Das Treffen findet in einer schmucken Bar im Zürcher Universitätsquartier statt. Serviert wird ein Espresso – und zwar nicht irgendeiner, sondern eine Mischung aus vier verschiedenen Arabicas aus Honduras. Vollmundig, bitter-süss im Geschmack und leicht ölig. Für Kaffee-Normalos gewöhnungsbedürftig, doch für Liebhaber ein unverkennbar zentralamerikanischer Kaffee. 

Raphael Studer breitet seine Unterlagen aus und beginnt zu erzählen. Das Ziel des 30-jährigen Oltners und seiner zwei Mitgründer Gilles Brunner und Christian Burri: «Wir wollen die Kaffee-Vertriebswege aufbrechen», so der promovierte Ökonom.

Nach dem Uber-Prinzip

Am besten erklärt man die Idee des Anfang 2014 gegründeten Start-ups algrano anhand des Fahrdienstes Uber. Bislang brauchte man, um eine Taxifahrt zu buchen, die Vermittlungsdienste eines Unternehmens. Die Preise waren mehr oder weniger einheitlich, der Markt von einigen Firmen dominiert. Mit Uber setzt man sich dank Smartphone und digitaler Vernetzung direkt mit dem Fahrer in Verbindung und überspringt den Vermittler. Man ist Teil einer Gemeinschaft – der Community. 

Kaffee vom Bauern direkt zum Kunden: Oltner wollen den Markt umkrempeln

Kaffee vom Bauern direkt zum Kunden: So funktionniert algrano

Ähnlich das Prinzip von algrano. Studer: «Wir haben eine Internet-Plattform geschaffen, die Produzenten und Abnehmer zusammenbringt. Die Barrieren, wie Tausende Kilometer Distanz oder unterschiedliche Sprachen, können dank heutiger Internettechnologie einfach übersprungen werden. Die Vermittlungsdienste der zahlreichen Kaffee-Zwischenhändler braucht es in diesem Modell nicht mehr.»

Röster und Kaffee-Bauern registrieren sich mit einem Profil. Sie treten in Kontakt und tauschen Informationen aus. Hat ein Kaffee-Röster ein für ihn passendes Produkt gefunden, bestellt er ein Muster von einigen hundert Gramm. In einem virtuellen Container, welcher dieselben Eigenschaften wie ein physischer Schiffscontainer hat, wird dann die gewünschte Anzahl der handelsüblichen 60-Kilogramm-Kaffee-Säcke bestellt. Ist der Container voll, geht er aufs Schiff. «Das System ist viel transparenter und auch effizienter als die althergebrachten Strukturen», sagt Studer.

Einer der Kunden von algrano ist Daniel Sanchez. Der Zürcher betreibt eine kleine Rösterei. «Die Informationen, die ich von einem Importeur erhalte, genügen mir nicht», sagt Sanchez. «Ich will mir ein Bild von den Produktionsbedingungen und den Menschen dahinter machen, ohne die aufwändige Reise ins Herkunftsland unternehmen zu müssen.» Das Ziel ist es, mit dem Kaffee eine Geschichte zu erzählen.

Auch die Bauern profitieren

Die Kaffee-Bauern können ihrerseits im Austausch mit Kunden die Anbau-Methoden verbessern und ihr Produkt nach deren Wünschen optimieren. Des Weiteren können dank algrano die Kaffee-Produzenten selbst bestimmen, für welchen Preis sie ihre Bohnen anbieten. Dafür müssen sie aber wissen, was ihr Produkt wert ist. Viele Bauern kennen die Qualität ihres Kaffees noch nicht und verkaufen mangels alternativer Absatzwege ihren hochwertigen Kaffee an Händler vor Ort zu Börsenpreisen. So werden haufenweise hochwertige Kaffeebohnen quasi als Perlen vor die Säue geworfen. Die Bauern können durch eine angemessene Kategorisierung einen Preis erzielen, der im Mindesten ein Drittel höher ist als sonst.

Um die oft in Kooperativen organisierten Produzenten von ihrer Idee zu überzeugen, ist Präsenz vor Ort entscheidend. Deshalb wohnen Studer und seine Geschäftspartner seit einem halben Jahr zusammen in einer WG in der brasilianischen Küsten-Stadt Vitória. «Es scheint, als ob die Kaffee-Bauern auf unser Konzept gewartet haben», sagt Studer. «Vielen ist es ein Anliegen, ihre Absatzwege neu zu definieren. Nicht zuletzt auch wegen der starken Schwankungen, denen der Markt in den letzten Jahren ausgesetzt war.»

Seit diesem Frühjahr nun gilt es ernst. Der erste virtuelle Container wurde eröffnet und soll noch im August verschifft werden. Vorerst begrenzt sich algrano auf die Märkte Deutschland und die Schweiz, deren Volumen nach Studers Schätzung ungefähr 600 Container Spezialitätenkaffee jährlich ausmacht. Bis jetzt hätten sich über 60 Produzenten aus aller Welt auf der Plattform registriert. An rund 20 der über 100 klein- bis mittelgrossen Röstereien wurden Muster versandt.

Vom Konzept überzeugt

Um ihre Vision weiter zu verbreiten, ist Studer derzeit in der Schweiz auf Promo-Tour. Das heisst, potenzielle Kunden besuchen und mit Investoren sprechen. «Das vergangene Jahr war mehr als intensiv.» Aber: «Die Erfahrung ist es auf jeden Fall wert und wir sind alle hundertprozentig überzeugt, dass das Konzept funktioniert», sagt Studer und bestellt sich einen Apfelsaft. Denn: «Ich muss mal etwas anderes trinken – ich habe heute bestimmt schon 15 Kaffees intus.»