Energie

Shell-Chef: «Wir stehen gut da»

Rund 550 000 Menschen arbeiten für den Aargauer Peter Voser. Der Konzernchef von Shell erklärt im Interview, wie er das Unternehmen führt und wie er es darauf vorbereitet, dass Öl teurer und rarer wird. Ausserdem steht die Schweiz seiner Meinung nach in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise vergleichsweise gut da.

Christian Dorer, Patrik Müller

Herr Voser, Sie sind jetzt seit einem halben Jahr Shell-Chef. Haben Sie diesen riesigen Laden schon im Griff?
Peter Voser:
Ich war 25 Jahre lang bei Shell, mit einem kurzen Unterbruch. Ich kenne die Firma mit ihren Stärken und Schwächen. Deshalb konnte ich gleich voll einsteigen und die Marschrichtung vorgeben. Wobei, die Führung ist eigentlich nicht anders als bei einem kleinen oder mittelgrossen Unternehmen ...

Sie untertreiben: Shell ist rund um den Globus präsent.
Voser:
Die Dimensionen sind grösser, es sind mehr Länder und mehr Gelder involviert. Am Ende geht es aber in jedem Betrieb um eine klare Aufgabenteilung, schnelle Entschlussfassung, eine gute Strategie und eine zuverlässige Überwachung der Finanzen.

Sie sagten mal, dass Sie nicht so gut seien im Delegieren und zu vieles selber machen. Können Sie inzwischen loslassen?
Voser:
Meine Direktunterstellten haben viele Freiheiten. Als CEO einer so grossen Firma kann ich mich gar nicht mehr um alle Details kümmern, weil der Tag sonst zu wenige Stunden hat.

Werden Sie eigentlich erkannt, wenn Sie bei Shell tanken gehen?
Voser:
In der Schweiz nicht, und darüber bin ich noch so froh. Ich habe einen Job zu machen, es geht um die Firma, meine Person kommt weit hinten.

Sie arbeiten in Den Haag, wohnen aber noch immer im Aargau. Haben Sie nie überlegt umzuziehen?
Voser:
Meine Familie hat den Wohnsitz im Aargau, ich selber bin in Holland angemeldet, verbringe aber so viele Wochenenden wie möglich in der Schweiz. Diese Aufteilung zwischen geschäftlichem und privatem Umfeld hilft beim Regenerieren.

Und es bleibt Zeit für die Familie und die Erholung?
Voser:
Die nehme ich mir. Ich bin da sehr diszipliniert und habe kein Problem damit, den Blackberry mal abzuschalten.

Zum Erdölpreis. Welche Entwicklung erwarten Sie in den kommenden Monaten?
Voser:
Der aktuelle Preis widerspiegelt erstens die Disziplin der Opec, die weniger produziert. Zweitens die staatlichen Konjunkturprogramme. Und drittens die Wirtschaftslage, die sich wohl im ersten Halbjahr 2010 noch nicht verbessern wird.

Also erwarten Sie eher konstante Preise?
Voser:
Eine Prognose des Ölpreises ist etwa so zuverlässig wie die eines Fremdwährungskurses. Ich habe schon lange damit aufgehört. Ich wünsche mir jedoch, dass wir in den kommenden Jahren weniger starke Schwankungen haben als in der Vergangenheit. Für uns als langfristige Investoren wäre das sicherer.

Verursachen Spekulanten die starken Schwankungen?
Voser:
Ich mag das Wort Spekulanten nicht. Die Volatilität kann höher sein, wenn mehr Geld in die Rohstoffmärkte fliesst. Das war 2008 der Fall, als grosse Summen in den Öl- und Gasmarkt gingen. Das ist derzeit nicht der Fall, kann aber je nach Entwicklung der Aktienmärkte wieder vorkommen.

Und wie wird sich der Preis langfristig entwickeln, wenn das Erdöl knapp wird?
Voser:
In diesem Jahrhundert wird es weder an Öl noch Gas und Kohle mangeln, in den nächsten 50 Jahren ist das deshalb nicht unser Hauptthema. Der Endpreis wird trotzdem steigen – aber aus einem anderen Grund: Weil die Öl- und Gasförderung immer aufwändiger wird. Die Vorkommen liegen tiefer und sind weiter entfernt, wodurch auch der Transport teurer wird. Bis 2050 werden fossile Brennstoffe noch immer 60 bis 70 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs ausmachen.

Sind Sie als Shell-Chef froh, dass die Klimakonferenz in Kopenhagen kein verbindliches Abkommen zustande gebracht hat?
Voser:
Nein, überhaupt nicht. Wir waren und sind für einen weltweiten CO-Preis, am liebsten in einem frei handelbaren System. Mit einem Abkommen hätten wir die Sicherheit gehabt, was kommt. Kopenhagen war als Meilenstein dennoch wichtig. Ich bin überzeugt, dass die Zeit der Debatten vorbei ist, dass wir nun handeln müssen. Für den Schutz des Klimas, aber auch um andere Energien vorwärtszubringen, Stellen zu schaffen und Wachstum zu erreichen.

Sind Sie wirklich an anderen Energieformen interessiert? Sie könnten sich auch sagen: In den nächsten Jahrzehnten verdiene ich mit Erdöl gut.
Voser:
Das könnte ich, doch ich gehe von einer anderen Herausforderung aus: Wir müssen in den kommenden Jahrzehnten die weltweite Energieproduktion verdoppeln, da die Menschheit von 6 auf 9,5 Milliarden wachsen wird und Länder wie China oder Indien massiv mehr Energie pro Kopf verbrauchen werden. Gleichzeitig müssen wir die Belastung für die Umwelt verringern. Wenn uns das gelingen soll, müssen wir in erneuerbare Energien und neue Techniken investieren – und gleichzeitig die bestehenden verbessern: also Benzin entwickeln, das weniger CO ausstösst, Motoren bauen, die weniger verbrauchen.

Shell erschliesst neue Ölfelder – bald auch im Irak. Ist das angesichts der politischen Instabilität nicht riskant?
Voser:
Einerseits gibt es die politische Instabilität – im März sind Wahlen – sowie mögliche Sicherheitsprobleme für unsere Leute. Andererseits hat der Irak sehr grosse Öl- und Gasvorräte und braucht zum Wiederaufbau des Landes das Geld aus dem Ölverkauf. Hier muss man eine Balance finden. Die zwei Ölfelder, die wir haben, befinden sich in der Gegend um Basra, wo die Sicherheit stabiler ist.

Verhandeln Sie persönlich mit den Regierungsvertretern dieser Länder?
Voser:
Ja, das ist eine meiner Hauptaufgaben als CEO. Vor zwei Wochen war ich in Bagdad und unterschrieb für das erste Ölfeld den Vertrag selber.

Ist es da ein Vorteil, dass der CEO aus der neutralen Schweiz kommt?
Voser:
Nein. Wir sind eine internationale Firma, die Nationalitäten spielen kaum eine Rolle.

Was macht Shell in Libyen?
Voser:
2005 haben wir einen Vertrag für eine Exploration und die Erneuerung einer Anlage zur Verflüssigung von Erdgas abgeschlossen. Zurzeit suchen wir in Libyen Öl und Gas. Wenn wir erfolgreich sind, könnte es mittelfristig zur Produktion kommen.

Haben Sie auch persönlichen Kontakt mit Diktator Gaddafi?
Voser:
Shell hat laufenden Kontakt mit allen Entscheidungsträgern in Libyen.

Im Februar berät der UNO-Sicherheitsrat über neue Sanktionen gegen Iran. Das würde auch Shell treffen.
Voser:
Wir würden uns selbstverständlich an die Sanktionen halten, wenn sie von der UNO beschlossen würden. Zurzeit haben wir keine grösseren Geschäftsbereiche in Iran; wir prüfen allerdings ein Projekt. Iran hat sehr grosse Gas- und Ölvorkommen. Langfristig wird die globale Gesellschaft diese Vorräte brauchen. Ich hoffe, dass es eine politische Lösung gibt, sodass man diese Felder entwickeln kann.

Frankreichs Präsident Sarkozy hat in Davos mit scharfen Worten die Boni-Gier der Banker kritisiert. Hat er recht?
Voser:
Das ist eine sehr emotionale Debatte. Ich bin kein Anhänger einer zu starken staatlichen Interventionspolitik, da die Marktwirtschaft sich während der letzten Jahrzehnte grundsätzlich bewährt hat. Man muss aufpassen, dass man jetzt nicht übertreibt und die Finanzindustrie zu stark einschränkt. Das hätte Nachteile für die globale Wirtschaft und damit für die Arbeitsplätze. Der heutige weltweite Handel braucht ein globales Finanzsystem. Eine Verringerung der Risikobereitschaft der Banken geht sicher in die richtige Richtung.

Die Geduld der Leute ist zu Ende: Die Selbstregulierung bei den Banken schlug fehl.
Voser:
Einverstanden. Eine komplette Selbstregulierung funktioniert nicht. Ich betone einzig: Es darf jetzt keine Überregulierung geben. Banken, Industrie und Staaten müssen gemeinsam neue Lösungen finden – und nicht alles emotionalisieren.

Glauben Sie, dass Ihr UBS-Verwaltungsratsmandat Ihrem Ruf geschadet hat?
Voser:
Mein Ruf ist nicht entscheidend. Im Vordergrund steht die Reputation der Firma. Was bei der UBS geschah, hat ihrer Reputation natürlich geschadet. Das muss man sehr schnell korrigieren. Die gegenwärtige Führungscrew ist auf dem richtigen Weg.

Wurden Sie am WEF oft auf Ihr UBS-Mandat angesprochen?
Voser:
Nur zweimal: Von Ihnen und von einem anderen Journalisten ... Man verbindet mich mit Shell.

Sie haben 2002 als Finanzchef die ABB aus ihrer existenziellen Krise geführt. Wie sehen Sie heute die ABB?
Voser:
Sie bereitet mir Freude. Sie ist gut aufgestellt und meistert die Wirtschaftskrise besser als andere Firmen. Es macht mich sicher auch stolz, das zu sehen – weil wir damals die Grundlage für diese Entwicklung gelegt haben.

Welche Lehren zogen Sie aus dem Überlebenskampf der ABB?
Voser:
Ich habe in den zweieinhalb Jahren bei der ABB so viel gelernt wie sonst in zehn Jahren. Die wichtigste Erkenntnis ist: Wenn eine Firma die richtigen Produkte und einen guten Namen hat, dann kann man sie auch in der grössten Not retten. Wir mussten bei der ABB viele Bereiche abtrennen und den Konzern neu aufstellen, auch was die Bilanz betrifft, aber die beiden starken Sparten Automation und Power haben ABB am Leben erhalten. Und dann gibt es noch etwas Zweites, das entscheidend ist: Schnelligkeit.

Beim Krisenmanagement muss alles sehr schnell gehen?
Voser:
Ja. Kompromisslos und schnell. Es braucht kleine Teams, die sehr fokussiert arbeiten. Ich habe auch bei Shell die Reorganisation einen Monat vorgezogen, um eine Dynamik reinzubringen. Zeit verlieren ist in der Führung das Schlimmste!

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement des Bundesrats in dieser schwierigen Wirtschaftslage?
Voser:
In meinen Augen hat die Schweiz die Rezession gut bewältigt. Ich habe anderes gesehen in der Welt. Wir stehen gut da, wenn man bedenkt, dass es sich um die grösste Krise seit den 30er-Jahren handelt. Die Konkurrenzfähigkeit der Schweiz wurde aufrechterhalten. Das muss man anerkennen.

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