Überlebenskampf

Schweizer Seen zu sauber: Fischer fangen immer weniger

Zürichsee: Hier geht es den Fischern etwas besser als den Berufskollegen vom Walensee, Vierwaldstättersee oder Bodensee. KEY

Zürichsee: Hier geht es den Fischern etwas besser als den Berufskollegen vom Walensee, Vierwaldstättersee oder Bodensee. KEY

Strenge Gesetze und zahlreiche Kläranlagen halten die Gewässer in der Schweiz sauber – zu sauber. Fische findenimmer weniger Nährstoffe. Die Folge: Es gibt immer weniger Berufsfischer. Doch der Kampf für schmutzigere Seen ist nicht einfach.

«I wär scho ging gärn e Fischer gsi
alleini duss i däm Boot
hätt I e Mordshecht a dr Angle
mir wär’s so läng wie breit
öb I ne usezieh
oder är mi dry»

So idyllisch, wie von der Berner Mundart-Band Patent Ochsner besungen, ist das Leben als Fischer schon lange nicht mehr – zumindest nicht als Berufsfischer in der Schweiz. Gestern hat die Internationale Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei bekannt gegeben, dass 2013 im Bodensee so wenig Fische gefangen wurden wie seit 60 Jahren nicht mehr. Die Existenz vieler Berufsfischer ist bedroht.

Der Bodensee ist kein Einzelfall. Auch die Berufsfischer anderer Schweizer Seen haben mit rückläufigen Fangzahlen zu kämpfen: «Das Problem ist, dass unsere Seen zu sauber sind», sagt Silvano Solcà, Präsident des Schweizerischen Berufsfischerverbands.

Unverzichtbare Nebeneinkünfte

Die Fischer leiden darunter, dass die Massnahmen zum Gewässerschutz in den 1970er- und 1980er-Jahren so erfolgreich waren. Ein Phosphatverbot in Textilwaschmitteln und der Bau zahlreicher Kläranlagen hat dazu geführt, dass der Phosphorgehalt in Schweizer Seen stark zurückgegangen ist – zu stark, meint Solcà: «In einigen Seen ist die Phosphorkonzentration so tief, dass die Fische kaum noch Nährstoffe finden.» Das führe dazu, dass die Fische langsamer wachsen und nicht mehr so gross würden.

Am stärksten leiden die Fischer am Brienzersee unter der Sauberkeit. Solcà: «Dort ist das Wasser so klar, dass es fast keine Berufsfischer mehr gibt.» Ebenfalls sehr schwierig sei die Situation am Walensee, Vierwaldstättersee und Bodensee. Mittelprächtig gehe es den Berufsfischern des Bieler- und Neuenburgersees. Und am besten hätten es die Fischer am Genfer-, Sempacher- und Zürichsee.

Dass es schwierig geworden ist, in der Schweiz von der Fischerei zu leben, bestätigt auch eine Pilotstudie von Agridea. Die Schweizerische Vereinigung zur Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums hat 2010 im Auftrag des Bundesamts für Umwelt die Wirtschaftlichkeit der Fischerei am Bodensee untersucht. Das Fazit: «Das Einkommen aus der Fischerei reicht bei keinem der sechs Pilotbetriebe zur Bedarfsdeckung aus – das Überleben der reinen Fischereibetriebe ist unter den aktuellen Voraussetzungen nicht gesichert.» Nur dank beträchtlichen fischereiunabhängigen Nebeneinkünften sowie Liegenschafts- und Kapitalerträgen sei ein Überleben möglich.

Keine Lobby in der Politik

Angesichts dieser Feststellung erstaunt es wenig, dass sich die Anzahl Berufsfischer in den vergangenen dreissig Jahren beinahe halbiert hat: 1980 verdienten hierzulande noch 425 Leute mehr als 30 Prozent ihres Lebensunterhalts mit der Fischerei, 2012 waren es nur noch 246.

Ein Ende dieses Trends ist nicht absehbar: «Kurzfristig können wir nicht viel machen. Der Phosphorgehalt der Seen steigt nicht von heute auf morgen», sagt Solcà vom Berufsfischerverband. Langfristig hoffen die Fischer aber darauf, ihre Situation zu verbessern, indem den Gewässern künstlich eine bestimmte Menge Phosphor zugeführt wird.

Eine entsprechende Motion für ein «Phosphatmanagement» des Brienzersees war 2011 aber chancenlos. «Eine künstliche Zugabe von Phosphor würde falsche Signale setzen, die bisherigen Investitionen für den Gewässerschutz infrage stellen und der Zielsetzung der Umweltschutzgesetzgebung widersprechen», schrieb der Bundesrat in seiner Stellungnahme.

Der Kampf für etwas schmutzigere Seen wird nicht einfach. «Die Leute sehen unser Problem zu wenig», so Solcà. Er hat die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben und gibt einen interessanten Denkanstoss: «In den 1920er- und 30er-Jahren befanden sich mehr Fische in unseren Seen – obwohl diese nicht verschmutzt waren. Es wäre deshalb spannend zu wissen, wie viele Nährstoffe ursprünglich in die Seen flossen – auf natürliche Weise, ohne die strikten Regulierungen.» Biologen und Experten versuchen, das herauszufinden.

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