Seit sieben Jahren führt Werner E. Rutsch diese Umfrage durch. Er will damit den Informationsstand der Bevölkerung im Bereich Vorsorge messen. Doch ausgerechnet im Jahr, in dem die Abstimmung über die Altersreform 2020 durchgeführt wird, interessieren sich offenbar noch weniger Menschen als sonst für das Thema. Fast ein Drittel, 32 Prozent, hat kein Interesse daran, im Jahr zuvor waren es noch 22 Prozent gewesen. Die Befragten gaben als Gründe für ihr Desinteresse an, dass sie entweder zu jung seien, keinen Einfluss hätten oder es sie schlichtweg sonst nicht interessiert. Die Studie wurde gestern vorgestellt.

Rutsch, bei der Tochtergesellschaft des französischen Versicherungsunternehmens AXA in der Schweiz für die Betreuung von institutionellen Kunden – etwa Pensionskassen – zuständig, ist von diesem klaren Ergebnis überrascht. Er kann sich der Ausgang der Befragung, der vor allem bei den Jungen und wenig Verdienenden am klarsten ausgefallen ist, nicht wirklich erklären: «Vielleicht gibt es angesichts der aktuellen Debatte ein Überangebot an Informationen, sodass es bei vielen Menschen in der Schweiz zu einem regelrechten ‹Overkill› kommt.»

Über die Konsequenzen dieses Desinteresses für die bevorstehende Abstimmung vom 24. September mag Rutsch nicht spekulieren. Immerhin sind bei der Frage, wie gut der Informationsstand bezüglich des Themas sei, im Vergleich zu den vergangenen Jahren nur wenig Veränderungen zu beobachten. Rund drei Viertel der Befragten halten sich für gut bis sehr gut informiert.

So denken die Schweizer über die zweite Säule

Woher kommt die Rente?

Die repräsentative Umfrage, die zwischen Mai und Juni dieses Jahres im Auftrag von Axa Investment Managers vom Institut gfs Zürich durchgeführt wurde, bringt Weiteres zum Informationsstand zutage, das für Sozialpolitiker, die sich für die Rentenreform einsetzen, kaum erfreulich sein wird: Rund 22 Prozent der Berufstätigen (aktiv Versicherten) geben an, dass sie nicht einmal wissen, bei welcher Pensionskasse sie versichert sind. Auch eine grosse Zahl – rund 15 Prozent – der Pensionierten wissen nicht, von welcher Kasse ihre Rente stammt. Und damit nicht genug: Fast die Hälfte, 47 Prozent, kann nicht angeben, wie viel Pensionskassengelder sie bis heute angespart haben. Auch diese beiden letzten Ergebnisse haben sich im Vergleich zu den Vorjahren «verschlechtert».

Für den Experten Werner E. Rutsch ist deshalb klar, dass nach wie vor ein hoher Informationsbedarf in der Bevölkerung bestehe. «Die meisten Versicherten haben in ihrem Alltag sehr wenig mit ihrer Pensionskasse zu tun. Die Kommunikation beschränkt sich – vor allem in jungen Jahren – darauf, dass sie einmal im Jahr ihren Pensionskassenausweis zugeschickt erhalten.»

In Bezug auf die Altersreform 2020 wurde in der Umfrage gefragt, welche Massnahmen zur Sicherung der Rente die Befragten wählen würden. Hier haben die meisten angegeben, dass sie eher freiwillig mehr sparen würden. Nur ein kleiner Teil würde länger arbeiten wollen oder tiefere Renten in Kauf nehmen.

Derzeit wird nicht nur die Altersreform heiss diskutiert, sondern auch die Reform der Ergänzungsleistungen. Eine starke Zunahme der Auszahlungen in den vergangenen Jahren ergab sich hier dadurch, dass viele Neurentner statt einer Rente eine Kapitalauszahlung verlangt haben. Nachdem das Kapital aufgebraucht war, mussten diese Personen Ergänzungsleistungen beantragen. Diesem Verhalten soll nun in der laufenden Gesetzesrevision der Riegel vorgeschoben werden.

Mehrheit will Kapital beziehen

In der Umfrage zum Wissensstand der Bevölkerung über das Thema Vorsorge sind nun hierzu klare Aussagen gemacht worden, die die Befürworter dieser Reform bestärken: Erstmals seit Beginn der Erhebung möchten weniger als die Hälfte der Befragten, 45 Prozent, eine Rente beziehen. Vor allem jüngere Männer mit tieferen Einkommen sind klar der Meinung, dass ein Kapitalbezug für sie besser sei. «Angesichts der tiefen Zinsen ist das Ergebnis verständlich», sagt dazu Rutsch. Dass aber ausgerechnet Menschen mit tiefen Einkommen eine solche Variante wählen, sei für ihn nicht nachvollziehbar.