Herr Blankart, Sie haben 1998 – noch vor Einführung des Euro – zusammen mit rund 150 weiteren Ökonomen einen Aufruf unterzeichnet und gewarnt «Der Euro kommt zu früh». Heute können Sie sich selbst auf die Schulter klopfen: Sie haben es ja immer gesagt!

Charles Blankart: Damals habe ich gedacht: Das bestehende Europäische Währungssystem EWS funktioniert doch. Warum soll man etwas ändern, das sich bewährt hat? Aber Frankreich wollte unbedingt eine Währungsunion, nicht zuletzt, weil es die Deutsche Bundesbank, die ihm Disziplin abverlangte, eliminieren wollte. Es gab eigentlich keine ökonomischen Gründe für eine Währungsunion, es waren politische Gründe. Und nun fühle ich mich, leider, muss ich sagen, bestätigt.

Was denken Sie angesichts dieses Hickhacks in Brüssel?

Ich habe langsam Zweifel, dass die griechische Regierung ihr Land wirklich voranbringen will. Wer bei Verstand ist, kann den Karren doch nicht derart in den Dreck fahren. Oder doch?

Ihrer Ansicht nach wäre der Grexit das einzig Richtige für Griechenland, um wieder auf die Beine zu kommen.

Ja, aber es ist schlimm genug, dass es so weit kommen musste.

Ihrer Ansicht nach wäre der Grexit das einzig Richtige.

Das ist meines Erachtens die einzig vernünftige Lösung. Eine «Neue Drachme» erlaubte es Griechenland, gegenüber dem Euro abzuwerten. Das schränkt die Konsumlust zunächst stark ein, weil Importgüter in Euro bezahlt werden müssen und sich für Griechenland stark verteuern. Stattdessen würde die Nachfrage nach griechischen Produkten steigen, was wiederum die heimische Wirtschaft in Schwung brächte. Es wäre ein Austritt auf Zeit. Also so lange, bis Griechenland tatsächlich wettbewerbsfähig ist. Dann könnte es dem Euro erneut beitreten.

Das will der griechische Premier Alexis Tsipras aber vermeiden.

Natürlich. Und sein grösster Trumpf ist, dass die Gläubiger Griechenland nicht aus dem Euro werfen können. Das ist die Drohung, mit der die griechische Regierung seit Monaten in die Verhandlungen geht. Es gibt keinen Automatismus in den Verträgen der Währungsunion, dass ein Land, das die Regeln verletzt, rausfliegt so wie es beim Europäischen Währungssystem EWS üblich war. Die Briten und auch die Italiener sind vorübergehend aus dem EWS ausgetreten.

Charles Blankart

Charles Blankart

Wird es am Wochenende zu einer Einigung kommen?

Es wird höchstens entschieden, dass es wieder einen neuen Termin gibt. Und es werden weitere Anstrengungen unternommen, um einen Weg zu finden, wie man Griechenland am besten unter die Arme greift. Die Griechen möchten gerne das Geld des ESM anzapfen. Doch hierfür müssen die Voraussetzungen erfüllt sein: Die Finanzstabilität des Euro müsste in Gefahr sein und die Verschuldung Griechenlands tragfähig. Beides ist nicht der Fall. Eine Entscheidung gegen Griechenland wird ferner nicht fallen, weil und solange Deutschland und Frankreich Griechenland retten wollen – koste es, was es wolle. In der Euro-Gruppe braucht es vier Länder, um eine Sperrminorität zu bilden. Ich zweifle aber, dass diese wirklich zustande kommt.

Damit würden Griechenlands Schulden erneut von der Gemeinschaft garantiert.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat vor kurzem interessanterweise wieder daran erinnert, dass ein Schuldenschnitt einem Bailout, also einer Vergemeinschaftung der Schulden, gleichkäme. So ein Bailout ist aber nach Artikel 125 des Lissabon-Vertrags verboten. Was machen die Euro-Länder also, um die No-Bailout-Klausel zu umgehen? Sie vergeben Kredite zu Niedrigzinsen und mit faktisch unbegrenzten Laufzeiten. Das ist eigentlich nichts anderes als ein informeller Schuldenschnitt und damit eine Verletzung der Regeln.

Wie lange kann das noch gut gehen?

Die EU als Wirtschaftsunion war einmal eine Gruppe guter Freunde mit getrennten Kassen, und umgekehrt waren sie gute Freunde, weil sie getrennte Kassen hatten. In der Währungsunion sollte das so bleiben. Keiner sollte für den Haushalt des anderen verantwortlich sein. Dann aber wurde mit der Abschaffung der sogenannten «No-Bailout-Klausel» eine gemeinsame Haushaltsverantwortung eingeführt. Jeder wurde für des Freundes Finanzen verantwortlich und musste für dessen Defizite geradestehen. Aus der Währungsunion wurde eine Transferunion. Aus guten Freunden und getrennter Kasse wurden schlechte Freunde bei gemeinsamer Kasse.

Wäre ein Auseinanderfallen der Eurozone eine Katastrophe?

Die Eurozone hat keinen Wert an sich, auch wenn Politiker uns das immer wieder Glauben machen wollen. Wenn die Eurozone mehr kostet, als sie wert ist, muss man sie nicht retten.

Jetzt haben sich die meisten an den Euro gewöhnt.

Der Euro ist gut, solange er sich finanziell trägt. Subventionen zeigen an, dass die Kosten den Nutzen überwiegen und seine Reform oder Abschaffung erforderlich ist.

Die Austeritätspolitik, wie sie in Griechenland angewendet wurde, war ein Fehler?

Aus griechischer Sicht ist doch das Wichtigste, die eigene Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen und die Wirtschaft wieder flott zu kriegen. Das geht über zwei Mechanismen: die interne oder die externe Abwertung der Währung. Bei einem festen Wechselkursregime respektive einer Einheitswährung fällt die externe Abwertung weg. Also muss Griechenland intern abwerten, sprich: Die Löhne und die Preise für die eigenen Produkte und Dienstleistungen senken. Das nennt man Austeritätspolitik. Das haben die baltischen Staaten ebenso gemacht wie Irland, Spanien und Portugal. Und siehe da: Deren Wirtschaft kam in Schwung. Die Griechen lehnen die externe Abwertung ab. Sie wollen im Euro bleiben, lehnen aber auch die interne Abwertung ab. Da sollten die anderen Regierungen sagen: «Entweder-oder». Indem sie lavieren, machen sie den Griechen Hoffnungen, alles könne so weitergehen.

Die Schweiz ist direkt betroffen von den Vorgängen in Europa. Stichworte: Aufwertungsdruck und Negativzinsen.

Je mehr Euro die EZB druckt, desto mehr fluten diese auf den Schweizer Kapitalmarkt. Der grösste Teil davon wird in den Dollar-Raum re-exportiert, unterliegt aber dort oft einem höheren Risiko. Was ist zu tun? Es könnte beispielsweise die Schweizer Schuldenbremse gelockert werden. Dann gäbe es wieder sichere Anlagemöglichkeiten im Inland. Das ist insbesondere angezeigt, weil der Zinssatz für «Eidgenossen» schon länger unter der Wachstumsrate des BIP liegt, eine Verschuldung also dem Staat Geld einbrächte. Allerdings ist das eine schwierige Entscheidung.

War die Aufhebung des Mindestkurses ein Fehler?

Nein, denn der eigentliche Fehler war schon viel früher passiert: Die SNB hätte den Franken besser an einen Währungskorb, also an den Euro und beispielsweise an den Dollar, gekoppelt. Das hätte ihr am Devisenmarkt mehr Spielraum verschafft. Viele Schweizer Exporte gehen inzwischen in den Dollar-Raum. Und so wäre die Schweiz nicht allein abhängig gewesen von der Währungspolitik in Euroland.

Wie sähe für Sie eine ideale Währungsunion aus?

Eine Währungsunion lässt sich nicht auf der Landkarte entwerfen. Sie muss schrittweise entstehen und bestehen, solange es Interessenten gibt, die die gleichen Regeln befolgen. Es muss automatische Austrittsregeln geben. Das war auch die Logik des Europäischen Währungssystems EWS, des Vorgängers des Euro, das ohne Not aufgehoben worden ist. Selbstverständlich ist jede Regierung für ihre Finanzen selbst verantwortlich. Es gilt das Prinzip von guten Freunden mit getrennten Kassen. Kommt eine Währungsunion nicht von selbst zustande, so ist das ein Zeichen, dass sie sich für die gedachten Staaten nicht lohnt.