Schweizer Kartoffelproduzenten stehen in diesem Jahr vor einer seltenen Chance: Sie können Kartoffeln ins Ausland exportieren. Grund dafür ist die schlechte Ernte in Nordwesteuropa. Die Ernte in Deutschland, Belgien, Frankreich, Grossbritannien und den Niederlanden ist viel schlechter ausgefallen als in anderen Jahren. Im grossem Stil können Schweizer Produzenten zwar nicht exportieren, sagt Niklaus Ramseyer von der Vereinigung der Schweizer Kartoffelproduzenten (VSKP). «Der Inlandmarkt ist nach dem Angebot und der Nachfrage jeder Sorte abgestimmt, was bedeutet, dass nur so viel Fläche einer Sorte angebaut wird, wie in der Schweiz verwertet werden kann», erklärt er. In diesem Jahr würden die Chancen aber gut stehen, dass eine allfällige Übermenge in die EU exportiert werden kann.

Historisch schlechte Ernte

Klar ist auch, dass die Schweizer «Härd- öpfel» nicht die grosse Versorgungslücke im EU-Raum wird stopfen können. Denn in unseren Nachbarländern geht man von «historisch kleinen Ernten» aus, wie die Ferdinand Buffen, der Geschäftsführer der Firma Wilhelm Weuthen, bereits Ende August prophezeite. «Heute befinden wir uns in ganz Europa im Krisenmodus und wir stehen vor der grössten Herausforderung der letzten Jahre», so Buffen. Das Jahr 2018 werde in die Geschichte eingehen und die Dürrejahre 1959, 1976 und 2003 toppen. Insgesamt würden bis zu sieben Millionen Tonnen weniger Kartoffeln geerntet, fürchtet Buffen. Für den Markt bedeutet das: Je weniger Kartoffeln, desto höher der Preis.

Hersteller von Produkten wie Chips oder Pommes frites müssen mehr zahlen, um die gleiche Menge an Rohstoffen zu erhalten. Falls die Hersteller die Preissteigerung an die Konsumenten weitergeben, werden die Chips und Pommes tatsächlich teuer. Der Bundesverband der Deutschen Süsswarenindustrie (BDSI) rechnet mit einer möglichen Preissteigerung von 30 Prozent.

Mehr Regen in der Schweiz

Die Schweiz war weniger betroffen, weil in den Hauptanbaugebieten Bern, Fribourg und Waadt genug Regen gefallen ist, so Niklaus Ramseyer von der VSKP. Ausserdem werde die Hälfte der Anbaugebiete in der Schweiz zusätzlich bewässert.

Weil Produzenten wie Zweifel für ihre Chips Schweizer Kartoffeln verwenden, droht kein Engpass und deshalb wohl auch keine Preissteigerungen. So zumindest sagen das angefragte Detailhändler. Zwar sind noch nicht alle Kartoffeln geerntet, «aber wir sind optimistisch dass wir über genügend und qualitativ sehr gute Schweizer Kartoffeln verfügen werden», so Anita Binder, Mediensprecherin von Zweifel, auf Anfrage. Zur Sicherheit lasse das Unternehmen immer eine gewisse Übermenge anbauen. «Wir gehen deshalb davon aus, dass die hohen Preise in der EU keine Auswirkungen auf unsere Konsumenten haben», so Binder. Importware hingegen dürfte teurer werden.

Die Migros gibt ebenfalls Entwarnung: «Wir rechnen nicht mit Engpässen. Bei gewissen Sorten gibt es noch Restposten aus dem Jahr 2017. Dieser würde eine allfällig tiefer ausfallende Ernte kompensieren», so Sprecher Patrick Stöpper, «es ist alles im grünen Bereich bei Chips und Pommes frites.» Coop bezieht die Kartoffeln für einige Produkte zwar unter anderem aus Österreich und Spanien, hat aktuell aber noch keine Schwierigkeiten, genügend Kartoffeln zu erhalten. Wie sich die Situation in den nächsten Monaten entwickle, lasse sich derzeit noch nicht abschätzen, so Sprecherin Alena Kress.

Auch wenn die Schweizer Produzenten in diesem Jahr Glück hatten; sie sind nicht gegen schlechte Ernten gefeit. Ein Beispiel dafür ist das Jahr 2016. Damals war die Ernte wegen des vielen Regens schlecht gewesen. Die Schweiz musste rund doppelt so viele Kartoffeln importieren als in anderen Jahren.