Frankenstärke

SNB ist «krachend gescheitert»

Die Schweizerische Nationalbank.

Die Schweizerische Nationalbank.

Von der Schweiz lernen heisst siegen lernen. So denken viele. Oft durchaus zu recht. Beim Versuch, den Schweizer Franken künstlich zu schwächen, ist die Politik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) jedoch krachend gescheitert.

Hier ist die Schweiz kein Beispiel für die übrigen Länder. Im Gegenteil: Bestenfalls müssten andere lernen, was man bei der Wechselkurspolitik nicht tun sollte. Die kleine SNB hatte einen heroischen Kampf gegen die Europäische Zentralbank (EZB) geführt, den grossen und wie sich zeigen sollte übermächtigen europäischen Goliath. Er dauerte 1227 Tage. Aber anders als in der Heiligen Schrift endete er nicht mit dem Sieg Davids. Denn am 15. Januar 2015 kapitulierte die SNB. Sie musste ihr Versprechen vom 6. September 2011 brechen, den Franken nicht teurer als 0,83 Euro werden zu lassen. Innerhalb eines Tages legte der Wert des Franken gegenüber dem Euro um 14,4 Prozent auf 0,97 Euro zu. Ein Rekordsprung, aber leider kein erfreulicher.

Nicht nur, dass die SNB mit der Aufwertung der nationalen Währung, die einer deckungsgleichen Abwertung der ausländischen Devisen entspricht, einen Tagesverlust über etwa 60 Milliarden Franken auf ihren Währungsreserven abzuschreiben hatte. Sie verlor auch ihre Glaubwürdigkeit. Wer wird in Zukunft den Ankündigungen der SNB noch trauen, wenn niemand mehr sicher sein kann, ob sie nicht ohne Vorwarnung über Nacht ihre Strategie fundamental wechselt? Die Lehre aus dem Scheitern der SNB an alle Zentralbanken lautet: Versucht nicht, die Wechselkurse zu manipulieren! Notenbanken können keine nachhaltig erfolgreiche Wechselkurspolitik betreiben, und sie sollen auch gar nicht erst versuchen, es zu tun. Sie können nicht, weil selbst die Halbgötter in den Zentralbanken nicht wissen, bei welchem Aussenwert denn der «richtige» Wechselkurs liegen würde. Zu viele und zu unterschiedliche Faktoren beeinflussen mit unbekannter und von Fall zu Fall veränderter Gewichtung die Wechselkursentwicklung. Vor allem dürften sich andere Zentralbanken gegen eine Aufwertung ihrer Währung zu wehren beginnen, indem sie ihrerseits danach streben, die eigene Währung abzuwerten. So können eine Abwertungsstrategie und Reaktionen der Gegenseite zu einem Währungskrieg eskalieren, der am Ende nur Verlierer kennt, weil überall viel zu viel neues Geld gedruckt wird, sodass niemand mehr dem Wert des Geldes traut und erst recht niemand mehr seinen «richtigen» Wert kennt.

Und Notenbankensollen keine Politik der schwachen Währung verfolgen, weil eine Abwertungsstrategie nichts anderes ist als eine kostspielige und ineffiziente Politik des Protektionismus. Sie wirkt wie eine Ausfuhrhilfe für die Exporteure und wie ein Zoll für die Importeure. Sie verbilligt auf den Auslandsmärkten die Angebote einheimischer Firmen und verteuert auf dem Inlandmarkt die Produkte ausländischer Konkurrenten. Beides zusammen macht heimische Firmen zu Lasten ausländischer Hersteller künstlich wettbewerbsfähiger. So kann das Inland im Ausland mehr verkaufen, und es wird im Inland weniger aus dem Ausland gekauft. Für eine protektionistische Politik von Zentralbanken gibt es keine Rechtfertigung. Das gilt auch für die EZB. Und hier schlummert ein bis dahin wenig beachteter Nebeneffekt der 1.140.000.000.000-Euro-Bazooka, die Mario Draghi im Januar 2015 abfeuerte – und deren Wucht die SNB in die Knie zwang.

Zwar war das Geschoss der EZB primär auf das Ziel gerichtet, die Geschäftsbanken mit genügend Liquidität zu versorgen und eine Zahlungsunfähigkeit von überschuldeten Staaten zu verhindern. Wer aber so viele zusätzliche Euro in den Umlauf bringt, schwächt nach dem klassischen Gesetz von Angebot und Nachfrage den Aussenwert der Gemeinschaftswährung. Ein schwacher Euro hilft dem von hoher Arbeitslosigkeit und geringem Wirtschaftswachstum geplagten Euro-Raum. Ein – vor allem im Süden Europas – gerne gesehener Stimulus. Genauer betrachtet, verhindert eine Abwertung jedoch eine effiziente Arbeitsteilung. Sie bläht den Exportsektor auf und verlangsamt den Strukturwandel in der Binnenwirtschaft. Eine Abwertung nutzt wenigen, schadet aber vielen, nämlich den Verbrauchern, weil sie für ihre Einkäufe zu viel bezahlen, und den Sparern, weil sie die Kaufkraft inländischer Vermögen verringert und somit alle ärmer macht.

Wenn Zentralbanken beginnen, Wechselkurse zu manipulieren, lähmen sie die unsichtbare Hand der Marktkräfte. Damit vernebeln sie die Sicht auf realwirtschaftliche Entwicklungen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) verdeutlicht in ihrem jüngsten Quartalsbericht, wie seit Jahresbeginn an den Devisenmärkten die Volatilität zunahm, als geldpolitische Lockerungsmassnahmen den Druck auf gesteuerte Wechselkurse erhöhten, was bei anderen Zentralbanken Gegenreaktionen auslöste. Eine hohe Volatilität zerstört die Funktion des Geldes als Massstab der Realwirtschaft und damit die Grundmechanismen einer freien Geldwirtschaft.


Thomas Straubhaar ist Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg. Er war bis Ende August 2014 Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts.

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