Reihum fallen Rekorde, und das schon fast im Wochentakt: Der Swiss-Performance-Index oszilliert seit wenigen Tagen erstmals über der Marke von 10'500. Der Dax schaffte am Mittwoch den Satz über 13'000. Und in New York könnte der Dow Jones demnächst über 23'000 kommen.

Der Aktienboom scheint keine Grenzen zu kennen, und seit den dunklen Tagen im Herbst 2008, als der Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers den Kollaps des Weltfinanzsystems hervorzurufen drohte, geht es mit den Kursen nur noch aufwärts. Kann man jetzt noch Aktien kaufen? Statt nur die Hände in den Schoss zu legen, unternehmen wir den Versuch einer Antwort. Wir suchen unter den vielen blendenden Schönheiten am Schweizer Aktienmarkt nach Perlen, nach echten und dennoch erschwinglichen. So viel vorweg: Der Versuch war lehrreich.

Es gibt viele Methoden, wie sich die sportlichsten, die beständigsten oder auch die sichersten Titel aus dem mehr als 200 Titel umfassenden Börsentableau herausdestillieren lassen. Wir haben uns für ein Vorgehen entschieden, das dem aktuellen Formstand der Aktien und ihrer Beständigkeit gleich viel Gewicht einräumt. Alle ausgewählten Titel (siehe Tabelle) figurieren sowohl in der kurzen Sicht (seit Anfang Jahr) wie auch in der längeren Sicht (seit fünf Jahren) unter den 50 besten Valoren am Schweizer Aktienmarkt. Von den 20 Papieren, die diese beiden Selektionskriterien erfüllen, wählten wir jene 10 Titel aus, die das niedrigste Verhältnis zwischen Aktienkurs und Eigenkapital pro Aktie (Kurs-Buch-Verhältnis) aufweisen.

Herausgekommen sind die 10 am wenigsten teuren Aktien, die an der Börse mit überdurchschnittlichen Tempo- und Dauerlaufqualitäten auffallen. Qualität ist den selektionierten Firmen kaum abzusprechen. Doch diese hat einen hohen Preis. So werden auch solide Investments zum Risiko.

«Die Lorbeeren sind verteilt»

Fall 1: Der Zofinger Pharmazulieferer Siegfried hat im Zug einer Expansionsstrategie den Umsatz innerhalb von nur drei Jahren mehr als verdoppelt. Das Vorhaben der Aargauer ist vielversprechend. Doch mit dem starken Kursanstieg seit zwei Jahren nimmt die Börse den Erfolg längst vorweg. «Die Lorbeeren sind verteilt, bevor die Leistung bestätig ist», fasst Anton Zahner, Spezialist für Schweizer Aktien bei der Zürcher Investmentfirma AMG Analysen & Anlagen, seine Bedenken zusammen.

Fall 2: Beim Industrie- und Handelskonglomerat Conzzeta liegt viel Geld für Übernahmen bereit. Nicht nur rechnet die Börse fest damit, dass die Käufe tatsächlich erfolgen werden. Der hohe Aktienkurs lässt erkennen, dass die Investoren auch hier hohe Wetten auf eine Arbeit abschliessen, die teilweise noch nicht einmal begonnen hat. Obwohl sich Conzzeta über viele Jahre hinweg den Ruf einer sehr soliden Firma erarbeitet hat, steckt für Zahner nun allzu viel Luft und Hoffnung im Aktienkurs.

Fall 3: Die Zürcher Bellevue Group, die sich von ihrem ehemaligen Kerngeschäft, dem Brokerage mit Aktien, getrennt hat, fährt nach zwei Verlustjahren wieder deutlich in die Gewinnzone ein. Das Management sagt, man habe sich in den vergangenen drei Jahren «konsequent auf die neue Realität in der Finanzindustrie eingestellt». Für unseren Aktienspezialisten Zahner ist deren Suche nach einem neuen tragfähigen Geschäftsmodell aber noch zu wenig weit fortgeschritten, als dass er sich eine Investition ernsthaft überlegen würde.

Fall 4: Lonza ist fraglos ein Top-Unternehmen, das sich in den vergangenen fünf Jahren mit grossem Erfolg neu aufgestellt hat. An der Börse ist die Firma inzwischen aber ein Drittel höher bewertet als die altbewährte Roche. Die Roche-Titel vermochten dem Gesamtmarkt in den vergangenen zwei Jahren zwar nicht zu folgen, aber im Zehnjahresvergleich liegen sie weit über dem Durchschnitt. Ist Roche zu billig oder Lonza zu teuer? Mindestens im historischen Vergleich sind die Papiere von Also teuer (Fall 5). Der IT-Dienstleister hat sich mit Zukäufen zum drittgrössten IT-Distributor in Europa emporgeschwungen, was der Börse nicht entgangen ist. Eine hohe Bewertung birgt jedoch Risiken. Logistiker geschäften mit hohen Umsätzen und kleinen Margen. Eine Panne kann schnell auf den Gewinn durchschlagen. Deshalb sind Firmen wie Also meist tiefer bewertet als solche mit höheren Margen. Der Bewertungsunterschied sei jüngst stark abgeschmolzen, sagt Zahner.

Kleine sind besser als die Grossen

Bossard, Bobst, AMS, Comet, Georg Fischer, der Investmentprofi hat zu jedem Papier seine Vorbehalte – aus gutem Grund: «Die aktuellen Bewertungen im Markt setzen voraus, dass bei den Unternehmen weiterhin alles rund läuft. Es gibt wenig Spielraum für Fehlentwicklungen.»

Dass viele Aktien von kleineren Unternehmen inzwischen teurer sind als sogenannte Large-Cap-Titel wie Roche oder Novartis, ist für Nebenwerte-Kenner wie Zahner keine Überraschung. Langfristig erreichen Nebenwerte erwiesenermassen die bessere Performance als die Titel von Grossunternehmen. Denn kleine Gesellschaften haben naturgemäss mehr Potenzial als Grosskonzerne, die sich ihre gesättigten Märkte weltweit mit ein paar wenigen Konkurrenten teilen müssen. Und am besten laufen Nebenwerte typischerweise, wenn sich das konjunkturelle Klima aufhellt und die Marktrisiken kleiner werden. Das ist die Situation, wie wir sie in allen Industrieländern seit mehreren Jahren haben. Wenn schon, sollte man sich die Schnäppchen also unter den Blue-Chips suchen. Aber wer will schon daran glauben, genau dort fündig zu werden. Auf Nestlé & Co. schaut doch schon die ganze Welt.