Es ist die Innovationshoffnung bei Roche: Ocrevus. Der Name steht für ein neuartiges Medikament gegen multiple Sklerose. Firmenchef Severin Schwan spricht in jüngster Zeit besonders oft davon. Dann, wenn er etwa vor Investoren erklärt, wie der Pharmakonzern angesichts der abgelaufenen Patente seiner drei grössten Milliarden-Blockbuster die wegfallenden Umsätze künftig kompensieren will.

Ocrevus kann etwas. Das steht ausser Frage. Die Behörden haben das Medikament in den USA und einigen europäischen Ländern – mitunter der Schweiz – bereits zugelassen. Gerade bei einer fortgeschrittenen Form der Erkrankung, für die es bislang keine Arznei gab, bietet Ocrevus die erste zugelassene Therapie. Doch nun stellt sich heraus: Die Arznei gegen multiple Sklerose (MS) ist gar nicht so neu, wie stets angepriesen. Denn sie ist eine verbesserte Umformulierung des altbekannte Wirkstoffes Rituxan – bislang Roches grösster Kassenschlager gegen Krebs, der in den USA und Europa nun aber seinen Patentschutz verloren hat. Ocrevus sei damit «ein fragwürdiger Trick», um das Preismonopol zu halten, berichtet die «Tagesschau» des Ersten Deutschen Fernsehens. Die Zulassung der Arznei führe in Deutschland nun dazu, dass vergleichsweise günstigere Alternativ-Therapien nicht mehr eingesetzt würden. Denn Ärzte seien damit verpflichtet, Ocrevus vorrangig zu verschreiben – eine ungerechtfertigte Kostenbürde fürs Gesundheitssystem, folgert der Sender. Gilt das auch für die Schweiz?

Alt oder neu? Der Wirkstoff Ocrevus ist eine verträglichere Umformulierung des Roche-Krebsmittels Rituxan.

Alt oder neu? Der Wirkstoff Ocrevus ist eine verträglichere Umformulierung des Roche-Krebsmittels Rituxan.

Vergütungsfrage noch offen

Hierzulande ist Ocrevus seit September 2017 von der Arzneimittelbehörde Swissmedic zugelassen. Die Schweiz folgte als erstes Land in Europa dem Zulassungsentscheid der US-Behörde vom letzten April. Damit ist die Arznei für die am häufigsten verbreitete Form von MS sowie die eine Stufe fortgeschrittene Krankheitsform bewilligt. Das zeigt der Blick ins Arzneimittel-Kompendium von Swissmedic.

Unklar ist, für welche Patienten genau die Krankenkassen das Medikament bezahlen werden. Denn zurzeit verhandelt Roche noch mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die Behörde legt fest, zu welchem Preis – und allenfalls mit welchen Einschränkungen – Medikamente in der obligatorischen Krankenkasse vergütet werden. Christian Kamm, Leiter des MS-Zentrums am Kantonsspital Luzern, sagt: «Die Vergütungsfrage ist noch offen. Wir gehen davon aus, dass Ocrevus nur mit gewissen Einschränkungen auf die Spezialitätenlisten kommt.» Das heisst: Die Krankenkassen werden wohl nur bei bestimmten Patienten die Kosten für die neue Therapie übernehmen.

Das hat seinen Grund: Bahnbrechend ist der umformulierte Wirkstoff nicht für alle MS-Patienten. Ocrevus gehöre zu den wirksamsten Medikamenten auf dem Markt, sagt Neurologe Kamm. Es gebe jedoch viele Verlaufsformen von MS, zahlreiche davon seien gutartig oder mild. «Hierfür gibt es anderweitige gute Medikamente. Aus diesem Grund wird Ocrevus dort nur eine Arznei von vielen sein.»

Somit wird Ocrevus anfangs wahrscheinlich eher bei aggressiven Krankheitsverläufen eingesetzt werden. Für diese Patienten gibt es bislang keine offiziell zugelassene Arznei. Ganz so alternativlos wie Roche gerne schildert, ist die Therapie aber bei einigen dieser Patienten nicht: Was als Ocrevus wirkt, funktioniert – wenn auch nicht gleich gut – zum Teil auch in der alten Form des Wirkstoffes Rituxan. Die Vorgänger-Arznei ist offiziell gegen Krebs zugelassen, Ärzte setzen sie aber auch bei schwierigen MS-Patienten ein.

Rituxan hat seinen Patentschutz verloren. In Europa gibt es bereits günstigere Nachahmerprodukte. In Deutschland können Ärzte mit der Zulassung von Ocrevus nun nicht mehr zur günstigeren Mitteln greifen. Zum Vergleich: Rituxan kostet in Deutschland 3000 Euro, Ocrevus 33'000 Euro. In der Schweiz sei dies noch unklar, sagt Neurologe Kamm. Aber: «Da Ocrevus offiziell auch für die fortgeschrittene MS zugelassen sein wird, wird es logischerweise primär verschrieben werden.»

Was ist nun alt und was ist neu?

Das spielt Roche in die Hände. «Wir sind sehr zuversichtlich, dass Ocrevus in wenigen Wochen kassenzulässig sein wird», heisst es bei Roche auf Anfrage. Selbst wenn es vom BAG Einschränkungen geben wird, aus Konzernsicht tut das wenig zur Sache. Roche erzielt in der Schweiz höchstens zwei Prozent seines Umsatzes. Der lukrativste Markt sind die USA. Dort beträgt der Listenpreis für Ocrevus 65'000 Dollar. Die Arznei ist ohne Einschränkungen zugelassen und wird «von den Versicherern sehr gut aufgenommen». Seit der Lancierung im April 2017 hat Ocrevus für das abgeschlossene Geschäftsjahr 2017 schon knapp 900 Franken Umsatz erzielt.

Damit stehen die Zeichen gut, dass Roche mit dem Wirkstoff-Upgrade einen neuen Kassenschlager haben wird. Bricht nun das Preismonopol beim ausgelaufenen Vorgänger Rituxan ein, baut Nachfolger Ocrevus bei MS ein neues auf.

Dabei hatte die Geschichte mit Ocrevus mässig erfolgreich begonnen: Gleich wie Rituxan stammt auch Ocrevus aus dem Labor der US-Firma Biogen. Roche-Tochter Genentech hat die Lizenz am Wirkstoff erworben und ihn durch die Endphase der Forschung gebracht. Doch die erste Hoffnung war nicht MS, sondern die Autoimmunkrankheit Lupus (Sonnenempfindlichkeit). Dort fiel Ocrevus durch.

Rituxan und Ocrevus binden an das gleiche Ziel auf bestimmten Zellen im Körper. Rituxan bestünde zu einem Drittel aus nichtmenschlichen Proteinen, Ocrevus weise rund 90 Prozent menschliche Eiweisse auf, schreibt Roche. Deshalb minimiere Ocrevus das Risiko, dass das Immunsystem mit einer Abwehr reagiere. Das Erfolgsrezept lautet also: Man nehme besser verträgliche Proteine und finde die Erkrankung – gegen die sie wirken.