Arbeitskultur

Sexismus-Vorwürfe, «elitäre Kultur» und keine Kritikfähigkeit: So erlebte eine Frau die Arbeit bei der Nationalbank

Klima des Sexismus und Lohndiskriminierung? Die Nationalbank steht als Arbeitgeberin in Kritik.

Klima des Sexismus und Lohndiskriminierung? Die Nationalbank steht als Arbeitgeberin in Kritik.

Eine Recherche wirft ein schiefes Licht auf die Arbeitskultur bei der SNB. Ein ehemaliger Notenbanker fordert eine Untersuchung – und eine Zeugin berichtet von schlechter Personalführung und fehlender Kritikfähigkeit.

Eine solche Klatsche hat es für die Schweizerische Nationalbank (SNB) noch nie abgesetzt. Ein langer Bericht des Onlinemagazins «Republik» kommt nach der Befragung von über einem Dutzend weiblicher Zeugen zum Ergebnis: Die über 100-jährige Institution hat eine «kaputte Kultur». Von Lohndiskriminierung, Mobbing und Sexismus ist die Rede und von systematischer Diskriminierung.

Die mit vielen anonymisierten Beispielen untermauerten Vorwürfe beinhalten sogar potentielle Zuwiderhandlungen gegen das Arbeitsgesetz. So berichtet eine Informantin, sie sei an ihrem Bewerbungsgespräch nach ihrer politischen Meinung zur Anlagepolitik der SNB befragt worden. Die Frage nach der politischen Haltung sei «ganz klar unzulässig» gewesen, urteilt der im Artikel zitierte Anwalt und Arbeitsrechtsexperte Martin Farner.

Fragen nach «familiären Verpflichtungen»

In einem anderen Fall sei eine hochkarätige Bewerberin unter ebenfalls unzulässigen Bedingungen nach ihrem aktuellen Lohn befragt worden. In einem dritten Fall sollen die Nationalbank-Chefs den Beteuerungen einer Bewerberin misstraut haben, ein ausgeschriebenes Teilzeitpensum tatsächlich leisten zu können. Statt ihre Bestätigung zum Nennwert zu nehmen sei sie in argwöhnischer Weise auf ihre familiäre Situation befragt worden. Wie viele Kinder haben Sie? Wie sollen Sie das Teilzeitpensum mit ihren familiären Verpflichtungen vereinbaren?

Solche Anwürfe sind dicke Post für eine Institution, die sich nicht zuletzt aufgrund ihrer politischen Sonderstellung keinerlei Fehltritte erlauben darf. Direktionspräsident Thomas Jordan reagierte am Donnerstag auf einer Telefonkonferenz vehement auf Fragen. Man nehme jeden einzelnen Hinweis auf Verfehlungen «sehr ernst», betonte er. Ein gutes Betriebsklima sei «im ureigenen Interesse der Nationalbank». Die Institution wolle die talentiertesten Ökonomen im Land. Diese hätten in den vergangen 13 Jahren seit Ausbruch der Finanzkrise «ausserordentliches geleistet». «Mit Leuten, die sich bei uns nicht wohl fühlen, wäre diese nicht möglich gewesen», sagte Jordan.

«Externe Untersuchung ist einziger Weg»

Die Präsidentin des für die Aufsicht und die Kontrolle des Geschäftsbetriebs zuständigen Bankrates, Barbara Janom Steiner, sagt, das Gremium habe keinerlei Kenntnis von Missständen, wie sie in dem Artikel angesprochen würden. «Unsere Wahrnehmung ist im Gegenteil die eines Unternehmens, in dem ein jederzeit respektvoller Umgang gepflegt wird.» Die Vorwürfe müssten gründlich abgeklärt werden, damit sie aus der Welt geschafft werden könnten. Das Gremium warte die Ergebnisse einer vom Direktorium «umgehend» in Angriff genommenen Untersuchung ab. Dann werde der Bankrat das weitere Vorgehen beraten.

Intime Kenner der Notenbankwelt reiben sich ob der mutmasslichen Vorgänge die Augen. «Ich bin ein langjähriger Bewunderer der SNB und habe von diesen Vorwürfen mit Erstaunen gelesen, sagt der Schwede Stefan Gerlach, der vor seinem Engagement als Chefökonom der Privatbank EFG Vizepräsident der irischen Notenbank (2011 bis 2015) war. «In Anbetracht der Ernsthaftigkeit der Anschuldigungen könnte sich eine externe Untersuchung als einziger Weg erweisen, die Sache zu klären», sagt Gerlach.

Frau kritisiert «elitäre Kultur»

Eine formelle Untersuchung könnte sich aber auch als schwierig erweisen. Was soll ihr Ergebnis sein, wenn keine effektiven Verstösse gegen das Arbeitsrecht festgestellt werden? Diese Zeitung hatte die Gelegenheit, mit einer der Zeuginnen zu reden. Ihr Fall wird als Beispiel einer Lohndiskriminierung dargestellt. Die Informationen seien korrekt wiedergeben und es sei Fakt, dass sie die ihr zustehende Lohnerhöhung, die sie sich mit einer Weiterbildung verdiente, erst mit Verspätung und nach einem Wechsel des Vorgesetzten erhalten habe.

Doch der Fall zeige weniger ein Problem von Geschlechterdiskriminierung als vielmehr ein Problem schlechter Personalführung auf. Die Frau ist heute in der Privatwirtschaft tätig. Sie erlebt dort einen «herzlichen» Umgang mit Kollegen. «Das ist ein grosser Kontrast zu der elitären Kultur bei der SNB, die mindestens bis zu meinem Austritt ausgesprochen schlecht mit Fehlern, aber auch kritischen Rückmeldungen der Angestellten umzugehen wusste».

Autor

Daniel Zulauf

Meistgesehen

Artboard 1