Darüber, wie der Frankenkurs längerfristig auf einen Brexit reagieren würde, lässt sich nur spekulieren. Und ob die Briten die EU überhaupt verlassen, war gestern Mittag natürlich sowieso noch nicht bekannt. Serge Gaillard, der Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, liess das Thema bei seinem Auftritt vor dem Business Club Mittelland im Rössli in Erlinsbach denn auch links liegen. Die Lage ist schliesslich ohne die Briten schon vertrackt genug.

«Wir haben ein Problem mit unserer Währung», konstatierte Gaillard und illustrierte diesen Befund mit Grafiken und Zahlen. Zum Beispiel diese: Verglichen mit dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre ist die Wertschöpfung in der Schweiz gegenüber Deutschland währungsbedingt 25 Prozent teurer geworden. Zudem sei die Schweiz 2009 abgekehrt von einer «bemerkenswerten Wechselkursstabilität», die zuvor während 30 Jahren geherrscht habe, so Gaillard. «Ich sage das nicht, um zu dramatisieren. Ich sage nur, man darf das nicht unterschätzen.»

Tut er natürlich nicht, und seine Kalkulationen hat die Entwicklung entsprechend beeinflusst: Für dieses Jahr prognostizierte die Finanzverwaltung im Herbst 2014 ein um fünf Prozent zu hohes Bruttoinlandprodukt. Sie musste die Einnahmen deshalb um drei Milliarden Franken herunterkorrigieren.

Das schwächelnde Wirtschaftswachstum ist für Gaillard allerdings nur eines von drei akuten Problemen. Die zwei weiteren sind die starke Zunahme der Asylgesuche und der Verteilkampf um Bundesgelder. Bei den Asylgesuchen hatte der Bund bis im letzten Mai mit jährlich 20 000 bis 25 000 gerechnet. Für dieses Jahr rechnet er mit 45’000, was zur Folge hat, das die Asylausgaben von 1,2 auf 2,4 Milliarden Franken steigen.

Der Verteilungskampf wird derweil in Bundesbern ausgetragen. So hat der Ständerat etwa entschieden, die Mehrwertsteuer für die AHV-Reform weniger stark zu erhöhen und dafür 500 Millionen Franken aus der Bundeskasse zu nehmen. Und auch der Nationalstrassenfonds soll zulasten der Bundeskasse mit einer kleineren Mineralölsteuer-Erhöhung als geplant finanziert werden. Gaillards Fazit: «Wir werden im Herbst mit dem nächsten Sparpaket kommen.»

Und dieses werde «ein bisschen schwieriger» werden als die bisherigen zwei. Eine gute Nachricht gab es für die Teilnehmer des Business-Lunchs trotzdem. «Wir werden dieses Jahr eine schwarze Null schreiben», versprach Gaillard. Und vielleicht bleibt ja auch das prognostizierte Erdbeben an den Devisenmärkten nach der Brexit-Abstimmung aus.