Etwas Pathos ist wohl erlaubt, wenn man mit über 60 000 Mitarbeitern zu den grössten Arbeitgebern des Landes zählt. Jeder Schweizer sei «ein wenig Post», hielt jedenfalls Urs Schwaller, bis vor kurzem CVP-Ständerat und neuer Post-VR-Präsident, an der gestrigen Präsentation der Jahreszahlen einleitend in gleich zwei Landessprachen fest. Angesprochen war natürlich die Omnipräsenz des gelben Riesen: Über 2 Milliarden Briefe und 122 Millionen Pakete transportierte er letztes Jahr, Postfinance tätigte über eine Milliarde Transaktionen und 2240 Postautos kutschierten insgesamt 152 Millionen Passagiere durch die Schweiz.

Aber vielleicht lässt sich das Statement ja auch auf der psychologischen Ebene deuten. Denn die Gefühlslage vieler Schweizer deckt sich mit jener des bundesnahen Betriebs: Es geht uns gut, aber die Welt verändert sich zum Teil auf bedrohliche Weise. Billiglohnländer drängen mit ihren Produkten auf den Weltmarkt und auch die Digitalisierung lässt Jobs verschwinden. Auf die Post gemünzt: Das Eigenkapital erhöhte sich 2016 um 496 Millionen Franken auf rekordhohe 4,9 Milliarden Franken und mit Ausnahme von «Poststellen und Verkauf» lieferten alle Konzern-Segmente Gewinne. Trotzdem herrschen Zukunftsängste.

Dass das Segment Poststellen und Verkauf rote Zahlen schrieb, ist erst mal keine Überraschung. Schon 2015 betrug das Minus an den Schaltern 110 Millionen Franken. Ein Jahr später sind es nun 193 Millionen. Seit letztem Oktober ist bekannt, dass die Post bis zu 600 Poststellen schliessen will. Nun laufen die Gespräche mit den Kantonen, erste Resultate sollen im Juni vorliegen. Die öffentliche Diskussion rund um das Poststellennetz sei wichtig und richtig, hielt Schwaller gestern fest. «Sorgen macht uns aber, dass in den politischen Einzelforderungen sehr oft die Gesamtsicht verlorengeht und regelmässig jede Abschätzung der Folgekosten neuer Regelungen fehlt.» Das Poststellennetz müsse nicht selbsttragend sein, so Schwaller. «Aber strukturelle Defizite, die mit dem Mengenrückgang laufend weiter anwachsen, können aus unternehmerischer Sicht nicht hingenommen werden.»

Briefe nach wie vor wichtig

Einen Rückgang stellt die Post nicht nur bei den Schalterbesuchen fest, sondern vor allem auch bei der Menge der adressierten Briefe. Neu ist dieser Befund nicht, aber nachdem das Volumen in den Vorjahren jeweils um rund 1 Prozent schrumpfte, waren es nun 3,8 Prozent. Noch liefert das Segment PostMail mit 317 Millionen Franken einen substanziellen Teil zum Konzernergebnis von insgesamt 704 Millionen Franken. Das Minus von 41 Millionen zum Vorjahr ist aber doch beträchtlich.

Um die wegbrechenden Einnahmen zu kompensieren, setzt die Post auf neue Angebote wie zum Beispiel E-Voting. «Wenn wir es nicht machen, dann machen es andere», erklärte Postchefin Susanne Ruoff in Bern. Vor zwei Jahren entschied sich die Post, in das Geschäft einzusteigen. Sie ist unterdessen in drei Kantonen aktiv.

Den Rückgang bei der Briefmenge ebenfalls etwas kompensieren kann dank dem wachsenden Onlinehandel das Logistikgeschäft. Die Verkündung der Rekordzahl von 122 Millionen verarbeiteten Pakete (Plus 5,7 Prozent gegenüber 2015) hatte allerdings einen bitteren Beigeschmack. Denn dem Umsatzplus von 20 Millionen Franken im Vorjahresvergleich steht ein Minus von 28 Millionen Franken beim Gewinn gegenüber. Verantwortlich dafür ist laut Post der grosse Druck auf die Margen in einem vollständig liberalisierten Markt. Um in diesem mithalten zu können, zieht es die Post verstärkt ins Ausland. Es werde immer wichtiger, «dass man bereits am Ort der Produktion die Wertschöpfungskette der Post aufbaut», so Ruoff. «Wir müssen die internationalen Warenflüsse verstehen.» Die Zeiten, in denen die Post lediglich an der Landesgrenze Pakete übernommen habe, seien vorbei.

Zahlen der Schweizerischen Post - ein Überblick

(Noch) nicht vorbei sind derweil die Zeiten der Negativzinsen. Sehr zum Leidwesen der Postfinance, die mit 542 Millionen Franken aber trotzdem den grössten Teil zum Konzernergebnis beisteuerte.