Managerinnen

Schweizer Wirtschaft profitiert von Frauenquoten im Ausland

Susanne Ruoff steht der Post seit 2012 vor.

Susanne Ruoff steht der Post seit 2012 vor.

Drei von vier neuen weiblichen Spitzenmangerinnen in der Schweiz stammen aus dem Ausland. Die Schweiz scheint von der fortschrittlicheren Frauenpolitik anderer Länder zu profitieren.

«Freiwillige Massnahmen statt Quoten». Für Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt ist die von Bundesrätin Simonetta Sommaruga angeregte Einführung einer Frauenquote für die Besetzung der Führungsetagen in Schweizer Unternehmen ein ordnungspolitischer Sündenfall. Dass es auch ohne Zwang geht, beweist nach Auffassung Vogts der aktuelle Schillingreport. Von den 129 Managern, die 2016 neu in die Geschäftsleitungen der 100 grössten Unternehmen aufgestiegen sind, ist jede fünfte eine Frau. «Ein schöner Rekord», freut sich Managementberater Guido Schilling, der die statistische Auswertung seit zwölf Jahren mit seiner gleichnamigen Zürcher Firma vornimmt.

Europa ist fortschrittlicher

In der Tat: Der Frauenanteil unter den neuen operativen Spitzenführungskräften in der Schweizer Wirtschaft nimmt sich in Schillings Zeitreihe wie ein statistischer Ausreisser aus. In der Vergangenheit betrug die Anzahl weiblicher Neuzugänge weniger als 10 Prozent pro Jahr. Dank dem jüngsten Schub hat sich der Anteil der Frauen in den Geschäftsleitungen der 100 grössten Schweizer Firmen auf acht Prozent erhöht.

Während der vergangenen fünf Jahre bewegte er sich bei 6 Prozent – einem rekordverdächtigen Negativwert im Vergleich mit anderen Industrieländern. Im öffentlichen Sektor stellen Frauen immerhin 14 Prozent aller Führungskräfte dar. Mit Akteurinnen wie Susanne Ruoff, seit 2012 Konzernleiterin der Post, spielen Frauen dort häufiger als im Privatsektor die erste Geige. Doch selbst das ist noch nicht genug, gemessen am Vorschlag des Bundesrates. Er möchte, dass 20 Prozent der operativen Führungskräfte in den grossen Firmen Frauen sind, in den Verwaltungsräten 30 Prozent.

So erfreulich die jüngste Entwicklung der Schweizer Statistik aus Sicht der Frauen aussehen mag. Sie ist mit Vorsicht zu geniessen. Von den 27 neuen Hauptakteurinnen in den Geschäftsleitungen stammen 20 aus dem Ausland. Die Schweiz scheint von der fortschrittlicheren Frauenpolitik anderer Länder und damit von Frauenquoten im Ausland zu profitieren. Schilling mochte diese Feststellung gestern anlässlich der Präsentation seiner Statistik in Zürich zwar nicht so direkt unterstützen, aber immerhin räumte er ein, es käme der hiesigen Wirtschaft zunutze, dass weibliche Karrieren andernorts immer noch viel selbstverständlicher seien.

Frauenanteile in den Verwaltungsräten

Frauenanteile in den Verwaltungsräten

Ohne Quote und Zwang?

Offensichtlich wird der Unterschied zu anderen Ländern bei den Verwaltungsräten. In der Schweiz sind 17 Prozent der Mitglieder in den Aufsichtsgremien weiblich. Nur Griechenland fällt demgegenüber in Europa noch ab (9 Prozent). Länder, in denen Frauenquoten bereits wirken, haben höhere Werte. Das gilt besonders für Norwegen und Frankreich, aber auch Italien, Deutschland, Belgien und die Niederlande.

In Schweden, Finnland und Dänemark, wo die Berufstätigkeit der Frauen seit langer Zeit normal ist, liegen die Anteile ohne Frauenquoten weit über oder nahe bei 30 Prozent. Als «enttäuschend» wertet Schilling den Umstand, dass der Frauenanteil der neuen Verwaltungsräte in der Schweiz 2016 auf 21 Prozent sank (Vorjahr 23 Prozent). Trotzdem zeigt sich der Berater überzeugt, dass die Schweiz im 51. Jahr nach der Einführung des Frauenstimmrechtes (2022) die von Sommaruga geforderten 30 Prozent auch ohne Quote erreichen kann.

Schilling verweist auf die Nachwuchsplanung, mit der der Frauenanteil in mittleren Führungspositionen zugenommen hat und eine Basis für den Nachwuchs in den Top-Etagen entstehen liess. Man kann sich indessen fragen, wieso die Schweizer Wirtschaft das weibliche Führungspotenzial so spät gefördert hat. Vielleicht war der Managerimport bislang einfacher und billiger. Zwei von drei neu angestellten Geschäftsleitungsmitgliedern stammten 2016 aus dem Ausland. Der Ausländeranteil beträgt 45 Prozent. Auch das sind Rekorde, die sich mit Blick auf die sich ändernden politischen Rahmenbedingungen künftig aber vielleicht nicht mehr so leicht brechen lassen.

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