Frauenstreik

Schweizer Harvard-Professorin: «Wir mögen erfolgreiche Frauen nicht»

«Auf Ungleichheiten aufmerksam machen»: Professorin Bohnet über den Frauenstreik.

«Auf Ungleichheiten aufmerksam machen»: Professorin Bohnet über den Frauenstreik.

Der lange Weg zur Gleichberechtigung: Iris Bohnet, Verhaltensökonomin an der Harvard-Universität, sagt, wie Rollenbilder uns zu Fehlern verleiten – und warum es so schwierig ist, sie aus den Köpfen zu bekommen.

Nur wenige Schweizer Ökonomen können eine solche Bilderbuch-Karriere vorweisen. Iris Bohnet, 53, wurde an der Elite-Universität Harvard zur Professorin ernannt und ist Verwaltungsrätin der Credit Suisse. Zugleich zogen sie und ihr Mann zwei Söhne gross. In der Schweiz wäre es schwieriger gewesen, Karriere zu machen, sagte Bohnet einmal. In den USA würden etwa Kindergeburtstage nie mittwochnachmittags stattfinden, nur an Wochenenden.

Frau Bohnet, US-Filmstudios lancieren erstmals Superhelden-Filme, in denen Frauen oder Afroamerikaner die Hauptrollen spielen. Captain Marvel etwa oder Black Panther. Hilft das, fixe Rollenbilder aufzubrechen?

Iris Bohnet: Ich habe diese Filme zwar nicht gesehen, aber von Ihrer Beschreibung her lautet die kurze Antwort, ja, die Forschung zeigt: Filme können bestehende Rollenbilder von Frauen und Männern oder auch von Minderheiten verändern.

Warum genau ist das wichtig?

Verfestigte Rollenbilder, wir können auch von Klischees sprechen, sind im beruflichen und privaten Alltag allgegenwärtig. Niemand ist frei davon. Erfahren wir das Geschlecht einer Person, werden automatisch Rollenbilder aktiviert. Das führt zu Ungleichbehandlungen, auch wenn diese gar nicht beabsichtigt sind.

Wie kommt es vom Klischee zur Ungleichbehandlung?

Etwa dann, wenn sich Frauen in Berufe vorwagen, die von Männern dominiert werden. Dann passt das stereotypische Frauenbild nicht zu den Anforderungen, die wir in solchen Berufen für erforderlich halten. Wenn die Frau sich als fähige Ingenieurin oder Computerfachfrau erweist, entspricht sie nicht mehr unserem Bild einer «idealen Frau». Sie wird dann häufig als zu forsch oder gar als arrogant wahrgenommen.

Sie entspricht nicht der Norm?

Das missfällt den Menschen generell. Man kann es auch pointierter formulieren. Wegen unserer Vorurteile reagieren wir auf erfolgreiche Frauen ähnlich wie auf unehrliche Männer: Wir mögen sie nicht und wir wollen lieber nicht mit ihnen arbeiten.

Wie ist dieses weibliche Ideal?

Warmherzig, fürsorglich, sich um andere sorgend. Entspricht die Frau diesem Ideal, gilt sie als sympathisch, wird aber weniger respektiert. Erfolgreiche Frauen können nur schwer beides haben: gemocht und respektiert zu werden. Das schadet ihnen, wenn sie sich bewerben, ihren Lohn verhandeln oder sich um eine Beförderung bemühen.

Gilt das auch für Männer, die einen «Frauenjob» ausüben?

Männer wie Frauen werden tendenziell diskriminiert in Berufen, die vom anderen Geschlecht dominiert werden. Im Falle von Männern sind es Berufe wie Pfleger oder Kindergärtner. Vor einigen Jahren musste ich meinen Sohn zum ersten Mal an meinem Arbeitsplatz in eine Krippe bringen. Ich war extrem nervös. Einer der ersten Betreuer, den ich sah, war ein Mann. Ich wollte mich umdrehen und weglaufen. Zum Glück widerstand ich diesem Impuls. Der Betreuer erwies sich als grossartig. Aber diese Bauchreaktion ärgert mich heute noch.

Wie wirken Stereotypen von ethnischen Minderheiten aus?

Es gibt Evidenz, dass afroamerikanische Männer von ihrer Umgebung bestraft werden, wenn sie sich dominant verhalten – weisse Männer werden dies nicht. Zugleich zeigt die Forschung, dass afroamerikanische Männer einen Vorteil haben, wenn sie weiche Gesichtszüge haben und Wärme ausstrahlen. Nelson Mandela ist dafür ein gutes Beispiel. Die gleichen Eigenschaften schaden einem weissen männlichen Chef.

Inwiefern schaden Ungleichbehandlungen den Unternehmen?

Es wird für eine bestimmte Position von vorneherein die Hälfte des verfügbaren Pools an Talenten ausgeschlossen. Also bekommen Unternehmen tendenziell nicht die besten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Oder Unternehmen verlieren qualifizierte Mitarbeitende, weil diese ungerechtfertigt auf Ablehnung stossen. Moralisch ist die Ungleichbehandlung sowieso falsch.

Wenn Klischees nur schaden: Warum haben sie dennoch alle Menschen in den Köpfen?

Klischees sind eigentlich eine Form von Faustregeln, die unser Gehirn nutzt. Man kann auch von Vereinfachungen sprechen oder von Heuristiken. Dadurch können Informationen von unserem Gehirn effizienter verarbeitet werden. Leider aber manchmal auf inkorrekte Weise.

Warum nutzt unser Gehirn solche Faustregeln, wenn wir damit so oft falsch liegen?

Wir können damit die Welt schneller interpretieren und schneller reagieren. Die Psychologie unterscheidet bildhaft zwei verschiedene Arten zu denken. Das intuitive System 1 arbeitet automatisch, ohne viel Anstrengung und Kontrolle – und nutzt solche Heuristiken. System 2 steht für unser willentliches Denken, das auf Logik gründet – es erfordert Anstrengung und ist langsamer.

Und das erste System wird häufiger genutzt?

Ja, einige Experten schätzen, dass 80 bis 90 Prozent unseres Denkens unbewusst ablaufen.

Dann werden wir Klischees nie wegbekommen und auch nicht Ungleichbehandlungen?

Es ist zumindest sehr schwierig, solche Rollenbilder zu verändern. Aber wir können unsere Umwelt so verändern, dass Stereotypen sich nicht auf unser Verhalten auswirken. Denken und Handeln sind nicht das Gleiche. Wir müssen die Vorurteile aus unseren Systemen entfernen. Mit vergleichsweise einfachen Massnahmen kann man viel erreichen. Zum Beispiel mit Vorhängen, hinter denen Musikerinnen und Musiker für ein Orchester vorspielen. Durch diese simple Massnahme erhöhte sich die Erfolgschance für Musikerinnen um 50 Prozent. Solche Vorhänge sind mitverantwortlich dafür, dass wir heute beinahe 40 Prozent Frauen in den berühmtesten Orchestern in den USA haben. In den 1970er-Jahren waren es bloss 5 Prozent.

Liessen sich die Direktoren der Orchester leicht überzeugen?

Nein, die Direktoren, alles Männer übrigens, waren überzeugt, sie würden nur die Musik hören. Der berühmte amerikanische Dirigent Leonard Bernstein sagte damals öffentlich, der Vorhang habe auf ihn keinen Einfluss. Die Evidenz lehrte ihn dann, dass auch er von Vorurteilen beeinflusst wurde.

Können Vorhänge auch in der Privatwirtschaft funktionieren?

Das wird zunehmend relevant. In den USA und in Grossbritannien helfen Tech-Startups, dass Unternehmen quasi einen Vorhang in ihre Rekrutierungsprozesse einbauen können. Man ist schon einen grossen Schritt weiter, wenn Bewerbungen anonymisiert werden: Angaben zum Geschlecht werden entfernt, zum Alter oder zur ethnischen Herkunft. Generell geht es auch bei diesen Startups um das Gleiche: Vorurteile aus unseren Systemen zu entfernen.

Was hilft sonst noch?

Ich habe zehn Massnahmen zusammengestellt, mit denen sich Ungleichbehandlungen bei der Arbeit nachweislich abbauen lassen. So erbringen Teams mit einem möglichst ausgeglichenen Anteil von Männern und Frauen bessere Leistungen. Frauen wie Männer können so als Führungskräfte wahrgenommen werden. Oder man sollte die Macht von Symbolen nutzen. Es hat einen Einfluss, wenn an den Wänden nur Bilder von früheren männlichen Präsidenten hängen. Vorbilder helfen, das Verhalten zu verändern.

Was bewirkt ein Frauenstreik?

Auf Ungleichheiten aufmerksam machen: bei Löhnen, in Führungspositionen in Wirtschaft und Politik und in der Betreuungsarbeit. Der Schweizer Film «Die Göttliche Ordnung» zum Kampf für das Frauenstimmrecht hat mir sehr gefallen. Er erinnert daran, dass Frauen in der Schweiz noch gar nicht so lange abstimmen können. Das ist schon erschreckend.

Wie kam es, dass Sie am Thema Ungleichbehandlung forschen?

Ich bin Verhaltensökonomin und dachte, Einsichten aus meiner Disziplin könnten uns helfen, der Chancengleichheit wirklich eine Chance zu geben. Ich hoffe, dass mein Buch, «What Works: Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann» ein Beitrag dazu ist.

Meistgesehen

Artboard 1