Dämonisierung

So wichtig sind Grosskonzerne für die Schweiz

Glencore Xstrata: 220 Mrd. Fr. Umsatz. 190000 Mitarbeiter. KEY

Glencore Xstrata: 220 Mrd. Fr. Umsatz. 190000 Mitarbeiter. KEY

Die liberale Denkfabrik Avenir Suisse streicht die Bedeutung von Multis hervor und kratzt am Bild der Schweiz als KMU-Land. Ihr sind die durchwegs positiven Attribute der KMU und den negativen Konnotationen der grossen Multis ein Dorn im Auge.

Kleine und mittlere Unternehmen haben hierzulande ein ausgezeichnetes Image.

Sie glänzen durch Innovationskraft, punkten mit Bodenständigkeit und schaffen Arbeitsplätze.

Kurz: KMU gelten als das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft.

Mit ganz anderen Attributen werden multinationale Grosskonzerne wie Nestlé, Novartis oder Glencore Xstrata in Verbindung gebracht: überrissene Managerlöhne, Menschenrechtsverstösse in Drittweltländern und kaum Produktionsstätten in der Schweiz.

Diese «Dämonisierung» der Multis und «mythische Überhöhung» der KMU ist der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse ein Dorn im Auge: «Wir machen uns Sorgen über den Graben, der sich zwischen den multinationalen Unternehmen und der Bevölkerung sowie Politik auftut», sagt Rudolf Waser.

Der Ökonom hat deshalb gemeinsam mit seinem Kollegen Alois Bischofberger ein Diskussionspapier erarbeitet, das gestern in Zürich vorgestellt wurde. Es soll den «vielfältigen Beitrag globaler Unternehmen zum Schweizer Wohlstand» aufzeigen.

Multis sichern

Die Autoren kommen zum Schluss, dass die Multis der Schweiz entscheidende Vorteile wie Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation sichern.

Der Anteil an der volkswirtschaftlichen Bruttowertschöpfung in Prozent des BIP betrage 16 bis 36 Prozent.

Dass die Spannweite so gross ist, liegt an den unterschiedlichen Berechnungsmethoden: «Der Begriff ‹multinationale Unternehmen› bereitet in der Praxis Mühe», so Waser.

In der offiziellen schweizerischen Wirtschaftsstatistik taucht der Terminus gar nicht auf und in Studien ist die Definition von Multinationalität nicht einheitlich.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht einfach, die volkswirtschaftliche Bedeutung der Multis für die Schweiz exakt zu erfassen. «Aber selbst die tieferen Werte deuten auf ein erhebliches Gewicht der Multis hin», betont Waser.

Fehlende Bodenhaftung der Multis

Eine besonders wichtige Rolle kommt den Grosskonzernen im schweizerischen Innovationssystem zu. Rund 70 Prozent der Schweizer Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) werden von den Grosskonzernen getätigt – vor allem der Pharma- und Chemieindustrie.

Zudem nehmen die Schweizer Multis auch im internationalen FuE-System eine beachtliche Stellung ein.

«Daraus ergibt sich eine fruchtbare Wechselwirkung zwischen dem schweizerischen und dem globalen Wissenschaftssystem», schreiben die Verfasser. So finanzieren die Multinationalen rund 50 Professuren an Schweizer Hochschulen.

All diese Leistungen der Grosskonzerne betont Avenir Suisse, um eine breitere Öffentlichkeit vom Nutzen der Multis zu überzeugen.

Das soll dazu führen, dass es in Zukunft nicht mehr zu wirtschaftsfeindlichen Entscheiden kommt wie beispielsweise der Minder-Initiative.

Warnen vor unliebsamen Abstimmungsergebnissen

Im Moment habe die Schweiz im internationalen Vergleich zwar immer noch gute Rahmenbedingungen, man befinde sich aber im ständigen Wettbewerb, sagt Walser: «Grosskonzerne überprüfen ihren Standort laufend.»

Die Schweiz müsse sich deshalb klar werden, ob man die Multis will oder nicht – ein warnender Hinweis auf anstehende Abstimmungen über die 1:12-, Mindestlohn- und Erbschaftssteuer-Initiative.

Avenir Suisse hebt den Mahnfinger aber nicht nur gegenüber der Schweizer Bevölkerung, sondern nimmt – wenn auch eher zaghaft – auch die Grosskonzerne in die Pflicht.

Diese müssten sich bewusst sein, in welchem Umfeld sie sich bewegen: «Bei den Multis ist die Bodenhaftung verloren gegangen», sagt Co-Autor Alois Bischofberger.

Die Grosskonzerne sollten mehr Wert darauf legen, dass sie ihre Akzeptanz in der Schweizer Bevölkerung steigern können: «Sie könnten zum Beispiel darlegen, welchen Mehrwert sie für die KMU schaffen.» Schätzungen zufolge hängen mehr als 250 000 zusätzliche Arbeitsplätze indirekt von börsenkotierten Unternehmen ab.

Betreffend sozialer Verantwortung in Drittstaaten hat Avenir Suisse an Schweizer Grosskonzerne wie den Rohstoffkonzern Glencore Xstrata bescheidene Ansprüche: «Multis können nicht als Garant der Menschenrechte auftreten», so Walser.

Weil die Institutionen in gewissen Ländern schwach seien, versuche man die Multis rechtlich in die Pflicht zu nehmen. Das sei falsch.

Das stärkste Mittel gegen Missbräuche von Grosskonzernen sei ohnehin das «Naming and Shaming» in den Medien.

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