Zwanzig Jahre nachdem der erste «Smart» vom Förderband lief, denkt kaum jemand mehr daran, dass der Bau des Kleinautos auf eine Initiative des vor bald sieben Jahren in Biel verstorbenen Uhren-Industriellen Nicolas G. Hayek zurückgeht. Längst nimmt man die Swatch Group in der Öffentlichkeit wieder als normales Uhrenunternehmen wahr. Doch die «Unruh», wie sie jeder mechanischen Uhr innewohnt, lässt auch Nick, den Sohn des legendären Schweizer Unternehmers mit libanesischen Wurzeln, nie ganz in Frieden.

Vor einer Woche berichtete Nick Hayek gleich von drei «Weltrekorden», mit denen seine Swatch Group «einmal mehr» ihre «technologische Exzellenz in der Mikrotechnik» unter Beweis gestellt habe. Eine Uhr war allerdings nicht unter den Erfindungen, dafür aber der weltweit kleinste Bluetooth-Chip, wie der internationale Industriestandard für Datenübertragung auf Kurzdistanzen heisst. Nicht nur ist die Mikro-Schaltung so klein, dass man sie unter der Lupe (5 mm2) betrachten muss, ebenso zeichnet sie sich durch einen bisher unerreicht geringen Energieverbrauch und durch die weltweit bislang kürzeste Aufstartzeit aus.

Kleinster Chip für den blauen Zahn

Drei Weltrekorde aus dem «Schweizer Silicon Valley», jubilierte die Swatch Group. Mediale Wellen warf die Erfindung indes kaum. Das mag primär daran liegen, dass sich ihr praktischer Nutzen für Konsumenten und damit auch das kommerzielle Potenzial für die Industrie nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten einigermassen selbstverständlich erschliesst.

Ein weiterer Grund für den erstaunlich kühlen Publikumsempfang dieses «technologischen Wunderwerks» (Swatch Group) ist gewiss auch, dass die letzten grossen Würfe aus Biel eine Weile her sind. Zwar blieb man in den 34 Jahren nach der Erfindung der Swatch beim Uhrengiganten keineswegs untätig. So suchte das Unternehmen weit vor der aktuellen Konkurrenz aus dem kalifornischen Silicon Valley den Erfolg mit elektronischen Zusatzfunktionen in der Uhr – dies aber meist ohne Glück. Bereits 1998 stellte die Swatch an der Technologiemesse Cebit in Hannover ihre erste Uhr mit integriertem Telefon am Handgelenk vor. Das Produkt schaffte den Weg nie bis in die Läden. «Swatch Access», die Uhr mit integrierter elektronischer Schlüsselfunktion, kam dann zwar in den Handel und erreichte leidliche Verkaufszahlen, doch auch sie blieb den erhofften Erfolg letztlich schuldig, weil ihre Träger wegen des fehlenden Industriestandards zu wenig Anwendungsmöglichkeiten hatten. Vergessen ist auch die Internetzeit, mit der die Swatch Internetnutzern das Dating in Chatrooms über alle Zeitzonen hinweg erleichtern wollte und damit eine neue Swatch-Gemeinde zu kreieren hoffte. Scheitern können Innovationen, so lehrten die Hayeks an diesen und weiteren Beispielen auch dann, wenn sie zu früh kommen.

Diesmal aber, so scheint es, könnte deren Erfindung zum richtigen Zeitpunkt kommen. Jedenfalls wird Nick Hayek nächsten Donnerstag an der jährlichen Medienkonferenz in Biel nicht zu Unrecht sagen können, dass seine im Urteil vieler kritischer Beobachter innerhalb und ausserhalb der Uhrenindustrie doch eher gemächliche Reaktion auf die ersten Smartwatch-Kreationen der grossen Mobiltelefonhersteller nicht unbedingt ein Fehler war oder mindestens keinen (sichtbaren) Schaden angerichtet hat. In Fachkreisen bestreite kaum jemand, dass die Ursache für die derzeitigen Probleme der Schweizer Uhrenindustrie hauptsächlich im schleppenden Konsumverhalten in den wichtigsten Absatzmärkten in Asien und anderswo zu suchen ist. Von einem Verdrängungseffekt konventioneller Uhren durch intelligente vollelektronische Zeitmesser ist bislang kaum etwas zu sehen.

Die Ruhe ist allerdings heimtückisch, warnt Mario El-Khoury, Chef des CSEM (Schweizerisches Zentrum für Elektronik und Mikrotechnik) in Neuchâtel, einer nach dem Prinzip einer öffentlich-privaten-Partnerschaft funktionierenden Forschungsanstalt. Das Unternehmen mit über 400 Mitarbeitern hat den statutarischen Auftrag, der Industrie bei der Entwicklung von Innovationen in den Bereichen Elektronik, Mikrotechnik und Photovoltaik unter die Arme zu greifen und einen effizienten Technologietransfer zu gewährleisten. «Neue Technologien haben auf den Märkten in ihren Anfängen typischerweise keine offensichtliche Bedeutung, und etablierte Anbieter haben deshalb eine Tendenz, die disruptiven Kräfte solcher Technologien zu unterschätzen», sagt der 54-jährige promovierte Elektroingenieur, der eigentlich ein Forscher ist, dessen Herz aber ganz für die Bewahrung einer industriellen Produktion auf Schweizer Boden schlägt.

Technologische Früherkennung

«Es ist wirklich wichtig, dass die Industrie bei der Ankunft solcher Technologien wachsam bleibt. Manchmal muss man auch bereit sein, etwas zu wagen, neue Technologien zu testen, ihren potenziellen Nutzen praktisch zu ergründen. Genau dafür sind wir da und dafür erhalten wir von Bund und Kantonen jährlich um die 40 Millionen Franken.» El-Khoury zeichnet einen Baum auf ein Blatt und erklärt, wie das CSEM sein Jahresbudget von um die 80 Millionen Franken einsetzt. Das Geld von der öffentlichen Hand fliesst in die fünf strategischen Technologieprogramme, in denen das CSEM aus eigenem Antrieb Basisinnovationen entwickelt und im Lauf seiner über 30-jährigen Geschichte und noch viel längeren Vorgeschichte schon einige hundert Patente angemeldet hat. Aus diesen Programmen speist das CSEM die praktischen Innovationspartnerschaften mit industriellen Kunden aus der Privatwirtschaft, die oft mit staatlichen Fördermitteln von der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) finanziert werden.

Zu den CSEM-Kunden gehört auch die Swatch Group, die sich die Arbeit in der Entwicklung des «einzigartigen Swiss Made Ökosystems» (Swatch Group) als Plattform für die elektronische Kommunikation unter Objekten (Internet der Dinge) mit CSEM aufteilen. Aber die Swatch Group gehört nicht zu den typischen Kunden des CSEM. Die Hauptklientel sind KMU, viele mit weniger als 250 Angestellten, und nur noch jeder fünfte CSEM-Kunde kommt aus dem Uhrensektor.

CSEM-Spezialisten sind Know-how-Träger von fast allem, was man unter dem Schlagwort Industrie 4.0 bzw. Digitalisierung des Produktionssektors versteht. «Manche Leute sagen mir, das ist eine Glanzzeit für euch. Aber ich würde eher sagen: Uns schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit», erklärt El-Khoury. «Wir müssen jetzt fähig sein, der Industrie das zu geben, was wir selber an Unterstützung erhalten haben. Die Firmen da draussen warten auf uns. Wir müssen beweisen, wozu wir fähig sind.»

El-Khourys leicht alarmistischer Unterton kommt nicht von ungefähr. Das CSEM wird buchstäblich überrannt von kleinen Industriefirmen, für die Innovation ganz unmittelbar die Sicherung der Existenz bedeutet. Die KTI hatte im Auftrag des Bundesrates in den Jahren 2015 und 2016 verschiedene Sondermassnahmen erlassen, um vor allem die kleinen Exportunternehmen bei der Suche nach Lösungen zur Bewältigung des Wechselkursproblems zu unterstützen. 650 Gesuche wurden eingereicht. Knapp die Hälfte davon wurde bewilligt und mit Förderbeiträgen von rund 120 Millionen Franken unterstützt. Mehr als 40 dieser Projekte sind beim CSEM angekommen. «Unsere KMU-Unternehmer leisten wirklich eine hervorragende Arbeit und ich bewundere den zähen Widerstand, den sie dem starken Franken entgegensetzen», sagt der gebürtige Libanese, für den die Schweiz längst Heimat ist. Die Not ist erwiesenermassen gross in der Industrie. Mehr als die Hälfte der Industriefirmen verdienen nicht genug, um die nötigen Investitionen zu finanzieren, gab der Industrieverband Swissmem vor wenigen Tagen bekannt.

2018 kommt Verstärkung

«Wir müssen wirklich alles unternehmen, um die produzierende Industrie im Land zu halten. Wenn diese weg ist, verlieren wir über Zeit auch die Forschung.» Wenn El-Khoury etwas Positives an der aktuellen Frankenkrise nennen muss, dann wäre dies wohl die Tatsache, dass die Notwendigkeit einer gezielten, staatlich unterstützten und pragmatischen Industrieförderung auch aus den liberalsten Kreisen kaum mehr bestritten wird. Der auf Anfang 2018 terminierte Start von Innosuisse, der öffentlich-rechtlichen Anstalt, die das KTI als Bundesbetrieb zur Innovationsförderung ablösen wird und bereits einen illustren Verwaltungsrat mit Persönlichkeiten aus der Privatwirtschaft erhalten hat (Präsident wird André Kudelski), sei ein «starkes Signal», das der Bundesrat aussende, freut sich El-Khoury. Es ist in der Tat ein industriepolitisches Bekenntnis von langfristiger Bedeutung, das auch die Öffentlichkeit noch stärker für das Thema sensibilisieren dürfte. Vielleicht werden die nächsten Weltrekorde aus dem Schweizer Silicon Valley dann etwas lauter gefeiert im Land als bislang.