Schifffahrt

Skandal um Hochseeflotte: Tarnfirmen in Gibraltar und Hongkong aufgetaucht

Hochseeschiffe unterwegs auf dem Ozean. Welche Rolle spielen die Offshore-Konten?

Hochseeschiffe unterwegs auf dem Ozean. Welche Rolle spielen die Offshore-Konten?

In der Affäre um die Schweizer Hochseeflotte spielen Tarnfirmen in Gibraltar und Hongkong eine Rolle.

100'000 Franken pro Monat, so sagen gut informierte Leute, kosten den Bund jeden Monat die Beraterhonorare, die für die Liquidation der Pleite-Flotte von Reeder Hans-Jürg Grunder anfallen. Ein vom Bund eingesetzter Liquidator und andere Spezialisten wickeln die Zürcher Grunder-Firmen derzeit ab.

215 Millionen zahlt der Bund als Bürge wegen der Pleite der Flotte. Aber die offenen Fragen rund um die Affäre werden nicht weniger. Im Gegenteil. Insider sprechen davon, dass der Reeder Hans-Jürg Grunder über Offshore-Konten in Europa, aber auch in Asien verfüge, über die Millionen geflossen sind.

Mysteriöse Firma in Gibraltar

Da ist etwa eine Briefkastenfirma namens Securit Investment Limited im verschwiegenen Gibraltar. Die Securit Investment war gemäss einem Fondsprospekt aus dem Jahr 2007 Mitbesitzerin der Swiss Canadian Cargo Line (SCCL), Isle of Man. Die SCCL war ein Charterer, der mit Grunders Zürcher Reederei Enzian geschäftlich verbunden war. So charterte die SCCL die mit Bundesbürgschaften finanzierten Schiffe «Thun», «Celine», «Sabina» und «Bern». Laut dem Prospekt befrachtete die Enzian zusammen mit kanadischen Partnern die von SCCL gecharterten Schiffe, und die Enzian war zuständig für die Administration.

Ein früherer Geschäftspartner des gelernten Buchhalters Grunder sagt: «Nach meinem besten Wissen ist Herr Grunder der einzige Eigentümer der Securit Investment, welche ein Konto in der Schweiz hatte.» Auch andere Quellen sagen: Grunder ist Begünstigter der Securit.

Grunder bestreitet, dass er hinter der Securit steht. Und: «Ich habe nie irgendwelche Provisionen, irgendwelches Schwarzgeld verlangt oder erhalten. Ich habe auch keine Offshore-Konten», sagte er in der «Nordwestschweiz».

Millionen aus Hongkong

Eine andere Offshore-Firma, die jetzt auftaucht, liegt in Hongkong. Über diese Firma flossen 2004 laut Recherchen zweistellige Millionen-Beträge in Grunders Reederei. Brisant: Die Hongkong-Firma gehörte der Securit Investment, und beide wurden später offenbar Aktionäre der Reederei.

Über die Hongkong-Firma flossen auch Gelder, mit denen sich ein Geschäftspartner von Grunder an einem verbürgten Schiff der Reederei beteiligte.

Warum diese Umwege über Gibraltar und Hongkong? Sicher ist: Eine «Beraterin» von Grunder, die bis vor kurzem auf der Lohnliste der Reederei stand, ist Chinesin. Mit Arbeitsort Hongkong.
Die Sache wird immer trüber. Aktiv geworden ist in den letzten Tagen auch der Liquidator: Er hat einen externen Revisor beauftragt, Geldflüssen im Umfeld von Grunder nachzugehen. Etwas spät, sollte man meinen. Aber Beobachter glauben, dass der Bund einen Deal hat mit Grunder. Und darum erst jetzt, auf äusseren Druck, aktiv wird.

Insider sagen, dass in der Enzian-Reederei in den letzten Jahren wiederholt Akten vernichtet wurden. Der Bund hatte konkrete Hinweise darauf, blieb aber offenbar lange untätig. So verschwanden etwa Akten zur SCCL, Isle of Man. Aber auch viele Bauabrechnungen von chinesischen Schiffen sind unauffindbar. Brisant, da der Verdacht besteht, dass der Bund zu hohe Bürgschaften leistete, weil falsche Angaben zu Schiffskosten unterbreitet wurden.

Das ist nicht alles. Der Bund hat noch nicht Zugriff auf die gesamte Summe von etwa 70 Millionen, die der Käufer der Pleite-Flotte, die kanadische Mach-Groupe, geleistet hat. Millionen befinden sich auf Sperrkonten, weil der Käufer noch Mängel an den Schiffen geltend machen kann. Es drohen sogar Schiedsgerichtsverfahren.

Fragen stellen sich auch zur Bundesanwaltschaft. Auf eine Strafanzeige der Finanzkontrolle zur Sache ging sie 2016 nicht ein. Darauf reichte Bundesrat Johann Schneider-Ammann (FDP) im August 2017 erneut eine Anzeige gegen Grunder sowie Michael Eichmann, langjähriger zuständiger Bundesbeamter für Bürgschaften, ein. Wegen Verdacht auf ungetreue Amtsführung und Leistungsbetrug.

Kanton Bern ermittelt mit

Jetzt zeigen Recherchen: Die BA ermittelt nur gegen Eichmann. Das Verfahren gegen Reeder Grunder hat sie an den Kanton Bern delegiert. Das bestätigt Christof Scheurer, Sprecher der Berner Generalstaatsanwaltschaft. Es stehe «eine Person im Fokus – jedenfalls zurzeit». Die Verfahrensleitung studiere «die Anzeige inklusive drei Bundesordner Unterlagen», dann werde sie über die Frage der Eröffnung eines Verfahrens befinden. Die Bundesanwaltschaft begründet die Aufteilung mit unterschiedlichen sachlichen Zuständigkeiten von Bund und Kanton. Strafrechtsexperten kritisieren die Aufteilung scharf: So gingen Effizienz und Zeit verloren. Und fest steht: Reeder Grunder wurde bisher zur Sache nie befragt. Von niemandem.

Der Aargauer SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner, der in der Flottensache seit Monaten auf Aufklärung drängt: «Ich bin beunruhigt: Warum hatte der Bund kein Interesse an Aufklärung?» Giezendanner wurde mittlerweile von der Finanzdelegation (FinDel) des Bundesparlaments angehört, die mit der Geschäftsprüfungskommission an der Untersuchung arbeitet. «Die FinDel nimmt die Sache sehr ernst», rühmt Giezendanner. «Auch sie ist langsam der Ansicht, dass es eine Untersuchungskommission PUK braucht.» Zumal dem Bund noch weitere Verluste drohen: Reeder rechnen mit der Insolvenz einer weiteren Schweizer Gruppe.

Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

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