Fahrdienst
Skandale, Proteste, Verluste: Uber kämpft an allen Fronten

Das umstrittene US-Fahrdienst-Unternehmen gerät wegen zahlreicher Skandale und Probleme unter Beschuss.

Andreas Möckli
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Der 40-jährige Uber-Chef Travis Kalanick gelobt nach den vielen Skandalen Besserung.

Der 40-jährige Uber-Chef Travis Kalanick gelobt nach den vielen Skandalen Besserung.

Jeffery Salter/Redux/laif

Sexismus- und Diskriminierungs-Vorwürfe, verärgerte Fahrer und Kunden, viele Managerwechsel und hohe Verluste: Uber wird in jüngster Zeit von Problemen und Skandalen durchgeschüttelt. So meldete der Fahrdienstvermittler letztes Wochenende einen Verlust von 2,8 Milliarden Dollar für das vergangene Jahr. Darin sind die Auswirkungen der Probleme, die sich seit Anfang dieses Jahres häuften, naturgemäss noch nicht enthalten.

Für einen grossen Aufschrei sorgte das 2009 gegründete US-Unternehmen mit Sexismusvorwürfen. Seinen Anfang nahm die Geschichte mit einer Software-Entwicklerin, die bereits an ihrem ersten Arbeitstag über den Firmen-Chat ein Sex-Angebot von ihrem Chef erhielt. Als sie sich darüber beschwerte, empfahl ihr die Personalabteilung, sie solle doch in eine andere Abteilung wechseln. Der angesprochene Chef sei zu wichtig für das Team, um gegen ihn vorzugehen, wurde ihr beschieden. Später habe sie erfahren, schreibt die Software-Entwicklerin in einem Blogeintrag, dass auch andere Mitarbeiterinnen von diesem Manager belästigt worden seien. Die entsprechenden Meldungen an die Personalabteilungen blieben erfolglos.

Kaum einen Monat später wurde die Kontroverse erneut angeheizt. Eine Frau, die sich für eine offene Stelle bewarb, berichtete von einem Gespräch mit einer Uber-Managerin auf der Job-Plattform Linkedin. Als die Bewerberin schrieb, sie habe aufgrund der jüngsten Vorwürfe bezüglich Sexismus und fragwürdiger Geschäftspraktiken kein Interesse mehr an der Stelle, erhielt sie eine erstaunliche Antwort. Sie verstehe ihre Bedenken, möchte aber anmerken, dass Sexismus in der Technologiebranche systemisch sei. Sie habe einige der inspirierendsten Persönlichkeiten hier getroffen.

Der Chef rastet aus

Bereits nach dem ersten Fall gelobte Uber Besserung. Chef Travis Kalanick versprach ein hartes Durchgreifen. «Was hier beschrieben wurde, ist abscheulich und widerspricht allem, woran wir glauben.» Verwaltungsrätin Ariana Huffington kündigte zudem eine unabhängige Untersuchung an. Die Mitbegründerin der Online-Zeitung Huffington Post veröffentlichte ihre E-Mail-Adresse, damit sich Betroffene bei ihr melden können.

Kalanick sorgte jedoch Anfang März gleich selber für einen kleinen Skandal. Er stritt sich mit einem Uber-Fahrer auf einer Fahrt in New York. Die Auseinandersetzung wurde auf einem Video festgehalten und später von der Nachrichtenagentur Bloomberg verbreitet. Der Uber-Fahrer warf Kalanick vor, wegen ihm 97 000 Dollar verloren zu haben. «Ich bin pleite wegen dir», fuhr der Mann Kalanick an. Der Uber-Chef konterte wenig diplomatisch und sagte, dieser Vorwurf sei Schwachsinn. Gewisse Leute wollten einfach keine Verantwortung für ihren Mist übernehmen. «Sie beschuldigen für alles in ihrem Leben jemand anderen.» Später entschuldigte sich Kalanick und gestand ein, dass er sich fundamental ändern und als Führungskraft wachsen müsse. «Ich brauche Hilfe bei der Führung.»

Uber hat jedoch nicht nur wegen solcher Geschichten den Ruf als eines der umstrittensten Firmen der Welt. In zahlreichen Ländern wurden zumindest Teile des Fahrdienstes verboten, so auch in grossen Ländern wie Deutschland, Spanien und Frankreich. In Deutschland hat das Oberlandesgericht Frankfurt ein Urteil der Vorinstanz bestätigt, wonach Uber gegen das Gesetz verstösst. Demnach müssen Fahrer eigentlich nachweisen, dass sie gesund sind und die Strassen ihrer Stadt kennen. Weil die Taxifahrer beim Dienst Uber Pop hingegen keine Prüfung vorweisen müssen, kann jeder für den Fahrdienst arbeiten.

Proteste in der Schweiz

Auch in der Schweiz ist Uber umstritten. So werfen die Gewerkschaften dem US-Fahrdienst vor, geltendes Recht zu brechen. Obwohl die Unfallversicherung Suva Uber als Arbeitgeber einstufe, weigere sich der Konzern, seine Angestellten als Arbeitnehmer anzuerkennen und Sozialversicherungsbeiträge zu entrichten. Nach dem Entscheid der Suva von Anfang Jahr werden sich nun aller Voraussicht nach die Gerichte um den Streitfall kümmern müssen. Wie auch in anderen Ländern haben Gewerkschaften und Taxifahrer in der Schweiz mehrfach gegen Uber demonstriert und ein Verbot eingefordert.

Uber ist in der Schweiz vorwiegend in Zürich, Basel, Genf und Lausanne tätig. Nun breitet sich der Fahrdienst immer stärker in die Agglomerationen aus. Wie diese Zeitung berichtete, sind Uber-Taxis in Baden, Wettingen oder Muri weit verbreitet. Man habe die App an ausgewählten Orten im Aargau freigeschaltet, bestätigte ein Sprecher. Die Fahrzeuge, die aus Zürich hinausfahren würden, sollen eine unmittelbare Anschlussfahrt zurück zu ihrem Ausgangspunkt erhalten.

Während die Proteste in der Schweiz und vielen anderen Länder weitergehen, werden immer weitere Details über die umstrittenen Geschäftspraktiken von Uber bekannt. In einer umfassenden Recherche hat die «New York Times» aufgedeckt, wie die Firma in die psychologische Trickkiste greift, um Fahrer zu Überstunden zu motivieren. Dabei greift Uber auf Erkenntnisse aus der Spielindustrie und der Verhaltensforschung zurück. So werden Fahrer, wenn sie sich vom System abmelden wollen, darauf hingewiesen, dass sie nur noch einige Dollar von einem bestimmten Tageslohn oder Bonus entfernt sind. Die Fahrer werden dann gefragt, ob sie sich wirklich abmelden wollen. Die Option «Weiterfahren» dagegen ist farblich unterlegt.

Ausserdem erhalten Fahrer noch während einer aktuellen Fahrt den Hinweis auf den nächsten Kunden, der sich in der Nähe befindet. Das soll die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Fahrer weiterfährt, statt bereits an den Feierabend zu denken. Ein Fahrer berichtete der Times, dass er den ganzen Tag mit SMS und Meldungen eingedeckt wurde. Da es sich vorwiegend um Männer handelte, versahen Uber-Manager die Nachrichten mit weiblichen Absendern.

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