässig» – aber besser als die Lohnentwicklung hierzulande. Damit ist die Schweiz nicht länger der ökonomische Sonderfall von einst, zumindest derzeit nicht. Sondern ist zum Beispiel dafür geworden, was die OECD eine «beispiellose Lohnstagnation» nennt. Als die OECD-Ökonomen zuletzt die Arbeitsmärkte aller Industriestaaten durchleuchteten, diagnostizierten sie einen Trend zu einem «lohnlosen Wachstum».

Missing in Action

Ein wachsendes Bruttoinlandprodukt (BIP), auch mehr Arbeitsplätze – aber stagnierende Löhne. Dieser Gegensatz kennzeichnet die allermeisten Industriestaaten, sagen die OECD-Ökonomen. Das ergibt ein ungewohntes Bild. In den OECD-Staaten haben wieder mehr Menschen eine Arbeit als damals im Jahr 2008, als viele Staaten von der Finanzkrise in einem konjunkturellen Hoch getroffen wurden. In fast allen Ländern liegt die Arbeitslosenquote wieder unter Vorkrisen-Niveau, oder ist nahe dran. Und in der Eurozone ist eine Rekordzahl von Stellen offen.

Dennoch ist das Lohnwachstum «Missing in Action», schreibt die OECD. Es sei also verloren gegangen. Ende 2017 war es nur halb so hoch wie vor der Finanzkrise. Obschon es an den Arbeitsmärkten damals vergleichbar gut lief. Die Kaufkraft der Löhne hat sich nicht besser entwickelt. Die realen Löhne seien weit entfernt vom Trend, der vor der Krise vorherrschte.

Die Schweiz passt in dieses Bild des «lohnlosen Wachstums» gut hinein. Die heimische Wirtschaft wuchs 2017 immerhin um knapp zwei Prozent. Dieses Jahr wird sie nochmals deutlich mehr zulegen. Die Arbeitslosenquote gab diesen Herbst markant nach. Doch die Löhne stagnieren, oder sinken real sogar. Letztes Jahr gab es ein reales Lohnminus von 0,1 Prozent. 2018 wird das Minus gar 0,2 Prozent betragen, wenn die Prognosen zutreffen. Und auch 2019 wird nicht mit einer grossen Wende zum Besseren gerechnet. Die Löhne würden real um 0,3 Prozent steigen.

Deutschland hatte es da zuletzt doch etwas besser. 2013 war das letzte Jahr, in dem die Schweiz noch mit dem deutschen Lohnwachstum gleichziehen konnte, wie die Auswertung des Gewerkschaftsbundes zeigt. Danach erhielten die deutschen Arbeitnehmer stets mehr Reallohn-Erhöhungen. Einmal – im Jahr 2015 – nur knapp mehr. 2014 und 2016 doppelt so viel. 2017 und 2018 bekamen die Schweizer Arbeitnehmer gar nichts. Die deutschen Kollegen hatten zwei Mal ein Plus von über 0,5 Prozent. Immerhin. Dieses Bild einer Schweiz mit schwachem Lohnwachstum zeigen auch OECD-Zahlen. Nimmt man die Stundenlöhne, schneidet die Schweiz schon seit 2008 schlechter ab. Tröstend ist vielleicht, dass es Österreich nicht wirklich besser erging. Die Arbeitnehmer dort konnten sich für ihre Löhne zwar nicht viel mehr kaufen, real stagnierten die Gehälter auch dort zumeist. Indessen hatten österreichische Arbeitnehmer wenigstens mehr Noten in ihren Geldbeuteln. Nominal zumindest konnten sie teils kräftig zulegen, wie ihre deutschen Kollegen auch. So hatten die Arbeitnehmer immerhin gefühlt mehr Lohn, was der Stimmung der Konsumenten nicht abträglich ist.

Aufstieg der Superstars

Mit dem «lohnlosen Wachstum» geht quasi ein neues Gespenst in den Industriestaaten um. Zuvor musste man sich lange mit joblosem Wachstum herumschlagen: Die Wirtschaft wuchs zwar, aber es gab wenig zusätzliche Arbeitsplätze. Nun hapert es bei den Löhnen. Die Suche nach Erklärungen hat längst begonnen, auch in der Schweiz.

Beim Gewerkschaftsbund ortet Chefökonom Daniel Lampart eine «neue Härte in den Lohnverhandlungen». Selbst auf einen Ausgleich der Teuerung könne man sich nicht einigen, obschon die Schweiz einen Aufschwung erlebe. Diese Zurückhaltung hat seiner Ansicht nach nichts damit zu tun, dass viele Unternehmen noch immer schwache Margen haben. Vielen Branchen gehe es heute bereits wesentlich besser. «Dennoch gibt es bisher kein einziges Beispiel eines angemessenen Lohnabschlusses.» Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) sieht es anders. Die Geschäfte würden wieder laufen, heisst es in der Herbst-Prognose. «Aber viele Unternehmen dürften zunächst die verpassten Investitionen nachholen wollen, bevor sie höhere Löhne gewähren.» Die Arbeitnehmer müssen sich also noch gedulden.

Für die Industriestaaten insgesamt kommt die OECD zu anderen Schlüssen. So hätten etwa die Unternehmen ihre Mitarbeiter zu wenig an der gestiegenen Produktivität teilhaben lassen. Und dieses Versäumnis wiederum habe mit dem Aufstieg sogenannter Superstar-Unternehmen zu tun. Tech-Konzerne wie Amazon, Facebook, Google oder Apple geben zwar oft vergleichsweise grosszügige Lohnerhöhungen. Aber gemessen an ihrem immensen Wachstum bleibt es doch vergleichsweise wenig. Normalsterbliche Unternehmen hingegen werden von den Superstars zunehmend an den Rand gedrängt – und können gar keine Lohnerhöhungen geben. Unter dem Strich trägt dies zur Lohn-Stagnation bei.