Euro-Krise

Schweizer Kunden rennen deutschen Shopping-Centern die Bude ein

Der serbelnde Euro lässt die Schweizer Konsumenten nach Deutschland in die Shopping-Center pilgern. Mit gutem Grund: Die Deutschen Detailhändler sind nicht nur günstiger, sondern locken die Schweizer mit hohen Serviceleistungen über den Rhein.

Der Euro serbelt vor sich hin und verwandelt den Schweizer Franken zum steinharten Zahlungsmittel. Davon profitieren könnten auf den ersten Blick die Schweizer Konsumenten. Doch dieser Schein trügt. Obwohl der hiesige Detailhandel dank der krisengeschüttelten Einheitswährung Produkte günstiger in die Schweiz importieren kann, lassen die Grossverteiler wie Migros und Coop die Konsumenten nicht immer am Währungsvorteil teilhaben.

Mehrwertsteuer bekommen Schweizer zurück

Die Folge: Herr und Frau Schweizer pilgern in Scharen ins grenznahe Ausland, um sich dort mit günstigen Gütern einzudecken. Das bestätigt auch Thomas Haug, Geschäftsführer des Kaufhauses May bei Waldshut-Tiengen: «Der Umsatzanteil der Schweizer Kunden an unserem Standort beträgt im ersten Halbjahr neun Prozent von unserem Gesamtumsatz», sagt Haug.

Haug gewinnt diese Erkenntnis aus den Einlösungen der Mehrwertsteuerrückerstattungsbelegen. Deutschland erhebt beim Kauf von Konsumgütern eine Mehrwertsteuer von 19 Prozent. Einkaufstouristen aus der Schweiz können diese Steuer an der Grenze mittels Formular zurückverlangen. Die Schweizer würden einerseits im Shopping-Center Konsumgüter des täglichen Bedarfs einkaufen. «Andererseits profitiert der Möbelmarkt wohl extrem», sagt Haug.

Zollformalitäten und Montage umsonst

In der Tat: Das Möbelhaus Dogern - nahe der Grenze - kann sich vor Schweizer Kundschaft kaum retten. In den letzten Monaten hätten sich die Umsatzzahlen um elf Prozent erhöht. 50 Prozent des generierten Gesamtvolumens stamme aus der Schweiz. «Wir haben nun endlich auch umsatzmässig den geographischen Anteil an Schweizer Kunden in unserem Einzugsgebiet erreicht», sagt Ernst.

Neben dem schwachen Euro prosperiert das Möbelhaus auch deshalb, weil es die Kunden mit einem attraktiven Angebot über den Rhein lockt. «Die Möbel und Küchen werden von uns im Normalfall kostenfrei geliefert und montiert», sagt Ernst. Bei diesem Angebot sei der Liefer- und Montage-Service wie auch die Übernahme aller Zollformalitäten inbegriffen.

90 Minuten Autofahrt lohnt sich

Wie beim Möbelhaus Dogern rennen die Schweizer dem Kaufhaus Lago bei Konstanz die Türen ein. «35 Prozent unserer Kundschaft kommt aus der Schweiz», sagt Manager Peter Hermann. Der Grund: «Der Preisvorteil für Schweizer beträgt bis zu 40 Prozent», so Hermann. Deshalb nähmen die Eidgenossen einen Anfahrtsweg von bis zu 90 Minuten in Kauf. Die Gäste würden dabei Kleider, Schuhe, Textilien, Schmuck, Dekorationsmaterial und auch unverderbliche Lebensmittel in ihren Einkaufswagen legen.

Hermann weiss, dass ihm die Euro-Krise in die Hände spielt. Das Lago-Center werde aber auch davon begünstigt, dass die gesamte Bodensee-Region bei den Schweizern als Ausflugsort beliebt sei. «Wir wissen, dass 70 Prozent unserer Schweizer Kundschaft auch in der Innenstadt von Konstanz shoppen», sagt Hermann.

Hermann: Deutsche fliegen von Zürich in den Urlaub

Im Zuge des Einkaufstourismus wird das Vorgehen der Schweizer Konsumenten kritisiert. Den Grossverteilern Migros und Coop entgeht durch die abwandernden Konsumenten ausbleibender Umsatz von zwei Milliarden Franken pro Jahr. Somit gefährde der Einkaufstourismus laut Schweizer Detailhändlern Arbeitsplätze in der Schweiz.

Diesen Tadel kann Peter Hermann vom Lago-Center nicht nachvollziehen. «Die Konsumgesellschaft funktioniert beidseitig. Deutsche Touristen fliegen vom Flughafen Zürich-Kloten in den Urlaub. Darauf erhebt die Schweiz Steuern und Gebühren». Niemand würde in Deutschland verlangen, nur noch von Stuttgart aus in den Urlaub zu fliegen. «Darüber hinaus müssen Familien mit beschränkten finanziellen Ressourcen auskommen. Wenn die Eltern von Kindern den Monat nur deshalb überstehen, weil sie in Deutschland einkaufen, müssen wir das akzeptieren», sagt Hermann.

Deutscher Detailhandel zahlt gerechte Löhne

Diese Auffassung teilt auch Jens Ernst vom Möbelhaus Dogern und weist zugleich den Vorwurf, «Dumpinglöhne» und ungenügende Sozialleistungen auszuzahlen, von sich. «Um die Abwanderung von qualifizierten Mitarbeitern in die Schweiz zu verhindern - wie es im Gesundheitswesen aufgrund öffentlich rechtlicher Einheitslöhne der Fall ist - bezahlen wir für Schreiner und andere Fachkräfte mit die höchsten Löhne in Deutschland. Anders als in der Schweiz tragen die deutschen Unternehmer noch zusätzlich 25 Prozent Lohnnebenkosten, gewähren mehr Urlaub und bezahlen mehr Feiertagsausgleich als in der Schweiz».

Überdies sei sein Unternehmen für die Personalarbeit ausgezeichnet. Die Prüfung nahm laut Ernst die Universität St. Gallen durch. Auch Peter Hermann vom Center Lago kann über diese Unterstellung nur den Kopf schütteln. «Das Kaufhaus Lago bezahlt seinen Mitarbeitenden Tariflöhne. Zudem verfügen die Mitarbeiter über eine Kranken-, Renten und Pflegeversicherung». Hermann räumt zwar ein, dass die Lohnstruktur in Deutschland tiefer sei. Das gelte allerdings auch für die Lebenserhaltungskosten.

Schweizer entspannen Deutschen Arbeitsmarkt

Derweil hat sich der Ansturm der Schweizer auch für den Deutschen Arbeitsmarkt gelohnt. «Seit des Anstiegs der Kundschaft aus der Schweiz haben wir mehr Personal eingestellt», sagt Peter Hermann. Dies reiche aber noch nicht, wie Hermann gegenüber der az sagt: Das Lago-Center immer noch Bedarf an Personal.

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