Boykott

Schweizer Käseherstellern schmeckt es, dass Russland EU-Produkte boykottiert

Gruyère-Lager: Können die Schweizer Käsereien vom Boykott der europäischen Konkurrenz profitieren? Gaetan Bally/KEYSTONE

Gruyère-Lager: Können die Schweizer Käsereien vom Boykott der europäischen Konkurrenz profitieren? Gaetan Bally/KEYSTONE

Der russische Boykott europäischer Agrarprodukte könnte Schweizer Käsereien helfen, den russischen Markt zu erobern – es lauern aber auch Gefahren. Für andere Schweizer Agrarprodukte ist Russland keine Option.

Der brasilianische Sekretär für Landwirtschaftspolitik gab sich nach Bekanntwerden des russischen Importverbots für landwirtschaftliche Güter aus der EU, den USA, Kanada, Australien und Norwegen ziemlich schamlos: Er sagte, das Embargo sei für Brasilien eine grosse Chance, vor allem beim Export von Fleisch, Mais und Soja.

Die Schweiz steht ebenfalls nicht auf der schwarzen Liste Putins. Wittern die Bauern auch hierzulande das grosse Geschäft? Fehlanzeige: «Bei den meisten Agrarprodukten wie Fleisch, Obst und Gemüse können die Schweizer Bauern nicht einmal die einheimische Nachfrage befriedigen – ein Export nach Russland steht deshalb nicht zur Diskussion», sagt eine Sprecherin des Schweizerischen Bauernverbands gegenüber der «Nordwestschweiz». Potenzial gebe es einzig bei der Ausfuhr von Käse – davon produzieren die Schweizer Hersteller mehr, als hierzulande konsumiert wird.

Unsichere Lieferung

Und tatsächlich: Die Switzerland Cheese Marketing AG, die sich für den weltweiten Verkauf von Schweizer Käse einsetzt, ist alles andere als traurig über den russischen EU-Boykott: «Wir haben das Ziel, neue Märkte zu erschliessen – einer davon ist Russland. Die Sanktionen gegen europäische Konkurrenten sind Wind in unsere Segel», sagt Marketingleiter Martin Spahr. Auch dem Chef von Appenzeller Käse spielen die Massnahmen Russlands in die Karten: «Wir diskutieren schon länger darüber, wie wir unseren Absatz in Russland steigern könnten. Die Sanktionen könnten dabei ein Vorteil sein.»

Die Intercheese AG mit Sitz in Beromünster LU ist bereits einen Schritt weiter. Der international tätige Käseverarbeiter und -exporteur bekam gestern ein halbes Dutzend Anfragen von russischen Händlern: «Sie wollten wissen, ob wir für europäische Lieferanten einspringen könnten», sagt Geschäftsführer Daniel Dätwyler. Grundsätzlich freut sich Dätwyler über das zusätzliche Interesse. Die Sanktionen Russlands bringen aber auch Herausforderungen mit sich: Erstens ist via Deutschland gerade eine grosse Lieferung nach Russland unterwegs, von der unklar ist, ob sie in Russland über die Grenze gelassen wird. Zudem wird Intercheese einen grossen Teil der russischen Nachfrage aus Kapazitätsgründen nicht befriedigen können. Denn die Russen sind vor allem auf der Suche nach günstigem Industriekäse. Dieser wird in der Schweiz aber nur in kleinen Mengen hergestellt.

Genau aus diesem Grund hält sich bei Emmi die Freude über den EU-Boykott in Grenzen: «Unseren Käse kann sich in Russland nur eine kleine Oberschicht leisten. Wir erwarten deshalb nicht, dass sich die Nachfrage erhöhen wird», sagt eine Sprecherin des grössten Milch verarbeitenden Betriebs der Schweiz. Denn die Konkurrenten in diesem Preissegment seien vor allem andere Schweizer Käsehersteller.

2013 exportierte die Schweiz Käse im Wert von rund 6 Millionen Franken nach Russland. Damit ist das Land mit 146 Millionen Einwohnern für die hiesigen Käsehersteller nur ein Nischenmarkt. Auch der Käse-Anteil an den Gesamtexporten von Schweizer Landwirtschaftsprodukten nach Russland ist bescheiden. Insgesamt gingen nämlich Agrarprodukte im Wert von 203 Millionen Franken in das Riesenreich.

Nestlé hält sich bedeckt

Deutlich stärker zu Buche schlagen gemäss Zollstatistik milchhaltige Babynahrung (81 Millionen Franken) und verschiedene Kaffeeprodukte (58 Millionen). Verantwortlich sein für diese beiden Positionen dürfte in erster Linie Nestlé. Der Westschweizer Lebensmittelriese hält sich mit Aussagen zu den Sanktionen allerdings zurück. Ein Sprecher sagt lediglich, dass die Aktivitäten von Nestlé grundsätzlich in Übereinstimmung mit internationalen Sanktionen stünden. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass Nestlé die Produktion in der Schweiz erhöhen würde, falls der Boykott gegen Produkte aus der EU länger anhalten sollte. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die Kapazitäten in der Schweiz erhöhen lassen und daraus keine negativen Konsequenzen in den EU-Ländern entstehen.

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