Spreitenbach statt Disentis. Hier das Mittelland in Reinkultur – Agglo, Einkaufszentren, KMU-Industriebauten. Dort ein malerisches Bündner Bergdorf, scheinbar direkt aus dem Klischeekatalog. In Spreitenbach ist die Zukunft der Schweizer Luxusskimarke Zai. In Disentis bleibt die Geschichte.

Gegründet 2003 und stark geprägt von der Person des Skidesigners Simon Jacomet, bedient die Skimarke mit ihren Produkten stets eine Kundschaft, die bereit ist, viel Geld für ein Paar Ski auszugeben: zwischen 1700 und 10'000 Franken. Momentan bezieht Zai einen Showroom in Spreitenbachs Industriegebiet. Weit weg vom Bündnerland. Weit weg von seinem Ursprung. Weit weg von Simon Jacomet, der bereits eine neue Ski-Marke lanciert hat.

Es soll ein Neustart werden für Zai. Eine Firma, die seit Jahren rote Zahlen schreibt. Zu hoch sind die Fixkosten für die Produktion. Das wollen die Investoren ändern. Benedikt Germanier, seit 2009 Chef von Zai, soll die Firma retten. Eine Million Franken im Jahr weniger Geld auszugeben, sei die Vorgabe, sagt Germanier. Und das bei einem Umsatz von 2,5 bis 2,8 Millionen Franken im Jahr. «Klar wollen wir einen tollen Brand schaffen. Der muss sich aber auch selbst tragen. Sonst ist es nur ein Hobby», sagt der 51-Jährige.

Und danach: Zügeln

Germanier, kurz geschorene Haare, eng anliegender Pullover der Marke Zai, mächtige Adern auf den durchtrainierten Armen, hatte mal ein anderes Leben. Weit entfernt von der KMU-Realität, in der er heute gelandet ist. Er war Chef Research Zinsen und Währungen für die UBS in New York und Stamford. Während die Weltwirtschaft 2008 bröckelte, war er als Währungsexperte ein gefragter Mann in den amerikanischen TV-Shows mit den endlosen Einspielern und den ständigen Breaking-NewsMeldungen.

Die Räume in Spreitenbach sind noch leer. Einzig eine kleine Lounge steht in einem grossen Raum, daneben stehen sieben paar Ski und eine Schaufensterpuppe; angezogen mit einem 5400 Franken teuren Skianzug. «Sehr viele erfolgreiche Kollegen aus der Bank hätten keine Lust, nachher den Zügelmännern zu sagen, wo alles hinkommt und zu helfen. Das braucht es aber auch», sagt Germanier.

Germanier sagt, dass er gerne Risiken nehme. «Mein Vater hat mir gesagt: Beim Staat hast du einen sicheren Beruf. Wir wissen aber, dass es eh anders kommt», sagt Germanier. Für ihn sei es unbefriedigend gewesen, mit dem bisherigen Geschäftsmodell in Disentis zu scheitern. «Als wir damals bei der UBS vor dem Untergang standen, musste es auch weitergehen. Lieber riskiere ich etwas, als stehenzubleiben.»

Die Materialien für die Produktion der Ski und die Maschinen werden in Spreitenbach im Moment zwischengelagert. Denn: Im Aargau soll nur der Showroom zu stehen kommen. Unteranderem wegen der Nähe zum Flughafen und zum Partner ETH. Produzieren will Germanier irgendwo im Bergell. Noch ist nicht klar, wo.

Sicher ist aber: Germanier will weiter in der Schweiz produzieren, in einem Joint Venture mit dem italienischen Hersteller Blossom. Darum auch im Bergell. Nur gerade ein paar Kilometer hinter der Schweizer Grenze in Chiavenna steht die Fabrik von Blossom. «Wir wollen Fixkosten sparen und trotzdem selber produzieren. Da gibt es im Grunde genommen nur eine Möglichkeit: Man geht mit anderen zusammen und verteilt die Produktionskosten auf mehr Schultern.»

Medwedew fährt Zai

Zai-Ski sind teuer und exklusiv. Madonna, Antonio Banderas, Dimitri Medwedew fahren sie. Aber nicht nur Promis lassen sich die Fahrt mit den Luxusski einiges kosten. «Ich finde die Biobäuerin genauso cool, die unsere Ski fährt», sagt Germanier. Luxus meine bei Zai nicht, dass Edelsteine auf die Ski geklebt werden. «Wenns was für die Performance bringen würde, würden wir es machen. Aber das tut es nicht.» Mit dem Wechsel ins Unterland gibt es auch einen in der Ausrichtung. Mit dem Weggang von Simon Jacomet verändert sich der Designaspekt. «Wir möchten nun noch mehr den Fokus auf die Materialisierung legen», sagt Germanier. In welche Richtung das Design gehen wird, ist noch nicht klar.

Neben den Räumlichkeiten von Zai befindet sich der grösste 3D-Drucker im deutschsprachigen Raum. Ein weiterer Grund für den Wechsel ins Unterland, erklärt Benedikt Germanier. Doch was soll ein 3D-Drucker bringen bei der heute üblichen Sandwichkonstruktion eines Skis – einer Konstruktion, bei der ein Kern mit weiteren Materialien verpresst wird? «Ich kann mir heute nicht vorstellen, wie man einen Ski drucken kann. Warum ich trotzdem nahe bei der 3D-Technologie sein will: Weil eine Zeit kommen wird, in der wir die Statik eines Skis noch besser verstehen werden.» Dann könnte man mit einem Carbondrucker bereits gute Produkte drucken. «Statt vom Wandel erfasst zu werden, möchte ich nahe dran sein.»

Dereinst würden vielleicht Komponenten für die Ski in Spreitenbach gedruckt und im Bergell eingebaut. «Eventuell steht im Bergell einmal nur noch ein Drucker, ich weiss es nicht». Neben der Standortfrage ein weiterer Aspekt, der bei Zai nicht geklärt ist.