Innert vier Jahrzehnten schuf Charles Vögele ein Modeimperium. Das Erfolgsrezept von Vögele: günstig, die Zielgruppe 40 plus im Fokus. Als der Patron seine Kette 1997 verkaufte, schien noch alles in Ordnung zu sein. Anfang der 2000er-Jahre war das Unternehmen an der Börse und über zwei Milliarden Franken wert. Danach folgte ein stetiger Abstieg.

Auch mehrere Strategiewechsel und die Fokussierung auf eine jüngere Kundschaft halfen nichts. 2016 kam OVS als vermeintlicher Retter. Schliesslich lief und läuft das Geschäft im Heimmarkt Italien blendend. Warum sollte die gleiche Strategie nicht auch in der Schweiz funktionieren? Quasi am Totenbett der Modekette Vögele kam neue Hoffnung auf. Doch OVS ist seit gestern Morgen in provisorischer Nachlassstundung.

Wer die Mode von Vögele mit derjenigen von OVS vergleicht, dem wird schnell klar: Die Ausrichtung könnte nicht gegensätzlicher sein. OVS setzt auf eine jüngere, preis- und modeaffinere Kundschaft als damals Vögele. Und konkurrenziert, wenn auch etwas aggressiver im Preissetting, direkt mit den Fast-Fashion-Ketten Zara und H&M.

Diese beiden sind in diesem Segment in der Schweiz vorherrschend. Vögele selbst hat es 2009 auch versucht, setzte auf die Glamour-Schwestern Penélope und Mónica Cruz sowie Til Schweiger als neue Aushängeschilder. Es blieb allerdings beim Versuch. Kurz darauf änderte das Unternehmen die Strategie wieder zurück auf günstig, 40 plus.

Der neuerliche Wechsel zu einem jüngeren Kundensegment brachte nun auch OVS nichts. Ein neuer Player im Fast-Fashion-Markt hat offenbar keinen Platz in der Schweiz. Vor allem auch, weil der Online-Kleiderhändler Zalando dem stationären Handel den Rang abläuft.
Im November 2016 hat OVS Charles Vögele übernommen.

Der 40-Millionen-Franken-Umbau der Läden wurde erst im letzten Winter abgeschlossen. Ein paar Monate später nun das Aus. Bereits im April wurde bekannt, dass OVS tiefere Mieten für seine Filialen von den Vermietern verlangt. Das Problem: Zu hohe und zu langfristige Mietverträge wurden von Vögele übernommen. Daraus resultierte Monat für Monat ein hoher Verlust. Auch wenn mit Entlassungen – 300 am Hauptsitz in Pfäffikon SZ – versucht wurde, die Kosten zu senken.

Zweiter gescheiterter Versuch

OVS, damals noch unter dem Namen «Oviesse» agierend, versuchte Anfang der 2000er-Jahren sich schon einmal in der Schweiz. In ehemaligen ABM-Läden wollte die Firma ihre Mode verkaufen. Scheiterte mit dieser Idee aber bereits nach wenigen Jahren. Damals arbeitete man mit Globus zusammen. Auch beim neusten Schweiz-Abenteuer war man nicht alleine.

Das italienische Modeunternehmen übernahm zusammen mit zwei weiteren Aktionären über die eigens zu diesem Zweck gegründete Sempione Retail AG die Charles Vögele AG und benannte sie in Sempione Fashion um. Beteiligt an Sempione sind zu 20,5 Prozent Erben des Sandoz-Imperiums und die italienische Gesellschaft Retails Investment, welche 44,5 Prozent an Sempione hält. Diese Gesellschaft gehört zwei italienischen Textilunternehmern. Das finanzielle Risiko hat OVS also geteilt. Der Reputationsschaden trifft OVS nun aber alleine.

Werden einzelne Läden gerettet?

Sempione Fashion heisst zu Deutsch: Simplon Mode. Im übertragenen Sinne also italienische Mode, die den Simplon überquert und in der Schweiz landet. Die Symbolik des Namens sollte Programm sein. Das ist vorerst gescheitert. Auch wenn offenbar das Mutterhaus OVS Interesse an rund 30 bis 40 der rund 140 Filialen in der Schweiz hat. Gut unterrichtete Kreise berichten, dass OVS mit dieser Idee an den Nachlassverwalter gelangt ist. Ob damit wenigstens ein Teil der über 1100 Angestellten ihren Job behalten kann, ist unklar.

Dass Sempione bereits nach so kurzer Zeit das Geld ausgeht, ist überraschend. Auch für die Gewerkschaft Unia. «Wir haben erwartet, dass Umstrukturierungen gemacht werden. Dass allerdings kein Geld mehr da ist, um diese durchzuführen, überrascht», sagt Arnaud Bouverat von der Unia. Die Gewerkschaft spricht denn auch von einem Chaos, das OVS in den letzten Monaten geprägt hat. Sie fordert flankierende Massnahmen wie etwa ein Job-Center für die betroffenen Angestellten.