In die Schweiz kam der selbsternannte «Uhrenkönig» der Liebe wegen. 1951 heiratete er Marianne Mezger, die er als Aupair-Mädchen in Beirut kennenlernte. Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, und eine Liebe zudem, die so gross war, dass Hayek sich ihretwillen von seiner Familie entfremdete.

Denn Nicolas Hayek, geboren am 19. Februar 1928, entstammt einer gutsituierten Familie. Sowohl sein Vater Georges als auch seine Mutter Linda waren Mitglieder des gehobenen Bürgertums im Libanon. Hayeks Mutter, die er im übrigen sehr liebte, und zu der er eine sehr enge Beziehung hatte, eine engere als zu seinem Vater, wuchs in einer prominenten Anwaltsfamilie auf.

Gutbetuchte Eltern

Der Vater studierte in den USA Zahnmedizin, bevor er später in Beirut seine eigene Zahnarztpraxis eröffnete. Die Eltern gehörten der griechisch-orthodoxen Religionsgemeinschaft an, Hayek selbst war Christ, und nicht wie so oft kolportiert, jüdischen Ursprungs. Hayek besuchte in Beirut sogar eine Jesuitenschule und besuchte jeden Morgen  Katechismusunterricht.

Jedenfalls war eine Liaison zu einem Aupair-Mädchen nicht das, was sich seine Eltern für Nicolas wünschten. Damals war es noch so, dass die Eltern Ausschau hielten, welche Braut für den Sohn geeignet war, und es waren auch die Eltern, die bei den Eltern der Auserwählten um deren Hand anhielten. Und ein Aupair-Mädchen, das war definitiv nichts Standesgemässes.

Keine standesgemässe Verbindung

Aber Nicolas Hayek hatte schon früh einen eigenen Kopf. 1949 kam er in die Schweiz, 1951 ehelichte er seine Marianne. Die nach der Meinung seiner Familie nicht wünschenswerte Verbindung ist ein Grund dafür, dass Hayek seine Heimat verlassen hat. Und vielleicht auch mit ein Grund für seine zeitlebens ambivalente Beziehung zum Libanon.

In der Schweiz hatte er, der spätere Multimillionär, zunächst einmal gar nichts. Aber bald kamen seien Kinder Nayla und Nick zur Welt. Wie also seine Familie ernähren? Das Schicksal eilte ihm zu Hilfe.

Sprang als Firmenleiter ein

1952 erkrankte sein Schwiegervater, der aus Kallnach BE stammt, schwer. Der Schwiegervater leitete eine Maschinenfabrik und Eisengiesserei, beides Dinge, wovon Hayek nicht das Geringste verstand. Trotzdem springt der studierte Mathematiker Hayek ein und leitete bis zur Genesung seines Schwiegervaters die Firma. Dies nicht gänzlich ungeschickt, wenn man von einigen Anfangsschwierigkeiten absieht, die vor allem auf Hayeks ungenügenden Deutschkenntnisse zurückzuführen waren. Als es ihm gelang, von der SBB einen Grossauftrag zu erhalten, lief es für die Firma gut.

Hayek fand schnell Gefallen am Chefposten, das eigenständige Arbeiten, niemand, der ihm dreinredete, all dies gefiel ihm. Er gab die Leitung nur ungern ab, als sein Schwiegervater in die Firma zurückkehrte.

Sein eigenes Büro: ein Kämmerchen

Erneut stand Hayek also vor der Frage: Was mache ich jetzt? Mit einem Bankkredit gründete er eine eigene Firma. Ein grosses Wort. Denn in Wahrheit besass er wohl ein klitzekleines Zimmerchen in Zürich, ohne Telefon. Telefonieren musste er im Postbüro. Wochentags lebte er in einer kleinen Pension, seine Familie blieb im bernischen Aarberg. Die Aufträge kamen nicht. Hayek war brotlos. Irgendwie gelang es ihm dann, einen Auftrag aus Deutschland zu ergattern. Mit diesem Geld konnte er nicht nur weitere Aufträge an Land ziehen, sondern auch für seine Familie ein Haus bauen.

Und dann: Meisterschwanden

Sein Haus in Meisterschwanden, in dem er bis zu seinem Tod lebte. Auf Meisterschwanden ist er gekommen, weil sein Sohn Nick auf einer Schulreise, auf der ihn seiner Mutter Marianne begleitete, an den Hallwilersee gereist ist. Dort kamen sie an einem wunderschön gelegenen Plätzchen vorbei. Es hatte es ihnen angetan. Auch wurde er sofort eingebürgert. Das hat er seiner Heimatgemeinde nie vergessen. Denn als Hayek aus dem Libanon in die Schweiz kam, zog es ihn zunächst ins bernische Aarberg, danach in den Aargau, genauer: nach Schinznach Bad. Eine der ersten Amtshandlungen Hayeks war der Antrag auf Einbürgerung. Doch die Gemeinde wollte den libanesischen Nobody nicht und schmetterte sein Einbürgerungsbegehren kurzerhand ab. Das hatte ihn wohl sehr verletzt.

Der wohl beste Steuerzahler der Region

Umso dankbarer ist er den Meisterschwandener, und diese Loyalität zu ihm belohnt er unter anderem damit, dass er nie in einen steuergünstigeren Kanton gezogen ist. Hayek ist es auch zu verdanken, dass Meisterschwanden heute die drittgünstigste Steuergemeinde im Kanton Aargau ist. Und unter diesem Hintergrund ist es auch zu verstehen, weshalb es Hayek, der Mann, der es wie kein anderer so brillant verstand, auf der Klaviatur des Selbstmarketings zu tanzen, zu Tränen rührte, als er 2007 den Lifetime Award vom Schweizer Fernsehen verliehen bekam. Er, der in seinem Herzen ein Immigrant geblieben ist, der sich in einem fremden Land beweisen und einen Namen schaffen wollte, erhält den Ehrenpreis für sein Lebenswerk, verliehen von einer grossen Institution - das war wohl das grösste Balsam auf seiner doch verletzlichen Seele.

Eine neue Identität zugelegt

In der Swatch group gibt es keine einzige firmenproduzierte Darstellung über Nicolas Leben, in der auch nur rudimentäre Angaben über seine Jugendzeit zu finden waren, schreibt der Hayek-Biograf Jürg Wegelin. Fast scheint es, als hätte Hayek seine früheren Lebensjahre asradiert. Er ist in die Schweiz gekommen, und wollte hier ein waschechter Schweizer werden. So demonstrierte er, der Eingebürgerte, bei jeder Gelegenheit, dass er ein glühender Patriot ist. Einmal sagte er: «Ich bin ein passionierter Schweizer, der für dieses Land alles machen würde». Sein Herz hat unüberhörbar für dieses Land getickt. So soll er sehr wütend geworden sein, als Islamisten in Beirut wegen der Mohammed-Karikaturen eine Schweizer Fahne angezündet hätten.

Loyalität und Familie

Obowhl vonvielen als emotionaler Mensch beschrieben, war Nicolas Hayek doch eine sehr private und diskrete Person, die nicht viel von sich oder der Familiepreisgab. Wohl gab es Homestories, aber erfuhr man wirklich etwas vom Menschen hinter dem Haus am Hallwilersee, hinter den drei Uhren, die er stets trug, hinter dem Gestüt, das seine Tochter, eine begeisterte Pferdenärrin und talentierte Reiterin führte? Wohl kaum. Auch über seine Ehe, die eine sehr glückliche war, sagte er wenig. Aber er muss seiner Marianne sehr dankbar gewesen sein, dass sie ihm den Rücken freihielt für seine beruflichen Ambitionen. So sagte er einmal, und es ist zu befürchten, dass hinter der Übertreibung ein Quentchen Ehrlichkeit steckt: «Ohne sie hätte ich es nicht weiter als zum Bahnhofsvorstand gebracht.»

(cls)

Lesehinweis. Jürg Wegelin: Mister Swatch. Nicolas Hayek und das Geheimnis seines Erfolgs. Nagel & Kimche 2009.