Telekommunikation

Schweizer Telekom-Branche am Scheideweg

Handy-Nutzern drohen höhere Kosten - wegen des Staats. Foto: Keystone

Handy-Nutzern drohen höhere Kosten - wegen des Staats. Foto: Keystone

2010 war ein turbulentes Jahr für die Schweizer IT-Branche. Doch 2011 wird nicht ruhiger: Ob Glasfaserausbau, Mobilfunk-Auktion oder Flatrate – 2011 ist ein Jahr wichtiger Entscheide.

Die geplatzte Übernahme von Sunrise durch Orange, die Geldwäscherei-Vorwürfe gegen die italienische Swisscom-Tochter Fastweb oder der umstrittene Bundesratsbericht zum Telekommarkt. 2010 war ein turbulentes Jahr. Doch 2011 wird die Branche kaum zur Ruhe kommen. Bei wichtigen Themen werden die Weichen für die Zukunft gestellt.

Mobilfunk-Auktion Im Mai und Juni wird das Bundesamt für Kommunikation, Bakom, sämtliche Mobilfunk-Frequenzen neu vergeben. Die Auktion steht sowohl den bisherigen Konzessionären als auch neuen Anbietern offen. In der Branche geht allerdings niemand davon aus, dass sich ein grosser, ausländischer Anbieter auf den gesättigten Schweizer Markt begibt. Das blamable Gastspiel der spanischen Telefónica, deren UMTS-Lizenz der Regulator schliesslich wieder einzog, ist noch in unguter Erinnerung. Auch eine gemeinsame Lizenznahme von Sunrise und Orange scheint vom Tisch.

Keine öffentlichen Stellungnahmen

Zwar verbietet das Auktionsverfahren wegen Kollusionsgefahr öffentliche Stellungnahmen der Interessenten. Hinter vorgehaltener Hand wird jedoch Kritik laut am Auktionsdesign, insbesondere für die unteren Frequenzbänder. Dieser langwellige Bereich verspricht hohe Reichweite bei geringen Ausbaukosten und eignet sich damit bestens für den raschen Aufbau des breitbandigen Mobilfunknetzes LTE. Für jene unteren Frequenzbänder hat der Regulator den vom Bundesrat angesetzten Mindestpreis indes um das Dreifache angehoben. Auch im internationalen Vergleich ist das behördliche Startgebot nun als happig zu bezeichnen.

Für die Konsumenten verspricht das Vorgehen der Kommunikationsbehörde Comcom nichts Gutes. Denn LTE soll ja dereinst in den Randregionen als Ersatztechnologie dienen für die schnelle Glasfaser, welche sich dort nie und nimmer rechnen würde. Verteuert die Comcom nun aber die Auktion künstlich, werden sich die Telekom-Unternehmen hüten, LTE innert nützlicher Frist auf der grünen Wiese auszurollen. Sie werden sich auf die städtischen Hotspots beschränken. In Deutschland beispielsweise hat der Regulator die Konzessionäre deshalb dazu verpflichtet, zunächst Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern mit Breitband-Mobilfunk zu versorgen, und zwar nach einem strengen Zeitplan.

Glasfaserausbau der Swisscom

Die Swisscom macht derzeit Nägel mit Köpfen und schliesst in den Städten mit einer Reihe von lokalen Energieversorgern Kooperationsverträge zum Glasfaserausbau ab. Dem Blauen Riesen kann es dabei nicht schnell genug gehen. Denn Internet über Kupferleitungen wird in den nächsten Jahren – im Vergleich zum Kabelnetz – nicht mehr schnell genug sein. Es droht der Verlust von Marktanteilen.

Weil das heutige Fernmeldegesetz nicht technologieneutral formuliert ist und nur für Kupferleitung gilt, sind dem Regulator auf der Glasfaser bislang die Hände gebunden. Die Comcom hat deshalb einen runden Tisch ins Leben gerufen, um die Branche zu gemeinsamen Lösungen zu bewegen. Das ging bei der Definition technischer Standards gut, aber der wirkliche Knackpunkt steht noch aus: Zu welchem Preis lassen die Swisscom und die Elektrizitätswerke Diensteanbieter wie Sunrise dereinst auf ihre Glasfasern? Sollte hier im nächsten Jahr keine gütliche Einigung erzielt werden, dürfte sich der Ruf nach Regulierung nochmals verstärken. Zumal das Glasfasernetz der Städte bei Interessenvertretern auf dem Land die Befürchtung weckt, die Randregionen könnten technologisch ins Hintertreffen geraten. Das birgt politischen Sprengstoff.

Rolle der Elektrizitätswerke gibt zu Reden

Auch die Rolle der Elektrizitätswerke beim Glasfaserausbau dürfte weiter zu Reden geben: Da werde mit Geldern der öffentlichen Hand in den Markt eingegriffen, moniert der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. «Quersubventionen aus Monopolerträgen sind in Wettbewerbsbereichen nicht zulässig.» Die Energieversorger müssten hier Transparenz schaffen. Weiter steht die Befürchtung im Raum, dass die Swisscom sich von den EWs die teure Infrastruktur mitfinanzieren lässt, ohne dass sich das Investment für die Energieversorger jemals rechnet.

Auch der Bundesratsbericht zum Telekommarkt hält fest, dass auf der Glasfaser wohl «punktuell Marktdominanz» entstehen wird, «die einer Regulierung bedarf». Doch konsequenterweise das Fernmeldegesetz in Teilen zu revidieren, lehnt die Landesregierung dann trotzdem ab.

Flatrate Die «All you can eat»-Tarife im Mobilfunk könnten wohl bald der Vergangenheit angehören. Denn der Datenverkehr explodiert. Dies erfordert milliardenschwere Investitionen in den Netzausbau. Gleichzeitig nimmt der Umsatz pro Dateneinheit ab. Die Telekom-Branche ist gefordert und wird an den Tarifmodellen schrauben müssen, spätestens beim Wechsel zum mobilen Breitbandstandard LTE. Die Telekom-Anbieter werden dann wohl dazu übergehen, entweder die Geschwindigkeit oder das Datenvolumen zu begrenzen, je nachdem, wie viel der Kunde zu zahlen bereit ist. Eine rein volumenbasierte Abrechnung wird dagegen wohl kaum eine Chance haben. Swisscom wird LTE voraussichtlich Ende nächsten Jahres lancieren. Orange und Sunrise werden 2012 nachziehen.

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