Nestlé – das ist der Konzern mit Buitoni-Tiefkühlpizzen, Kitkat-Schokolade und Nesquik-Cerealien. Allesamt Produkte, die höchst selten in einem Diätplan Platz finden dürften. Doch seit einigen Jahren ist Nestlé darauf erpicht, sich vom klassischen Nahrungsmittelmulti hin zum gesundheitsbewussten Lifestyle-Food-Konzern zu wandeln. So verkauften die Waadtländer zuletzt ihr Süsswaren-Geschäft in den USA an Ferrero und investierten stattdessen in Firmen wie die Hipster-Kaffeekette Blue Bottle, den Vegi-Menü-Hersteller Sweet Earth Foods und für 2,3 Milliarden Dollar in den Nahrungsergänzungsmittel-Produzenten Atrium.

Die grosse Frage, die Nestlé dabei umtreibt, ist, wie sich Menschen in Zukunft optimal ernähren sollen. In Japan geht der Nahrungsmittelmulti dafür neue Wege. Im Zentrum: die Personalisierung des Diät-Speiseplans. Das Programm heisst «Nestlé Wellness Ambassador», und bereits nehmen über 100'000 Japaner teil, die Nestlé dafür bis zu 600 Dollar pro Monat bezahlen. Das Diät-Programm besteht aus zwei Teilen. Mithilfe der in Japan populären Social-Media-App Line sollen die Konsumenten Bilder ihrer Mahlzeiten an den Konzern schicken. Künstliche Intelligenz analysiert dann, was auf dem Teller liegt und wovon man sich zu viel oder zu wenig gönnt.

Diese Funktion ist seit 2015 auf dem Markt. Neu ist Teil zwei des Programms. Und zwar sollen die Kunden mithilfe eines Glucometer-ähnlichen Geräts, das Nestlé zur Verfügung stellt, eine Blut- und Speichelprobe einschicken. Dabei wird auch die DNA analysiert. Sie soll Hinweise auf Gesundheitsrisiken und entsprechende Tipps für das individuelle Diätprogramm liefern. Wer ein erhöhtes Krebsrisiko aufweist, dem empfiehlt das Nestlé-Programm, mehr Antioxidantien zu konsumieren, zum Beispiel in Form von Tee.

Die tägliche Dosis kommt – ganz Nestlé-like – in Form von Kapseln. Mitglieder des «Wellness Ambassador»-Programms erhalten eine Nescafé-Dolce-Gusto-Maschine und können online aus 17 Kapseln mit individuell zusammengestellten Zusatzstoffen auswählen, zum Beispiel Frucht-Smoothies, Milch-Produkte für gesundes Altern oder verschiedene japanische Grüntees («Matcha») mit Vitaminen und Mineralien.

Ex-Präsident Brabecks Vision

Auf Nachfrage betont ein Sprecher des weltgrössten Nahrungsmittelherstellers, dass die DNA-Blut-Tests von Drittfirmen, Genesis Healthcare und Halmek Ventures, durchgeführt würden, welche das Feedback direkt an die Kunden weiterleiten würden. Nestlé habe selber keinen Zugriff auf die Daten – ausser der Kunde gebe sein Einverständnis dazu. Laut japanischen Medien bietet Nestlé das Programm auch Angestellten von Grossfirmen an, wie dem Versicherer Axa. Partnerschaften mit Apotheken würden ebenfalls geprüft.

Die Strategie entspricht der Haltung des ehemaligen Nestlé-Präsidenten Peter Brabeck-Letmathe, der 2016 in seinem Buch «Ernährung für ein besseres Leben» personalisierte Diäten propagierte. Die Menschen würden in Zukunft Nespresso-ähnliche Kapseln benutzen können, um individuelle, mit Zusatzstoffen angereicherte Cocktails zu konsumieren oder ihr Essen mit einem 3D-Drucker herstellen zu können, angepasst auf ihr elektronisch gespeichertes Gesundheitsprofil.

Der japanische Nestlé-Länderchef Kozo Takaoka hat denn auch grosse Pläne. In zehn Jahren soll das neue Programm rund 900 Millionen Dollar zum Umsatz beisteuern, da die Gesellschaft immer älter wird und früher oder später mit gesundheitlichen Beschwerden konfrontiert sei. Die Technologie in der Gesundheitsforschung habe sich so rasant entwickelt, dass Nahrungsmittelhersteller über den Tellerrand hinausblicken müssten, sagt Takaoka gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Zudem hätten sich bereits andere Nestlé-Manager, auch solche vom Hauptsitz in Vevey VD, für das Programm interessiert. Bei Nestlé heisst es zur Lancierung in anderen Märkten: No comment.

Unterstützung kommt aus der Finanzwelt. Der Nestlé-Analyst Jon Cox des Instituts Kepler Cheuvreux hält die Strategie für richtig: «Personalisierte Diäten werden eine Schlüsselrolle einnehmen, da sie zu einem gesünderen, längeren Leben beitragen.» Er glaubt an einen Massenmarkt. «Das geschieht wohl nicht so schnell, wie es die Branche erwartet hat, aber die Konsumenten sind schon heute viel sensibler, was die Ernährung anbelangt.» Andere Analysten hingegen sind skeptischer. So etwa Andreas von Arx von der Bank Baader Helvea: «Mir fehlt bisher der wissenschaftliche Nachweis.» Dass Nestlé in diesem Bereich führend sein wolle, sei für ihn aber nicht überraschend, da es einfacher ist, mit individualisierten Angeboten eine zweistellige Marge zu erzielen. Sprich: Der Verkauf von modernen Kapseln ist lukrativer als der Verkauf eines Rüebli. Zudem hat von Arx Zweifel, ob das Programm längerfristig in die Strategie von CEO Mark Schneider passt, der seit Anfang 2017 dem Konzern vorsteht. Schneider setzt laut von Arx verstärkt auf gesunde Ernährung, jedoch auf Produkte im sogenannten «Consumer Health»-Bereich, die in der Regel ohne Arztrezept verkauft werden können und deren Werbung nicht auf wissenschaftlicher Forschung basieren muss.

Damit bricht Schneider mit der Vision von Alt-Nestlé-Präsident Brabeck, dessen teure «Health Science»-Strategie aus Analysten-Sicht bis heute keine nennenswerten Resultate habe liefern können. Laut Insidern muss Schneider von seinem Vorgänger und heutigem Nestlé-Präsidenten Paul Bulcke diesbezüglich keine grosse Gegenwehr erwarten. «Insofern könnte das Programm in Japan auch nur ein Ausläufer der alten Strategie sein», sagt von Arx.

Seine Skepsis, was den wissenschaftlichen Nachweis anbelangt, wird von Forschern bestätigt. «Es gibt noch zu wenige Forschungsergebnisse zur Frage, welchen Einfluss die DNA auf unseren Cholesterinspiegel oder unser Gewicht hat», sagt Klazine Van der Horst, Leiterin des Bereichs Forschung Ernährung und Diätetik an der Berner Fachhochschule. Laut der Professorin, die bis vor kurzem selber für Nestlé forschte, würden einzelne Mineralien oder Vitamine kaum ausreichen, um chronische Beschwerden zu lindern. «Das Ganze ist einiges komplexer.» Diese Wissenslücke werde von Firmen aus der Privatwirtschaft ausgenutzt. Auch bezüglich der Foto-Analyse gäbe es Fragezeichen. «Eine Banane oder eine Pouletbrust mag die künstliche Intelligenz erkennen, aber wie will sie wissen, wie viel Zucker und wie viele Kalorien in einer Sauce stecken?» Auch könnten Kapseln Früchte und Gemüse, deren Wirkungsweisen ebenfalls noch nicht vollständig ergründet sind, nicht eins zu eins ersetzen, sagt Van der Horst. «Drei personalisierte Smoothies am Tag und sonst nichts – so was kann ich mir auch in Zukunft nicht vorstellen», sagt die Forscherin. Als Ergänzung seien solche Angebote aber interessant.

Hinzu kommen ethische Aspekte. «Ein solches Angebot ist in der Regel teuer. Das bedeutet, dass Personen mit tiefem Einkommen von diesen Angeboten, die als gesund propagiert werden, nicht profitieren können», sagt die Wissenschafterin. So käme es zu einer Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung. Drastischer formuliert: Die gesunden Reichen werden noch gesünder.

Personalisierte Pizzen?

Auch Guy Vergères vom Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung ist angesichts der fehlenden Forschungsergebnisse misstrauisch: «Die Frage ist, ob unsere Gene nur aus medizinischen oder auch aus Lifestyle-Gründen untersucht werden sollen.» Für den Ernährungsbiologen müssten solche Angebote langfristig einer öffentlichen Regulierung unterstehen. Der Ansatz, die individuelle Ernährung mithilfe von Foto-Analysen zu verbessern, sei aber durchaus richtig. Denn die Forschung zeige schon heute, dass jeder Körper anders konditioniert sei und es nicht immer Einheitslösungen gäbe. Auch auf EU-Ebene geht die Forschung in diese Richtung.

Wird also in einigen Jahren im Restaurant jeder Gast eine andere Pizza Margherita auf dem Teller haben, angereichert mit unterschiedlichen Zusatzstoffen? «Sinn würde es wissenschaftlich machen», sagt Vergères. «Aber die Frage ist, ob das dann auch noch Spass macht.»

«Nordwestschweiz»-Karikaturist Silvan Wegmann zur Nestlé-Strategie: